Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch / Artık Sessizlik Bile Senin Değil
Essays / Denemeler

von Aslı Erdoğan

€ 20,60
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Übersetzung: Sabine Adatepe
Übersetzung: Şebnem Bahadır
Übersetzung: Angelika Gillitz-Acar
Übersetzung: Angelika Hoch-Hettmann
Übersetzung: Oliver Kontny
Übersetzung: Gerhard Meier
Verlag: Knaus
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Politik
Umfang: 352 Seiten
Erscheinungsdatum: 12.10.2017


Rezension aus FALTER 6/2018

Eine Frage der Freiheit

Die türkische Schriftstellerin Aslı Erdoğan spricht über ihren Widerstand, ihre Haft und wie aus Eierschalen Pflanzen wachsen

Am 16. August 2016 stürmte die Polizei die Wohnung der türkischen Schriftstellerin Aslı Erdoğan. Zwei Monate nach dem Putschversuch und dem Beginn der Verhaftungswelle in der Türkei wurde die damals 49-Jährige verhaftet. Begründet wurde ihre Festnahme mit vier ihrer Artikel, die sie für die prokurdische Zeitung Özgür Gündem geschrieben hatte, literarische Texte über Missstände in der türkischen Gesellschaft. Kürzlich erschien ihr Essayband „Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch“ auf Deutsch.
Sie wurde wegen „Propaganda für eine illegale Organisation“, „Mitgliedschaft bei einer illegalen Organisation“ und „Volksverhetzung“ angeklagt. Im Dezember 2016 wurde Erdoğan auf freien Fuß gesetzt, im September 2017 bekam sie ihren Pass zurück. Das Verfahren läuft, das Urteil wird im März erwartet. Die Schriftstellerin lebt nun in Frankfurt am Main als Stipendiatin.
Vergangenes Wochenende war Erdoğan zu Gast in Wien. Das Falter-Gespräch fand im Stattbeisl des Kulturzentrums Wuk statt. Im Raucherbereich. Nach vielen Terminen und langen Interviews freute sich Erdoğan vor allem auf eine Zigarette.

Falter: Frau Erdoğan, in Ihrem ersten Brief, den Sie aus dem Gefängnis schmuggeln konnten, schrieben Sie: Wenn ich rauskomme, werde ich mir zuallererst die Nummer 160816 tätowieren lassen. Das ist das Datum, an dem Sie verhaftet wurden. Waren Sie schon im Tattoo-Studio?
Aslı Erdoğan: Ich habe nicht das Gefühl, dass ich schon draußen bin. Außerdem bat mich meine Mutter, es nicht zu tun. Sie hatte Angst, dass das Unglück bringen würde. Aber das Projekt ist nur verschoben.

Warum ist die Tätowierung wichtig?
Erdoğan: Es ist eine Referenz auf Auschwitz. Ich wurde für diesen Vergleich kritisiert, aber ich weiß genau, was ich sage. Ich kam auf Befehl der Behörden in Haft, der Richter war nur eine Marionette. Das war auch der Beginn des KZ-Systems in Deutschland: Richter schicken Menschen ins Gefängnis. SA und SS brachten sie in Lager. Ein Beispiel: Nach etwa 90 Tagen in Haft ließ mich der Richter gehen, dann kam wohl ein Anruf und sie stoppten meine Freilassung. Ich musste am Gefängnistor wieder umkehren. Es ist ein Konzentrationslager.

Sie sagen, Sie sind eigentlich noch gar nicht draußen. Wie meinen Sie das?
Erdoğan: Erstens läuft mein Verfahren noch. Und auch sonst bin ich nicht frei. Ins Gefängnis zu gehen ist ein großer Schock. Aber wieder herauszukommen ist fast noch schwieriger.


Aslı Erdoğan ist eine freundliche Frau. Ihr Lachen ist herzlich und warm, doch ihre Züge verhärten sich schnell, wenn sie auf die Entwicklungen in ihrer Heimat oder ihre Haft zu sprechen kommt. Erdoğan ist dünn, schwarz gekleidet, ihre Haare sind hellrot, ihre Fingernägel schwarz lackiert. Die Sorgen und Ängste der letzten Monate haben tiefe Falten in ihrem Gesicht hinterlassen. Doch die Schönheit einer ungebrochenen Kraft können sie nicht verdecken.


