Kafkas Fluch

von Achmat Dangor, Gerhard Beckmann

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Knaus
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 41/2001

Nadine Gordimer und Achmat Dangor beschreiben in ihren Romanen die Schwierigkeiten im Südafrika nach der Apartheid: Es gibt nicht nur Schwarze und Weiße.

Südafrika bekommt Farbe. Die Bilder in Schwarz und Weiß sind leicht koloriert, die Grenzen hin zu anderen Kulturen, Religionen und vergessenen Minderheiten durchlässig – auch in der Literatur. Sie verändert sich, nachzulesen bei Achmat Dangor oder auch Nadine Gordimer. Erstaunlich gerade bei Letzterer, denn eigentlich schreibt Gordimer seit den Sechzigerjahren an derselben Geschichte: ähnliches Personal, ähnliche Schauplätze, Charaktere, die in mehreren Romanen auftauchen, Querverweise auf frühere Bücher und gesellschaftliche Konflikte, die sich Seite für Seite weiterentwickeln. Jahrzehntelang hat die Schriftstellerin vom Schreibtisch aus gegen die Rassentrennung gekämpft. Nun begleitet sie Südafrika durch die diffizilen Jahre der Nach-Apartheid-Ära. "Ein Mann von der Straße" heißt der jüngste Band dieser Chronik eines Landes, das sich aus seiner jahrelangen rassistischen Erstarrung löst und doch noch darin verfangen ist. Ein Buch, das sich ganz bewusst als Experiment ausweist, als Versuchsanordnung im literarischen Labor: Mal angenommen, es gäbe da eine weiße Frau aus gutem Haus, die sich heute in einen Farbigen verliebt.Was würde das bedeuten – für die beiden, die Freunde, Eltern? Aber eben: Der Farbige ist nicht schwarz, sein Teint ist dunkelbraun: ein Araber. Nadine Gordimer spielt die Konstruktion durch: Julie, Ende 20, hat sich von ihren Eltern entfernt und lebt in einer Freundesgemeinschaft, die keinen Unterschied macht zwischen Schwarz und Weiß. Oder doch? Julie selbst kennt keine Vorurteile. Abdu ist Mechaniker, sehr attraktiv, feinnervig. Aus seiner Heimat, wo er studiert hat, ist er geflüchtet, auf der Suche nach einem besseren Leben. Gelandet ist er im Hinterzimmer einer Autowerkstatt in Südafrika, keine Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung, falscher Name. Julie und Abdu werden ein Paar. "Er ist da, bei ihr, gehört zu ihr; und auch nicht da, ohne Namen, ohne Adresse, ohne Ansprüche an irgendwen." Nadine Gordimers Roman gibt sich zurückhaltend: eine klare, reduzierte Sprache, die sich Gefühlsregungen verbietet; Stimmen von außen, die die Handlung kommentieren; gelegentlich ein Einwurf der beiden Hauptfiguren, der aus dem Off kommt. Eine strenge, packende Methode. Die Beziehung zwischen Julie und Abdu scheint eine von vielen zu sein. Bis zu jenem Tag, da Abdu seine Anonymität verliert und sich mit einem Brief konfrontiert sieht, der ihm zehn Tage zubilligt, das Land zu verlassen. Wohin nun? Nach Hause? Allein oder zu zweit? "Sie hatten mit nichts als der Gegenwart gelebt, und jetzt redeten sie über eine Zukunft, die unter Umständen nie kommen würde. Aber diese Zukunft existierte, für sie beide." Dieses neue Südafrika scheint ein fragiles politisches Gebilde zu sein, das sich immer noch nicht an die Zeit nach der Apartheid gewöhnt hat: Die Toleranz ist brüchig, verschwindet bei jeder kleinsten Mutprobe. Und selbst die Freunde Julies, die sich so liberal geben und Abdu freundschaftlich an die Brust nehmen, reagieren seltsam, als er