Henry der Held

von Roddy Doyle, Heinz-Gerhard Haupt

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Verlag: Wolfgang Krüger
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 12/2000

Roddy Doyles historischer Roman "Henry der Held" schildert das Schicksal eines IRA-Kämpfers und die Geburtswehen der irischen Republik. Heaven - I'm in heaven - and my heart beats so that I can hardly speak ..." Zeilen aus dem Song "Cheek to Cheek" von Irving Berlin als Leitmotiv auf der ersten Seite. Ironie? Wahrscheinlich, immerhin handelt Roddy Doyles neues Buch vor allem von Mord und Totschlag. Und von einem bedeutenden, wenngleich tragischen Moment in der Geschichte Irlands - dem Aufstand gegen das britische Empire, Ostern 1916.
Bis dato spielten Doyles Bücher stets in der Gegenwart. Im Dubliner Arbeitermilieu. Die "Barrytown-Trilogie" ("The Commitments", "The Snapper", "The Van") wurde von Alan Parker respektive Stephen Frears verfilmt, für "Paddy Clark Ha Ha Ha" erhielt Doyle 1993 den Booker Prize und trat zuletzt als Mitautor von Dermot Bolgers populärer Anthologie "Finbars Hotel" (Falter 26/99) in Erscheinung. Jetzt also der historische Roman "Henry der Held", laut New York Times "Doyles größtes, wichtigstes Buch".
Erzählt wird das Schicksal von Henry Smart, einem Paddy von echtem Schrot und Korn; 1901 hineingeboren mitten in die Slums der irischen Hauptstadt; der Vater Rausschmeißer in einem Bordell und Auftragskiller für einen zwielichtigen Unterweltsboss; die Mutter mit dem wohlklingenden Namen Melody Nash eine rasch dahinwelkende Schönheit, die unter der Last unzähliger Schwangerschaften mehr schlecht als recht durchs Leben stolpert. Aber Henry Smart wird - allen widrigen Umständen zum Trotz - ein Strahlemann. Dem man schon als Baby ansieht, dass er etwas Besonderes ist: "Die alten Frauen des Viertels standen Schlange, im Treppenhaus, die Treppe runter bis auf die Straße, um mich zu besichtigen."
Schon hier offenbart Doyles Roman seinen ambivalenten Charakter: Zum einen ist er eine detailfreudige und kenntnisreiche Milieustudie, gestützt auf zahlreiche Quellen, die am Ende des Buches auch brav zitiert werden, zum anderen erzählt er eine historisch glaubhafte, flotte Geschichte mit stringenter Handlung und klar gezeichneten Figuren. Einer der beiden Ansätze kommt dabei zu kurz. Je nachdem, welches Kapitel man aufschlägt.
Im ersten Teil wird Henrys Kindheit geschildert. Gemeinsam mit seinem Bruder Victor schlägt er sich als Bettler durch. Die beiden schlafen auf Parkbänken oder in Hauseingängen. Die Beschreibung dieser Straßenkind-Schicksale bleibt merkwürdig flach. Als Henrys Bruder stirbt, heißt es dazu nur lapidar: "Und dann war Victor auf einmal tot." Im zweiten Kapitel treffen wir Henry Smart im Dubliner General Post Office wieder. Ostermontag 1916. Seite an Seite mit Michael Collins verteidigt er die soeben proklamierte irische Republik und das symbolträchtige Gemäuer gegen die anrückenden Engländer. Wieder serviert uns Roddy Doyle Irritierendes: Das Blutbad unter den Republikanern gewinnt in Doyles Schilderung keine Drastik, vielmehr scheint es sich dabei um eine große Party zu handeln - zumindest aus der Sicht von Henry Smart. Ganz junger Feschak und rescher Draufgänger, führt er nicht nur kokette Sprüche ("Hier in der Hauptpost war ich wohl der bestaussehende Junge"), sondern findet auch noch Zeit, über die Barrikaden Küsse auszuteilen und zwischen den Kampfhandlungen enorm guten Sex zu haben.
Liest man schließlich Kapitel drei und vier, macht sich vollends der Eindruck breit, die ganze Chose in Dublin 1916 inklusive der folgenden Jahre des Guerillakrieges sei in erster Linie ein Abenteuerurlaub gewesen. Der wahre Horror wird nicht greifbar. Schrecklich, ja. Tote, natürlich. Folter, auch. Aber durch die "coolen" Sprüche seines Helden und die klischeehaften Erotik-Einsprengsel läuft Doyles Roman immer wieder Gefahr, in billige Kolportage abzudriften. Henry Smart durchschreitet die blutige Apokalypse als Superman. Unverwundbar. Unbesiegbar. Unglaubwürdig.

Erwin Quirchmair in FALTER 12/2000 vom 24.03.2000 (S. 14)


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