Erdoğan: Dienstag nach dem Essen läutete es an der Tür. Jemand rief: „Öffnen Sie die Tür, Polizei!“ Mein Leben änderte sich mit diesem Satz schlagartig. Sie stürmten die Wohnung, hatten Masken auf und zielten mit Maschinengewehren auf mich. Es waren etwa 50 Polizisten, die meine Wohnung sieben Stunden lang durchsuchten. Dann wurde ich in die Polizeistation gebracht und bis Freitag festgehalten. Ich sollte dem Richter vorgeführt werden, meine Anwälte warteten mit mir und dem Staatsanwalt. Alle waren sicher, dass ich freigelassen würde. Wenn sogar die Journalisten der kurdischen Zeitung, für die ich geschrieben hatte, freigelassen worden waren, dann würde ich als Schriftstellerin wohl auch gehen dürfen. Ich bekam Tee, dann wurde ich hinausgeschickt. Plötzlich hörte ich meine Anwälte schreien und man sagte mir, dass ich verhaftet werden sollte. Ich wurde ohnmächtig. Nach ein oder zwei Stunden wurde ich dem Richter vorgeführt. Als ich ihn sah, wusste ich, er würde mich in Haft nehmen. Das war alles vorbereitet. Um Mitternacht war ich im Gefängnis.

Wie haben Sie die folgende Isolationshaft durchgehalten?
Erdoğan: Es gibt zwei Arten, wie Gefangene auf so etwas reagieren. Die meisten schreien und weinen tagelang. Die anderen bekommen diese weit aufgerissenen Augen. Ich gehöre zu dieser Sorte. Als ich nach einigen Tagen zu den anderen Frauen kam, sah ich, wie sich mein Gesicht verändert hatte. Ich sah zehn Jahre älter aus und hatte fünf Kilo verloren. Das Gefängnis ist im Gesicht erkennbar, in nur wenigen Tagen. Bis zu meiner Entlassung war ich auf der Abteilung „PKK“ mit etwa 20 kurdischen Frauen.

Sprechen Sie Kurdisch?
Erdoğan: Nein, aber ich habe es im Gefängnis ein bisschen gelernt. Es ist eine sehr schwierige Sprache, und ich beginne sie schon wieder zu vergessen.

Wie haben Sie die Zeit dort erlebt?
Erdoğan: Die PKK-Abteilung hatte einen großen Garten, den sie seit vielen Jahren pflegt. Aber durch den Ausnahmezustand war auch im Gefängnis nun alles verboten, auch Pflanzen. Die Gefangenen wussten sich zu helfen. Sie trockneten Teeblätter, vermischten sie mit Eierschalen. Das wird dann zu einer Art Erde. Irgendjemand schmuggelte Samen herein, und dann begann eine Pflanze zu wachsen. Sie war der Liebling der Abteilung. Dann wurde sie bei einer Durchsuchung konfisziert.

Was war für Sie nach der Entlassung so schockierend?
Erdoğan: Auch wenn man nur zwei Monate im Gefängnis verbringt, verliert man sofort viele Fähigkeiten. Ich war nicht mehr in der Lage, Entscheidungen zu treffen, nicht einmal, welches Joghurt ich kaufen sollte. Man verläuft sich in der Stadt, findet die eigene Wohnung nicht. Dann kommen die Schlaflosigkeit, Albträume, man vergisst alles – aber es wird langsam besser.


