Die kleinen Dinge der großen Philosophen

von Manfred Geier

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Verlag: Rogner & Bernhard
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 12/2001

Folgende Geschichte, erzählt von einem gewissen Ludwig Wittgenstein: "Ich sitze mit einem Philosophen im Garten; er sagt zu wiederholten Malen ,ich weiß, dass das ein Baum ist', wobei er auf einen Baum in unserer Nähe zeigt. Ein Dritter kommt daher und hört das, und ich sage ihm: 'Dieser Mensch ist nicht verrückt: Wir philosophieren nur.'"

Wenn sie schon nicht verrückt sind - was ist anders bei jenen Menschen, die man "Philosophen" nennt? Tatsächlich ist zumindest der Zugang zum Selbstverständlichen ver-rückt: "Nimmt man das alltägliche Vorstellen zum einzigen Maßstab der Dinge, dann ist die Philosophie immer etwas Verrücktes. Diese Verrückung der denkerischen Haltung lässt sich nur in einem Ruck nachvollziehen." (Martin Heidegger) Probleme finden, wo gewöhnlich Sterbliche überhaupt kein Problem entdecken können, so könnte man also den Grundgestus der philosophischen Denkweise charakterisieren.

Im Prinzip gibt es zwei Möglichkeiten, sich diesem Gestus anzunähern: erstens, die anstrengende Methode, die tour de force - das langwierige Studium dicker Folianten mit komplizierten Originaltexten. Und zweitens, die methode en passant, der Blick in die - manchmal trivialen - Alltagsweltenverschiedener Denker. Methode zwei wurde kürzlich von Manfred Geier gewählt. In "Die kleinen Dinge der großen Philosophen" entwickelt er eine exemplarische Geschichte philosophischer Schlüsselerlebnisse und beleuchtet durch die private Hintertür persönliche Ausgangspunkte großer Theoriengebäude.

Eine Hauptrolle in dieser Geschichte spielen Alltagsobjekte und Fetische, die gewissermaßen als Kondensationskeime für theoretische Konzepte fungieren. Viele Denker hatten ihre Schlüsselobjekte: Goethe das Blatt einer Fächerpalme, Walter Benjamin einen Baum und Karl Marx einen Tisch. Und das Denken des Logikers Rudolf Carnap entzündete sich an einem einfachen Streichholz. Die völlig unverdächtig wirkende Aussage "Dieses Streichholz ist nicht in Wasser löslich" stellt nämlich die Wissenschaftstheorie vor ein schier unlösbares Problem: Wie kann man im Rahmen einer formalen Sprache über nicht verwirklichte Möglichkeiten, über so genannte "Dispositionen", sprechen?

Die Carnap'sche Lösung baute auf einem logisch-technischen Kunstgriff auf, der wiederum Karl Popper als Kritiker auf den Plan rief. Auch seine Replik nahm Bezug auf ein intellektuelles Fetischobjekt: "Hier steht ein Glas Wasser", war die niederschmetternde Antwort. Seine Theorie der freien Konkurrenz wissenschaftlicher Theorien lehnte die von Carnap vorgenommene Unterscheidung von Theorie und Beobachtungssprache ab. Später, in seiner Autobiografie, hat sich Popper, offensichtlich nicht von Selbstzweifeln geplagt, sogar als Hauptgegner und Vernichter des vom Wiener Kreis (dem Carnap angehörte) vertretenen logischen Positivismus dargestellt.

Robert Czepel in FALTER 12/2001 vom 23.03.2001 (S. 31)


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