In Gestalt eines Ebers

von Lawrence Norfolk, Melanie Walz

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Knaus
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 38/2001

Griechische Mythologie, Paul Celan und der Partisanenkrieg gegen die Nazis: In Lawrence Norfolks neuem Roman kommt einiges zusammen.

Drei Mythen webt Lawrence Norfolk ("Lemprières Wörterbuch") in seinem neuen Roman, "In Gestalt eines Ebers", zusammen: Altgriechische Helden begeben sich auf die Jagd nach einem riesigen Wildschwein, das die kalydonische Landschaft verwüstet; ein junger Mann flieht aus einer von den Nazis besetzten Stadt Osteuropas und wird zum berühmten Dichter; eine Gruppe griechischer Partisanen bringt einen SS-Offizier namens Eberhardt (!) zur Strecke. Das alles soll sich in einer Geschichte ausgehen?

Schon die erste Seite irritiert den Leser. Nicht wegen ihres Inhalts, der sich mehr oder weniger auf die Aufzählung von Orten und Landstrichen beschränkt, sondern durch eine sieben Zeilen lange Fußnote. "Hdt. vii, 176,2-3; Paus. i,4,2 iii,4,8, x,20,1, x,22,1; qua saepto: Paus. i,1,3;" usw. usf. Die folgenden Seiten machen die Verwirrung perfekt: Die Fußnoten nehmen beinahe die ganze Seite ein, ehe sich die Geschichte überhaupt in den Fußnoten abspielt.

Will uns Norfolk etwa vormachen, einen gelehrten Traktat verfasst zu haben? Was zunächst wie Präpotenz des Autors aussieht, beginnt man mit fortschreitender Lektüre zu genießen. In Zeiten des Hypertexts wirkt der Haupttext-Fußnoten-Parallelslalom zwar ein bisschen antiquiert, er bereitet jedoch zumindest jenen Vergnügen, die sich im Studium einst mit solchen Dingen abplagen mussten. Das Verfahren hat auch seine inhaltliche Berechtigung: Norfolk versucht, aus spärlichen Textfragmenten und Darstellungen auf altem Tongeschirr den Mythos von der Jagd des kalydonischen Ebers nachzuerzählen.



Viel Material findet er nicht vor: Sechzig Männer, darunter die Promis Theseus, Iason, Nestor und Laertes, der Vater des Odysseus, sowie eine Heldin namens Atalante gehen auf die Jagd nach einem furchtbaren Eber. Die Jäger haben es nicht nur auf den Eber, sondern auch auf die Frau abgesehen. "Die Hitze in der Schlucht verschmolz und verwob alle miteinander, alle außer ihr." Norfolk beschreibt die Jagd auf Eber und Frau als eine Reise zum Mittelpunkt des Grauens. Mit dem Tod des Ebers in einer Höhle bricht die Erzählung abrupt ab.

Der zweite Teil des Buchs versetzt den nun schon mythengeschwängerten Leser zunächst nach Paris. In einem Fernsehstudio wird ein Dichter interviewt, den sein Versepos "Die Keilerjagd" berühmt gemacht hat. Zwar heißt er Solomon Memel, man braucht aber schon das Erinnerungsvermögen eines Wildschweins, um in ihm nicht Paul Celan zu erkennen. Memel erhält Besuch von einer alten Dame - was Erinnerungen an ihre gemeinsame Zeit vor dem Krieg auslöst.



Nach dem klobig-erhabenen Sprachduktus des ersten Teils wartet der Leser mit einigem Misstrauen, wie Norfolk nun diese Jugendgeschichte bewältigen wird. Erstaunlich bravourös: Er meistert eine Erzählung im Stil klassischer Romane, berichtet vom Leben dreier junger Menschen, Sol, Ruth und Jakob, in einer pittoresken osteuropäischen Stadt. "Die Wetterfahnen der Marien- und der Heilig-Kreuz-Kirche drehten sich in langsamem Gleichklang, von einer östlichen Brise in Bewegung gesetzt. Das nächste Gebäude des unendlichen Panoramas war der Uhrturm des Rathauses, ein kleiner Tempel, den ein doppelköpfiger Adler krönte."

In diese Idylle brechen deutschen Truppen ein und machen Jagd auf die örtliche jüdische Bevölkerung. Sols Eltern werden getötet, ihm gelingt mithilfe seiner beiden Freunde die Flucht. Er schlägt sich nach Griechenland durch und steigt schließlich in jene Schlucht ab, in der einst der kalydonische Eber sein Ende gefunden hatte. Dort wird er von einer Partisanin namens Thyella gerettet, und dort wird er später den Tod des SS-Offiziers Eberhardt erleben.

Zumindest könnte so eine Version der Geschichte lauten. Norfolk bringt aber immer wieder Elemente ins Spiel, die diese Version fraglich erscheinen lassen. So ist etwa der Abstieg in die Eber-Schlucht unmöglich. Auf das Gedicht, das Sol berühmt macht, antwortet sein Jugendfreund Jakob mit einem Pamphlet, das Sol als Lügner hinstellt. Also, was jetzt? "Was für eine Antwort hätte ich dir geben können, Ruth? Unser Gedächtnis erzählt uns nie die Geschichten, die wir benötigen." Aber manchmal schafft es ein Autor, uns von seinen Geschichten zu überzeugen.

Christian Zillner in FALTER 38/2001 vom 21.09.2001 (S. 67)


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