Baby Wars
Fortpflanzungswettbewerb und Familienstrategien

von Robin Baker, Elisabeth Oram

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Limes
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 12/1999

Zum Vögeln verdammt?

Der britische Evolutionsbiologe Robin Baker will in seinem Buch "Baby Wars" unser Reproduktionsverhalten aus unseren Genen erklären - und stellt damit die menschliche Willensfreiheit in Frage.
Über die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl". Diesen Titel trug Charles Darwins bahnbrechendes Werk, mit dem er die Artenvielfalt als Ergebnis eines langen, dynamischen Prozesses von Konkurrenz zwischen Lebewesen und entsprechender Anpassung an die spezifischen Umwelten erklärte. Die Heftigkeit der Diskussionen, die Darwins Buch ausloste, da es die unveränderliche Einzigartigkeit des Menschen in Frage stellte, ging weit über die Wissenschaft hinaus und ist heute, 140 Jahre später, kaum mehr nachvollziehbar.
In der Zwischenzeit hat sich auch die Darwinsche Evolutionstheorie weiterentwickelt: Sie wurde um Erkenntnisse der Genetik ergänzt und ist - sofern sie rein physische Aspekte des Lebens wie die Vererbung von korperlichen Eigenschaften oder die Herausbildung bestimmter Organe betrifft - weitgehend akzeptiert. Wendet man aber dieses Prinzip, das nur bestmoglich an die Umwelt angepaßte Individuen zuläßt, auch auf Bereiche des individuellen oder kollektiven menschlichen Verhaltens an, dann wird die Debatte wieder mit unverminderter Schärfe geführt.
Nicht zu Unrecht, denn Abgründe gibt es viele: Entweder bemüht man "die Evolution", um ein gottgewolltes Endziel der Entwicklung zu erklären, oder es wird versucht, damit die Naturgesetzlichkeit einer Blut-und-Boden-Ideologie zu beweisen. Außerdem ist in den Naturwissenschaften sowohl der Glaube, "objektive Wirklichkeit" zu beschreiben, als auch derjenige, sogenannte "wertfreie Forschung" zu betreiben, weit verbreitet, was die kritische Distanz zu den Aussagen nicht unbedingt fordert.
"Baby Wars" heißt das zweite Buch von Robin Baker, seines Zeichens Evolutionsbiologe der Universität Manchester. Es steht seinem erfolgreichen Erstlingswerk, "Krieg der Spermien", um nichts nach - auch und vor allem darin, wie hier abermals die Evolutionstheorie zur Erklärung menschlichen Handelns herangezogen wird. Jedes Kapitel beschreibt vorab einen Aspekt des Familienlebens im Stil einer fiktiven Fallstudie, ehe daran anschließend das Verhalten der Protagonisten aus dem Blickwinkel der Evolutionsbiologie erklärt wird.
Das klingt noch nicht weiter aufregend, die Themen jedoch haben es zum Teil in sich: Sie reichen von üblichen Verhaltensweisen und Vorkommnissen wie der Partner- und Vaterwahl, Übelkeit während der Schwangerschaft und Wehenschmerzen bis zu "heißen Eisen" wie Promiskuität, Inzest und Kindesmißhandlung. Da jeder selbst einmal Kind war, kann man sich auch als kinderloser Mensch zumindest in der einen oder anderen Szene wiederfinden. Die Beschreibungen sind direkt, manchmal drastisch und, wie eine Rezensentin im Spektrum der Wissenschaften etwas pikiert anmerkte, teilweise auch "pornografisch". Doch das hängt weniger mit Bakers Stil als mit der gesellschaftlichen Realität zusammen.
Das Problem sei, so schreibt der Autor im Vorwort, daß Menschen zwar akzeptieren, daß etwas für das Überleben so Unwesentliches wie die Augenfarbe bei der Zeugung durch Gene festgelegt worden ist, sie sich aber gegen den Gedanken wehren, daß auch ihr Verhalten von Genen beeinflußt sein konnte. Mit unserer Geisteskultur, die vom Kantschen Postulat der Freiheit des menschlichen Willens geprägt ist, wonach Handlungen rational geplant werden, läßt sich dieser Ansatz auch nur schwer vereinbaren: "Sex, Elternschaft und alle sonstigen Verhaltensaspekte funktionieren genau wie Hunger. Die Gene liefern die Instruktionen, der Korper führt sie aus und nimmt notfalls das Gehirn in Anspruch, damit es sich etwas merkt oder damit es herausfindet, wie das, was getan werden muß, am besten erledigt wird."
Allein, Baker ist kein Scharlatan, der mit windigen, selbstgebastelten Theorien hausieren geht. Er hat eine Fülle von aktuellen, in Fachjournalen publizierten Erkenntnissen und statistischen Daten zusammengetragen und in eine lesbare, aber nicht vereinfachende Form gebracht. Bei manchen der genannten Zahlen regt sich zuerst einmal der Reflex, diese anzuzweifeln: So sollen z.B. - je nach sozialer Schicht allerdings - bis zu 40 Prozent der Kinder von anderen Männern als dem amtlichen Vater stammen. Die Wahrscheinlichkeit wiederum, daß ein Mann seine Stiefkinder totet, sei hundertmal so hoch wie jene, seine genetischen Kinder umzubringen. Wie sich aber seit einigen Jahren zeigt, dürfte eher unser Wunsch nach einer anderen gesellschaftlichen Wirklichkeit die Wahrnehmung dieser Verhältnisse behindern.
Robin Baker will aber keineswegs Betroffenheit erzeugen, sondern versucht, ein konsistentes Erklärungsmodell für alle diese mit dem individuellen Fortpflanzungserfolg zusammenhängenden Phänomene zu liefern. Er weiß auch, daß er mit seiner Feststellung der biologischen Grundlage von bestimmten Verhaltensformen, die von den meisten als unmoralisch, asozial oder gefährlich empfunden werden, vermintes Gelände betritt. Dennoch wirkt seine Beteuerung, daß er das Verhalten "nur" verstehen wollte und seine Interpretationen keine politische oder gesellschaftliche Dimension hätten, etwas blauäugig.
Das Buch ist jedenfalls eine spannende Reise durch die unbekannte Welt des selbständig agierenden Korpers, der stets auf die Optimierung des Reproduktionserfolgs erpicht ist. Mein Bewußtsein, quasi ein Nebenprodukt der Evolution, hat es mit Interesse gelesen.

Peter Iwaniewicz in FALTER 12/1999 vom 26.03.1999 (S. 32)


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