Aslı Erdoğan wurde 1967 in Istanbul geboren, ihr Vater war politisch in linken Bewegungen aktiv. Sie selbst war nie Mitglied einer Partei oder anderen Gruppierung. Nach der Matura studierte sie Physik, 1991 arbeitete sie für das Kernforschungszentrum Cern in Genf. Kurze Zeit später zog sie für zwei Jahre nach Brasilien. In dieser Zeit begann sie sich als Schriftstellerin zu etablieren. 1998 erschien ihr später auch auf Deutsch übersetzter Roman „Die Stadt mit der roten Pelerine“, mit dem sie sehr erfolgreich wurde. Es geht um eine junge Frau, Özgür, die in Rio de Janeiro lebt und immer stärker in den Sog der Gewalt gerät. Sie könnte jederzeit in die Türkei zurück, doch sie konfrontiert sich mit der Armut, der Brutalität, geht an ihre Grenzen und fast zu Grunde. Dieser selbstgewählte Kampf lässt Rückschlüsse auf die Biografie Erdoğans zu. Denn auch sie hätte sich das Leben einfacher machen können. Ihr Argument dagegen formuliert sie in einem Essay: „An einem Verbrechen nicht Mittäterin zu sein, ist unser Daseinsgrund.“


Wo begann Ihr politischer Weg? Welche Momente waren für Sie entscheidend?
Erdoğan: Ich hatte zu Beginn der 1990er-Jahre einen Freund, der Afrikaner war. Eines Tages wurden die Afrikaner von der Polizei eingesammelt und in ein Lager nach Silopi gebracht. Das liegt im Dreiländereck mit Türkei, Irak und Syrien. Dort herrschte damals Krieg. Ich war schockiert, als ich diese Seite der Türkei kennenlernte. Ich schrieb in einem Artikel, der nicht veröffentlicht wurde, den gleichen Satz wie heute: Das ist ein Konzentrationslager. Diese Menschen wurden nicht verurteilt. Sie wurden in ein Lager geschickt. Dann musste ich die Türkei verlassen, weil ich mich bedroht fühlte, und ging nach Brasilien.

Wann begannen Sie für Zeitungen zu arbeiten?
Erdoğan: Das war Ende der 1990er-Jahre, für Radikal, ein linkes intellektuelles Blatt in der Türkei. Zweieinhalb Jahre später wurde ich gefeuert. Ich hatte in dieser Zeit an jedem Tabu gerührt: Vergewaltigung, Folter, Gefängnisse, Kurden, Armenier, Homosexuelle. Aber immer in literarischer Form. Ich habe nur Geschichten erzählt. Aber offenbar hat das den Behörden nicht gefallen. Das war 2001. Damit war die Sache nicht abgeschlossen. Ein Jahr später veröffentlichte ein Exfreund ein schreckliches Buch über mich. Es war fast pornografisch und die Medien sprangen auf. Dass ich keinen BH trage und meine Schamhaare nicht rasiere, stand in den Schlagzeilen. Von einem Tag auf den anderen rezensierte in der Türkei niemand mehr meine Bücher.

Trotzdem begannen Sie später wieder Artikel zu schreiben, ab 2011 für die prokurdische Zeitung Özgür Gündem.
Erdoğan: Sie fragten mich, ob ich hin und wieder für sie schreiben könnte. Ich dachte mir, warum nicht, schließlich werden die Kurden in der Türkei unterdrückt. Als ich die Redaktion besuchte, sah ich an der Wand 76 Fotos. Das waren Mitarbeiter, die in der 22-jährigen Geschichte der Zeitung getötet worden waren. In diesem Moment hatte ich den Eindruck, ich wüsste überhaupt nichts mehr über die Türkei.

Wie kam die Anklage gegen Sie zustande?
Erdoğan: Die Zeitung wollte vor fünf Jahren größer werden und ich war mit anderen Mitglied eines Beratergremiums. Doch aus diesem Projekt wurde nichts. Und nun verhaften sie mich und sagen, wir hätten diese Zeitung geführt, was nicht stimmt. Und es sei die Zeitung der PKK, also seien wir Führerinnen der PKK. Sie wählten vier meiner Artikel aus und sagten etwa, in diesen drei Wörtern sehe man, dass ich für die PKK sei. Ich habe das Wort PKK in meinen Artikeln noch nie verwendet.

Vor Gericht haben Sie sich selbst verteidigt?
Erdoğan: Ja, und mein erster Satz war der wichtigste. Ich sagte: „Ich werde mich verteidigen, als ob es in der Türkei noch ein Gesetz gäbe.“

Gehen wir zurück in Ihre Kindheit. In welcher Türkei sind Sie aufgewachsen?
Erdoğan: 1971 kam in der Türkei eine Militärjunta an die Macht. Ich erinnere mich noch gut, als ich eines Tages, da war ich wohl fünf, aus dem Fenster schaute. Zwei Lastwagen blieben stehen, 50 oder 100 Soldaten sprangen herunter, rannten auf unser Wohnhaus zu, die Gewehre im Anschlag. Dieser Albtraum, den ich mit fünf erlebt hatte, wiederholte sich im August 2016, als die Polizei meine Wohnung stürmte.

Ihre Entscheidung, sich für unterdrückte Minderheiten einzusetzen, sich gegen das Regime zu stellen, ist zu einer Frage von Freiheit und Gefangenschaft geworden. Haben Sie das erwartet?
Erdoğan: Meine Zeit als Kolumnistin dauerte insgesamt nur fünf Jahre. Ich wurde gesellschaftlich gelyncht, ich lebte in Armut, meine Literatur wurde totgeschwiegen und dann wurde ich verhaftet. Ich hatte nicht erwartet, dass der Preis so hoch sein würde. Ich habe humanistische Texte geschrieben. Und dafür soll ich lebenslänglich ins Gefängnis!

Haben Sie jemals Momente der Freiheit in der Türkei erlebt?
Erdoğan: Die 70er und 80er waren Junta-Jahre, die 90er waren geprägt vom türkisch-kurdischen Krieg. Der Beginn des neuen Jahrtausends, die ersten Jahre der Erdoğan-Regierung, waren im Verhältnis dazu demokratisch. Heute sind die Zeiten allerdings schlimmer als damals unter der Junta.


Neben einer Podiumsdiskussion im Werk X besuchte Aslı Erdoğan auch das FrauenLesbenMädchen-Zentrum im Wuk. Als sie noch im Gefängnis war, wurden dort Lesungen veranstaltet, um an Erdoğan zu erinnern. Nun lasen die Frauen wieder, dieses Mal im Beisein der Autorin, auf Türkisch, Deutsch und Englisch. Erdoğan saß in einem Fauteuil auf der kleinen Bühne, die eine Hand an ihren Mund gelegt, den Kopf leicht zur Seite geneigt, und hörte zu.


Wie verändert sich die Situation der Frauen unter dem Regime Erdoğans?
Erdoğan: Präsident Erdoğan sagte öffentlich, dass Frauen und Männer nicht gleich sind. Aus seiner Partei hörte man auch den Satz: „Eine Frau ohne Schleier ist wie ein Haus ohne Vorhänge – zu verkaufen oder zu vermieten.“ Nun ist es aber so, dass die Mehrheit der Frauen Anhängerinnen Erdoğans sind. Sie sehen in ihm einen Befreier. Die Kemalisten haben den großen Fehler gemacht, Frauen, die das Kopftuch trugen, zu unterdrücken. Dadurch wurde es zu einem Symbol der Freiheit. Auf der anderen Seite sind Frauen bei Protesten an vorderster Front. Frauen bleiben, wenn es schwierig wird. Männer fühlen sich sehr gedemütigt, wenn sie von der Polizei verprügelt werden. Wir Frauen finden es vielleicht normaler, geschlagen zu werden.

Was können Menschen nun für Sie tun?
Erdoğan: Journalisten sollten Politikern erklären, dass die Türkei ein Ein-Mann-eine-Partei-System ist. Sie sollen es benennen. Dann können die jeweiligen Regierungen selbst entscheiden, ob sie mit der Türkei kollaborieren oder nicht. Aber sie sollen aufhören, heuchlerisch zu sein und so zu tun, als ob die Dinge in der Türkei besser würden. Das Regime ist nicht dumm. Es lässt ein oder zwei Menschen frei – und verhaftet hundert am nächsten Tag. Dass ich gehen durfte, ist kein Signal für mehr Demokratie in der Türkei. Ich wurde freigelassen aufgrund der internationalen Solidaritätserklärungen. Wenn man ein Krimineller ist, weiß man, wann man entlassen wird. Wir haben keine Ahnung, ob wir lebend wieder rauskommen. Glauben Sie mir, das ist das Schlimmste.

Stefanie Panzenböck in FALTER 6/2018 vom 09.02.2018 (S. 30)


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