ausgewiesen wird. "Er brauchte eben einen Teller Suppe. Und ein Bett. Und offensichtlich weiß er, was er darin machen muss." Oder: "Julie soll sich abregen." Aber Julie regt sich nicht ab, geht mit Abdu in dessen Heimat – gegen seinen Willen. Das kleine Dorf in der Wüste mochte er ihr nicht zumuten, nicht die Frauenfeindlichkeit des Islam, die Armut, das zerstörerische Klima. Doch Julie gewöhnt sich an ihr neues Leben, unterrichtet die Kinder des Dorfes. Als Abdu nach einem Jahr mit einem Visum für die USA ankommt, lehnt sie ab, ihn zu begleiten. Abdu tobt, reist ab, Julie bleibt. Manches an diesem letzten Teil des Romans verkommt zur Folklore. Das anfangs klar umrissene Experiment ufert aus, versackt in der fast schon schwärmerischen Beschreibung von Sandwüste, Berbermädchen, dem Licht zwischen den Dünen. Nachdem er Südafrika verlassen hat, strandet der Roman. Gerade darin spiegelt sich eine große Unsicherheit: Als hätte man zu lange innerhalb der Grenzen Südafrikas gelebt und dabei andere Kulturen und Länder, so nah sie auch gelegen sind, aus den Augen verloren. Und so ist gerade dieser missglückte letzte Teil des Romans auch wieder spannend, ein Spiegel der bestehenden Verhältnisse.Was sieht Achmat Dangor, wenn er sich im Spiegel betrachtet? Dunkle Augen, braune Haut. Über eine Million Inder leben in Südafrika. Einigen von ihnen begegnet man in Achmat Dangors Roman "Kafkas Fluch", einer sinnlichen, prallen Familiensaga. Bei den Khans ist nichts so, wie man es sich erwartet. Der Großvater ist ein indisch-javanischer Mohammedaner, die Großmutter eine rothaarige "Afrikaanderin", der eine Enkel ein strenger Moslem, der andere ein Flüchtiger, der seinen Namen ändert, sich als Jude ausgibt und eine Weiße heiratet.Wer aber sind sie nun wirklich, die Khans? In den Jahren vor dem Ende der Apartheid war man damit beschäftigt, sich durchzuschlagen, am Schwarzmarkt, im Untergrund. Später, da man via Gesetz seinen Platz in der Gesellschaft gefunden hat, schmerzt anderes: Wer ist man nun wirklich? Verloren gegangen ist nicht nur die eigene Identität, man ist sich selbst abhanden gekommen, schlittert dahin, sucht sich und seine Wurzeln.Was passiert mit denen, die es wagen, jenen Raum zu verlassen, der ihnen mit der Geburt zugewiesen wurde? "Man darf ihn ein bisschen erweitern, diesen Raum, ein Dachgeschoss anbauen, einen Garten anlegen oder einen höheren Zaun errichten, als man ererbt hat. Doch wenn man ihn verlässt, tut man's auf eigene Gefahr. Man wird allein fürs Fortgehen bestraft." Ein klares Statement zum Südafrika von heute. Sätze wie diese sind bei Achmat Dangor selten. Sein Roman verzahnt die Mythen Asiens mit dem Alltag in den Townships, stellt alte Sagen neben die Splitter aus der Familiengeschichte, rast leichtfüßig durch die Zeiten und Generationen. Surreales bricht ganz selbstverständlich in den Alltag ein, darüber staunt keiner, und auch in der Geschichte ist es ganz selbstverständlich präsent. Achmat Dangor ist ein wendiger Erzähler, der trommelt und singt, flüstert und schreit. Ein Roman in vielen Stimmen, ein Turm von Babel, ein fremdes,magisches Buch. Eine Empfehlung.

Susanne Schaber in FALTER 41/2001 vom 12.10.2001 (S. 16)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Ein Mann von der Straße (Nadine Gordimer, Heidi Zernig)

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