Die Unberührten

von Robert Schneider

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Knaus
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 6/2000

Robert Schneiders jüngstem Roman, "Die Unberührbaren", gelingt es, die beiden Vorgänger der "rheintalischen Trilogie" noch zu unterbieten.
Den Johannes Elias Alder, die Hauptfigur aus Robert Schneiders Erstlingsroman "Schlafes Bruder", habe ich mir immer mit ganz dicken Aknepusteln vorgestellt. Nur so konnte ich mir erklären, was unter Vorarlbergs Himmel in der entscheidenden Szene des Erfolgsbuches passiert. Da liegt der adoleszente Bursche unter Körperkrämpfen in der Landschaft und hat plötzlich vom "Wehklang" sterbender Wale bis zum "Bersten" gigantischer "Wolkenchöre" den ganzen Klang des Universums im Ohr. Aus dem Körper strömen schlagartig die Exkremente, der Schweiß und - wie ich meine - mit Sicherheit auch der Eiter aus sich öffnenden Poren: eine Fantasie der Wandlung, wie sie nur in der Pubertät wahrscheinlich und später zumeist pathologisch ist.
Der soeben erschienene letzte Teil von Schneiders "rheintalischer Trilogie" beweist, dass der Autor seinem Thema und seinem Stil treu geblieben ist, ja mehr noch: dass es mit beidem noch viel schlimmer kommen konnte. "Die Unberührten" führen den Schriftsteller als einen grotesken Pathetiker des Pubertären vor. Der Leser weiß nie, woran er mit den Figuren ist, und die Figuren selbst wissen nicht, woran sie mit ihren Körpern sind, bis der Autor sie schlussendlich erbarmungslos in seine Sprachhülsen steckt: "Der 15-jährigen Alma fing das Herz unterm Mieder zu hämmern an, und ihr wurde ganz flau im Magen. Die Nasenflügel blähten sich, der Mund mit den aufgeworfenen Lippen versteinerte, das rundliche Kinn mit dem Grübchen wurde spitz, und - Rupert sah es verstohlen - die fingerhutgroßen Brüste erhoben sich ein wenig."
Es ist unklar, in welchem Alpental und unter welch zarten Hemdchen solch verlockende Metamorphosen zu sehen sind; Schneider siedelt das Ereignis in einem Schweizer Hospiz tausend Meter über dem Boden der gesicherten Tatsachen an. Wohl gerade deswegen muss der Autor den Wahrheitsgehalt seiner Geschichte bei jeder erdenklichen Gelegenheit einklagen. Alma, von deren Brüsten gerade die Rede war, nährt mit diesen nicht nur das Begehren ihres künftigen Mannes, sondern wenig später auch eine Tochter namens Antonia. Ein Mädchen, das - kaum in die Pubertät geraten - das heimatliche Dorf St. Damian verlässt, um nach Amerika auszuwandern. Dort lebt sie sieben Jahre lang unter erbärmlichen Verhältnissen, bis ihre Stimme durch Zufall vom Korrepetitor der Metropolitan Opera entdeckt wird und auch in diesem Buch die finale, kosmische Wandlung erfolgt: Die Bettlerin des Tages wird zu Mozarts Königin der Nacht. Der Dreck, dem die Künstlerin entstammt, gilt auf der Bühne als Zuwaage ihrer Genialität. Dass Schneider einer solchen Kunstideologie anhängt, war hinlänglich bekannt, nur vermag er sie eben auch in seinem neuen Buch nicht glaubhaft umzusetzen. Völlig uninspiriert rückt er historische Fakten in den Text, um damit der Geschichte vielleicht doch noch Beispielhaftes abzupressen: Antonia Sahler wird ausgerechnet am 28. Juni 1914 gezeugt, so als ob der Beginn des Ersten Weltkrieges an ihr etwas plastisch machen könnte. Um den historischen Hintergrund zu skizzieren, genügt Schneider ein lose in den Text gestellter Satz: "Das Für und Dawider der Währungsreform, die Umstellung von Kronen auf Schilling erhitzte gerade die dörflichen Gemüter."
Schneiders jüngster Roman ergeht sich in einer manierierten Wortstellung und einem vorgeblich historischen Idiom, die doch nur mühsam bemäntelte Phrasenhaftigkeit ist: Mädchen "flattieren" durch die Gegend (als ob sie nicht flattern oder flanieren könnten); "demodiertes" Leinen erweist sich mit vollem Recht als Ladenhüter; ein Mann "verlustiert" sich an Schildkröten und Schlangen (dazu hätte man als moralischer Mensch gerne Details gewusst); ein Mädchen "gigampft" am Stuhl; Menschengruppen versinken in einem geräuschlosen "Brodem" und ein ganz Verwegener liegt doch tatsächlich "querlängs" in einer Kiste.
Für den transkontinentalen Zusammenhang muss eine Reihe gleichsam übernationaler Eigennamen einstehen. Die Figuren tragen Namen wie Kolumban Beer (ein Name, der eher an ein exotisches Getränk als an einen Vorarlberger denken läßt), Aron Fleisig, Cölestin Halbeisen, Jenö Narrody oder Bruno Walter (ein Dirigent - man glaubt es nicht). Wo sie solche Namen mit Phrasen kombiniert, erklimmt die schneidersche Sprache die Gipfel des Dilettantismus: "Jenö Narrody redete Papier"; "der Monsignore redete Milch". Robert Schneider aber hat mit seinem Buch Blech geschrieben. Einen Text, dessen Titel als Anleitung verstanden werden muss: ein Buch, das besser unberührt bleibt.

Klaus Kastberger in FALTER 6/2000 vom 11.02.2000 (S. 63)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb