Lazarus
Roman

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Riverhead Books, New York 2008
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Erscheinungsdatum: 26.01.2009

Rezension aus FALTER 7/2009

Die Sache mit Lazarus ist in Chicago tatsächlich passiert, bleibt aber mysteriös. Am 2. März 1908 klingelte ein 19-jähriger Einwanderer, ein russischer Jude namens Lazarus Averbuch, an der Haustür des Polizeipräsidenten von Chicago. Der Bursche war unbewaffnet. Was er wollte, weiß man nicht. Vielleicht wollte er nur einen Brief abgeben. Der Polizeichef hielt ihn jedenfalls für einen Anarchisten und möglichen Attentäter und erschoss ihn in Panik.
Ein tragischer Fall von Überreaktion: Lazarus war 1903 als halbes Kind dem Pogrom im moldawischen Kischinjow entgangen und fünf Jahre später vor dem russischen Judenhass nach Amerika geflüchtet; doch keine sieben Monate nach seiner Ankunft im "Land der Freien" fiel er dort dem Fremdenhass zum Opfer. Seine Verbindungen zu Anarchistenkreisen waren bestenfalls peripher, doch einer amerikanischen Presse, die in patriotischer Rhetorik gegen sinistre Einwanderer aus Osteuropa schwelgte und unentwegt von anarchistischen Sabotageplänen fantasierte, genügte dies als Schuldbeweis. Vor allem jüdische Immigranten wurden als Demokratiefeinde denunziert: "magere, schnurrbärtige, schwindsüchtige, klamme, aufgebrachte Männer, die nach Essig und Revolution rochen".
Die Chicago Historical Society besitzt grausige Dokumentarbilder des Falles. Auf einem Foto hat man dem toten Lazarus Kleider übergeworfen und ihn auf einem Sessel platziert; ein Polizist hält den Kopf des Toten im Profil hoch – hohlwangig, die Lider halb geschlossen. "Der typische Anarchist" lautete die rassistische Schlagzeile der Chicago Tribune, die das Bild auf der Titelseite brachte und auch gleich die angeblichen Kennzeichen eines solchen aufzählte: niedrige Stirn, großer Mund, fliehendes Kinn, große, affenartige Ohren.
Aleksandar Hemon, der aus Sarajevo stammt, ukrainische Wurzeln hat, seit 1992 in Chicago lebt und amerikanisch schreibt, hat dieses historische Foto in seinen Roman aufgenommen, denn es hatte ihm den Anstoß zu "Lazarus" geliefert, seinem dritten Buch nach dem Erzählungsband "Die Sache mit Bruno" und dem semiautobiografischen "Nowhere Man".

Die historischen Parallelen zwischen der Anarchistenhysterie in Amerika um 1900 und dem Dschihadistenwahn 100 Jahre später liegen auf der Hand – auf einer derart flachen Hand, dass Hemon die platte Analogie der xenophoben Paranoia von damals zur Islamistenfurcht nach 9/11 zum Glück nicht weiter strapaziert. Um seinem Roman einen doppelten bis dreifachen Boden zu geben, verfolgt er eine andere Erzählstrategie: Es gilt, den historischen Zufall von Averbuchs Vornamen in narrative Notwendigkeit umzumünzen und Lazarus wiederauferstehen zu lassen – und zwar gleich mehrfach.
Als Mann, der aus dem Totenreich gerettet wird, um ein neues Leben zu beginnen, ist der biblische Lazarus eine gutgewählte und triftige Metapher für Hemons und damit auch für Vladimir Briks Romanprojekt. Denn "Lazarus" ist unter manch anderem ein Roman übers Romanschreiben, und der Ich-Erzähler Brik ist Hemons Stellvertreter und literarische Spiegelfigur – auch er ein Schriftsteller, auch er ein halbserbischer Bosnier aus Sarajevo mit ukrainischen Wurzeln, der 1992 während eines Studienaufenthalts in den USA vom Beginn der Belagerung seiner Heimatstadt erfährt und beschließt, im Exil zu bleiben. Wie der Osteuropa-Flüchtling Lazarus Averbuch sind auch der Romanheld Brik (und sein Erfinder Hemon) Emigranten aus Todeszonen, die in einer neuen Welt wiederauferstehen und ein neues Leben anfangen wollen, aber feststellen müssen, dass sie weder hier noch dort beheimatet sind. Auch sie sind Nowhere Men.

Der Dynamo, der diesen Roman antreibt, ist also Hemons Königsidee, die Lazarusgestalt, den Pendler zwischen den Welten, zum Urbild des Migranten zu machen. "Hat der biblische Lazarus geträumt, als er in der lehmigen Höhle eingeschlossen war?", sinniert Brik. "Hat er sich im Tod an sein Leben erinnert? Und als er wiedererweckt war, wusste er da noch, dass er tot gewesen war, oder trat er nur einfach in einen anderen Traum von einem anderen Leben ein? Musste er sein früheres Leben aus seinem Gedächtnis streichen und wieder ganz von vorn anfangen, wie ein Einwanderer?"
Der Erzähler Brik ist in Chicago mit einer Neurochirurgin verheiratet, einem All-American Girl von keimfreier Wohlanständigkeit, aber eingeschränkter Weltkenntnis. Er leidet insgeheim darunter, dass er, ein verträumter balkanischer Faulpelz, seiner gutverdienenden Ehefrau auf der Tasche liegt und mit seinem "moralischen Schlingern" deren sauberes Weltbild irritiert, in dem das Böse nicht vorkommt. Seine Furcht (oder verschwiegene Hoffnung?), sie könnte ihn verlassen, ist nicht zu bannen. Brik schreibt gelegentlich Zeitungskolumnen, die die Absurditäten einer unsicheren, hybriden Einwandererexistenz zum Thema haben. "Ich bin ein halbwegs loyaler Bürger zweier Länder", sagt Brik (schreibt Hemon) – und bringt damit beider schwankende, kontextabhängige Identität auf eine einleuchtende Formel.
Außerdem möchte Brik einen Roman über Lazarus Averbuch schreiben und für dieses Projekt auch in ­dessen Herkunftsregion (in Lemberg, Czernowitz und Kischinjow) recherchieren, was schließlich durch ein amerikanisches Stipendium ermöglicht wird. Gemeinsam mit einem wiedergefundenen Freund aus Kindertagen, dem Fotografen Rora aus Sarajevo, gondelt er im Folgenden durch ein besonders schräges, finsteres und rückständiges Osteuropa. Die beiden müssen erkennen, dass sie hier als Amerikaner gelten, während sie in Amerika als undefinierbare Zuwanderer von irgendeinem Balkan wahrgenommen werden.

Der Trip durch Europas Hinterwelt entpuppt sich einerseits als eine Art goisches Gegenstück zur Schtetl-Wallfahrt nach dem verschwundenen Ostjudentum, der beliebten Wurzelsuche jüdisch-amerikanischer Autoren – ein populärer Erzähltopos seit Jonathan Safran Foers Roman "Alles ist erleuchtet"; andererseits unternehmen die beiden bosnischen Kumpel auch einen Abstecher nach Sarajevo, und das war wohl von Anfang an das geheime Ziel ihrer Reise – und ein unheilvolles noch dazu.
Damit sind schon mal zwei Erzählstränge etabliert: Der Roman springt zwischen zwei Zeiten und zwei Themen hin und her und wechselt kapitelweise zwischen dem dokumentarischen Mord an Averbuch (sowie den Versuchen, diesen zu vertuschen bzw. aufzuklären) und der Spurensuche in Osteuropa 100 Jahre danach. Den einen Strang könnte man als Archivexpedition bezeichnen, den anderen als Reisereportage, als Abenteuerfahrt zweier Ausreißer, die sich einen Urlaub von der amerikanischen Identitätsarbeit genehmigen.
Der eine Strang arbeitet mit den Mitteln der historischen Fiktion (und stellt sie zugleich infrage), der andere will in der realen postsowjetischen Tristesse von heute geschichtliche Spuren auffinden, die – außer in Form von verfallenen Grabsteinen und jüdischen Gedenkstätten – allerdings kaum mehr vorhanden sind. Umso plastischer, farbiger und bizarrer drängeln sich die aktuellen Abenteuer der beiden Osteuropa-Fahrer in den Vordergrund – und die reichen von Hotels mit Hurenservice und Besuchen in abstrusen Heimatmuseen bis zur unfreiwilligen Teilnahme am Menschenschmuggel.
Zusammengehalten werden die Erzählstränge durch das gemeinsame Thema der Wiederauferstehung. Vladimir Brik (und hinter ihm Aleksandar Hemon) will den armen Lazarus Averbuch wiederauferstehen lassen; Brik und sein Freund Rora wollen in Osteuropa die tote Schtetl-Kultur­ und in ihren gemeinsamen ­Erinnerungen und Gesprächen das Vorkriegs-Sarajevo wiederauferstehen lassen.
Auseinandergehalten werden die Erzählstränge durch ihre jeweilige Tonart. In den Averbuch-Passagen herrscht ein Sprachgestus von kühler dokumentarischer Sachlichkeit, der sich umso herzzerreißender liest, je herzloser Amerika den zugewanderten Juden in Chicago mitspielt. Aus Olga, der Schwester des armen Lazarus, die verzweifelt um ein würdiges Begräbnis für den ermordeten Buben kämpft und darum betrogen wird, macht Hemon eine tragische Figur, in der Antigone wiederauferstanden scheint.

Ganz anders die Tonlage in den Road-Movie-Passagen in Osteuropa. Hier entfaltet Aleksandar Hemon einen stacheligen Humor, eine Grammatik komödiantischer Verzweiflung. Um sich die Welt erträglich zu machen, pflegen Brik und Rora einen Umgangston, der mit desperaten Witzen ihrer Schwermut über die absurden Grausamkeiten der Balkankriege beikommen möchte, die Rora als Augenzeuge miterlebt hat.
Allein schon die rebellische Olga und der Aufschneider und Schlawiner Rora mit seinen horrenden Kriegs­anekdoten würden ausreichen, um diesen Roman zum Leben zu erwecken. Dass "Lazarus" auch da­rüber hinaus ein denkwürdiges Buch geworden ist, verdankt sich Aleksandar Hemons Genius für alle Melancholien des modernen Migrantentums.

Sigrid Löffler in FALTER 7/2009 vom 13.02.2009 (S. 31)


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