London
Die Biographie

von Peter Ackroyd, Holger Fliessbach

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Knaus
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 49/2002

Peter Ackroyds Biografie der Stadt London ist eine brillante Kulturgeschichte der Außenseiter und Einwanderer.

Wie war er, wie war sie, wie war es wirklich? Nichts weniger als diese Fragen will man von einer Biografie beantwortet haben. Ein Biograf soll Klarheit in das Leben einer fremden Person bringen. Im Normalfall wird deshalb selbst der unergründlichste Lebenslauf in chronologische Portionen gezwängt und von der Wiege bis zur Bahre nacherzählt. Aber wie, um alles in der Welt, soll die wahre Geschichte einer Millionenstadt wie London erzählt werden?

Gar nicht, meint Peter Ackroyd, Autor des Buches "London. Die Biografie". Biografien sind - laut Ackroyd - Erfindungen von Wahrheit, Mutmaßungen, angestellt auf der Basis vorgefundener Informationen, die immer fragmentarisch bleiben werden. Für seine ausschweifenden Erfindungen hat sich der Autor auf eine Schnitzeljagd durch 2000 Jahre Stadtgeschichte begeben. Die Fundstücke, Beobachtungen und Anekdoten aus seiner historischen Querfeldeinwanderung füllen satte 800 Seiten. In grauer Vorzeit fängt er mit der Spurensuche an, ergeht sich in wilden Spekulationen über die keltische Druidenkultur, mäandert durch die Zeit der römischen Invasion, galoppiert durch das Mittelalter und läuft schließlich in den Berichten aus dem 18. und 19. Jahrhundert zu Hochform auf.

In diesen beiden Jahrhunderten ist Peter Ackroyd zu Hause, diese Zeit beschwört er mit allen Mitteln der Erzählkunst herauf: Eindrücklich schildert er den Lärm der Stadt, die erfüllt ist von den Rufen der fliegenden Händler, dem Getrampel der Pferdekutschen, dem Singsang der Bettler und Bänkelsänger. Er erzählt vom Gestank der Industriestadt, deren Fabrikschlote rund um die Uhr giftigen Rauch ausstoßen. Er spricht ausgiebig vom Feiern, Fressen und Saufen und hat kulinarische Ereignisse wiederentdeckt - etwa jenes vergessene Getränk namens Salep, das um 1800 aus Sassafrasrinde, Milch und Zucker gebraut wurde und als Wundermittel galt.

Große Herrscher, berühmte Politiker, das berüchtigte britische Königshaus haben in Ackroyds Geschichte von London nichts zu melden. Auch Denker, Künstler und Visionäre werden nur am Rand erwähnt. Aufstieg und Fall des britischen Empires tauchen bestenfalls in Nebensätzen auf. Die Geschichte des von Einwanderern geprägten London findet hier ausschließlich auf der Straße und in üblen Spelunken statt. Das urbane Panoptikum wird von Huren und Kriminellen bevölkert, von Trinkern und Obdachlosen, von Proletariern und Radikalos aller Art.

Peter Ackroyd, 53, kommt selbst aus einer Arbeiterfamilie, ist im ärmlichen Londoner Vorort East Acton aufgewachsen, in Ealing zur Schule gegangen und hat London nur während des Studiums kurz verlassen. Seither ist er als Journalist und Romancier in der Hauptstadt zu einem der führenden Intellektuellen aufgestiegen. Vor allem als Biograf hat er sich einen Namen gemacht und über Geistesgrößen wie Oscar Wilde, Charles Dickens und William Blake geschrieben.

Die Verbundenheit mit diesen Autoren des 19. Jahrhunderts ist sowohl für die Brillanz seines London-Porträts als auch für dessen Makel verantwortlich: Denn das moderne London bleibt ziemlich farblos. Das 20. Jahrhundert nimmt - mit Ausnahme der lebhaften Schilderungen der Bombardements während des Zweiten Weltkriegs - keine Konturen an. Das Swinging London der Sechzigerjahre wird auf wenigen Seiten abgehandelt, die Punks der Siebziger werden mit keiner Silbe erwähnt. Ackroyds Buch über London ist ein bunter und lehrreicher kulturgeschichtlicher Spaziergang durch die Jahrhunderte - über die Gegenwart der Stadt erfährt man allerdings nur sehr wenig.

Petra Rathmanner in FALTER 49/2002 vom 06.12.2002 (S. 68)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb