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Verlag: Knaus
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 41/2003

Der aus Sarajevo stammende Aleksandar Hemon ist heute amerikanischer Schriftsteller. Und hat mit "Nowhere Man" einen witzig-vertrackten Roman über einen aus Sarajevo stammenden US-Emigranten geschrieben.

,Woher kommst?', fragte sie. ,Bosnien.' – ,Tut mir leid.' – ,Aber ich lebe jetzt hier, seit fünf Jahren.' – ,Tut mir trotzdem leid.' – ,Ist nicht deine Schuld.'"
Im Chicago des Jahres 1997 kann man nicht einfach Bosnier sein. Man schleppt nicht nur das Stück Geschichte mit sich rum, das einem aufgebürdet wurde, ohne dass man gefragt worden wäre, sondern auch einen Mix aus Fakten, medial aufbereitetem Melodrama und den schuldbeladenen Reaktionen Außenstehender. Oder auch nicht ganz so schuldbeladene:
",Woher kommen Sie?' – ,Bosnien.' – ,Bosnien? Da ist die Hölle los.' – ,Nicht mehr. Der Krieg ist vorbei.' – ,Verstehe. Aber warum sind Sie dann in Amerika?' – ,Weil es hier besser ist.' – ,Stimmt. Land der Freien, Heimat der Tapferen.'"
In weiterer Folge erkundigt sich der Mann, den der aus Sarajevo stammende Jozef Pronek eigentlich nur überreden wollte, für Greenpeace zu spenden (",Interessieren Sie sich für Delphine?' ,Nö', sagte er. ,Die sind mir völlig egal.'"), auch noch, ob Jozef ein Moslem sei oder jemals einen Moslem umgebracht habe. Der Mann selbst hat übrigens – bei einem Autounfall. Und im Unterschied zu Jozef war der Amerikaner im Krieg: "Ich war Scharfschütze. Sechsundvierzig erfolgreiche Abschüsse."
Eigentlich könnte Aleksandar Hemons jüngstes Buch auch "Mutmaßungen über Pronek" heißen (immerhin ist das amerikanische Original mit dem Untertitel "The Pronek Fantasies" versehen, der in der deutschen Fassung durch die Gattungsbezeichnung "Roman" ersetzt wurde). So wuchtig die Physis des bosnischen Auswanderers erscheint, so bleiben die Ansichten, die uns der programmatisch mit "Nowhere Man" betitelte Roman vermittelt, doch immer nur Facetten. Erscheint uns Pronek im ersten Kapitel ("Pessach") aus der Sicht eines ehemaligen Spielkameraden, der ihn in Chicago wiederzuerkennen glaubt, so gibt uns der folgende Abschnitt ("Gestern") Auskunft über Proneks Kindheit und Jugend in Sarajevo – die erste Begegnung mit dem Tod (der Oma), die Freundschaft mit Mirza (dessen Brief aus Sarajevo von 1995 später als kleines Kapitel nachgeliefert wird), die Ambitionen als Bandleader, die Militärzeit, die Sache mit Sabina ... Der Mann, der das alles referiert, ist zwar körperlich präsent, aber viel mehr ist über dieses erzählende "Ich" nicht zu erfahren.
Schärfer sind da schon die Konturen jenes Ich-Erzählers, der Pronek im Kapitel "Vaterland" im August 1991 in Kiew begegnet: So wie dieser hat auch Viktor Plavchuk einen ukrainischen Vater – und dessen Patriotismus inkludiert nicht nur den Hass auf alle Russen, Polen und Juden, sondern macht es ihm auch unmöglich, sich im Baseballstadion zu "The Star-Spangled Banner" zu erheben, während er seinem Sohn anschafft, genau dies zu tun, schließlich sei er ja in den USA geboren. Victor ist ein etwas verdruckster Shakespeare-Dissertant, der dank der erotischen Präsenz Proneks seiner Homosexualität gewahr wird, aber nicht wirklich den Mut besitzt, sie auszuleben. Aber schon die Kritiken des amerikanischen Originals waren uneins darüber, ob dieser Plavchuk Hemons komplexeste Figur sei oder bloß ein Klotz am Bein des Romans, der damit bedenklich an Fahrt verliere.
In Kiew kommt es übrigens zu einer denkwürdigen Begegnung zwischen dem Protagonisten und George Bush (senior): In der Schlucht von Babi Yar, wo im September 1941 30.000 Juden von den Nazis erschossen worden sind, wendet sich der US-Präsident im Rahmen einer Gedenkfeier ausgerechnet an Pronek: ",Dies hier ist heiliger Boden. Möge Gott dein Land segnen, mein Sohn.' – ,Das ist nicht mein Land', sagte Jozef. ,Doch, das ist es', behauptete Bush und hieb Jozef auf die Schulter. (...) ,Aber ich komme aus Bosnien...' – ,Ist doch alles eine große Familie, dein Land hier. Und wenn es Missverständnisse gibt, solltet ihr sie ausräumen.'"
Während das vorletzte Kapitel ("Die Soldaten kommen") Pronek als Greenpeace-Keiler an der Seite seiner amerikanischen Freundin zeigt, in deren Gegenwart er ausrastet, nachdem sie seinen Gebrauch des unbestimmten Artikels korrigiert hat, führt die Coda des Buches ("Nowhere Man") bis an die Anfänge des letzten Jahrhunderts und in Gefilde, in denen sich Fakten und Fiktionen, Historie und deren kolportagehafte Mythisierung nicht mehr auseinander klauben lassen. Erzählt wird das in allen Farben des Verbrechens und der Dekadenz schillernde Leben des Jewgenjew Pick, der 1900 als Sohn einer von einem Kosaken vergewaltigten Jüdin geboren worden sein soll. Pick war Soldat, Opernstar, Doppelagent und wurde 1929 zu neun Monaten Gefängnis verurteilt, weil er unter dem Namen Joseph Pronek erfundene Staatsanleihen verkauft hatte. Auch weitere Namen und Motive aus den vorangegangenen Kapiteln tauchen auf, sodass man sich ein wenig an Kevin Spaceys manischen Monolog am Ende von "The Usual Suspects" erinnert fühlt. Sollte auch Pronek nur eine Art 3-D-Fantasie sein?

Eine einzige Geschichte reicht niemals aus. Ich muss auch die Geschichte meiner Feinde erzählen, um meine eigene zu erzählen", bekannte sich Aleksandar Hemon in einer vom Guardian in einer vierteiligen Serie abgedruckten E-Mail-Konversation mit seinem irischen Kollegen Colum McCann zum Prinzip der Multiperspektivität. Vielleicht ist es aber auch ein bisschen die Scheu, aufs Autobiografische festgelegt zu werden, die Hemon einen derartigen narrativen Aufwand betreiben lässt. Mit Jozef Pronek verbindet ihn nämlich nicht nur die Herkunft aus Sarajevo, sondern auch das Schicksal der ungeplanten Emigration: Kurz bevor Hemon seinen Rückflug aus den USA geplant hatte, begann die Belagerung von Sarajevo.
Hemon blieb, jobbte – unter anderem als Fahrradbote, Lehrer und Greenpeace-Keiler –, lernte Englisch und machte seinen Abschluss in englischer Literatur. Über sein erstes, auf Englisch verfasstes Buch, eine Sammlung von Stories, die unter anderem die Novelle "Jozef Pronek und die Toten Seelen" enthält und sofort große Beachtung fand, merkte die britische Schriftstellerin Zadie Smith ("Zähne zeigen") ironisch an: "Er schrieb ein Buch mit dem Titel ,Die Sache mit Bruno', was vermutlich in Ordnung geht, wenn man auf diese mehrsprachigen Genietypen steht, die eine Sprache innerhalb eines halben Jahres lernen, mit großartigem Humor und Stil schreiben, um dann von der New York Times mit Nabokov verglichen zu werden."
Tatsächlich hat sich Hemon unter anderem mit Nabokov-Lektüre Englisch beigebracht. Ein Englisch, das sich mitunter in etwas überelaborierten Vergleichen und Metaphern ergeht. Aber nicht zuletzt bezieht das Ethos des Schreibens von Hemons Literatur ihre Kraft aus dem Bestemm darauf, dass die Sprache nichts Abgeschlossenes, Kanonisiertes ist, sondern allen gehört und damit auch der ständigen Veränderung unterliegt. Auf Einwände seiner amerikanischen Frau – "so sprechen wir nicht" – pflegt Hemon lakonisch mit "ab jetzt schon" zu antworten.

Klaus Nüchtern in FALTER 41/2003 vom 10.10.2003 (S. 3)


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