Die graue Taube
Roman über das Verbrechen

von Sándor Tar, Nicholas Mann

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Verlag: Eichborn
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 41/1999

In Sándor Tars Roman "Die graue Taube" wird nicht gekleckert, sondern geschüttet – mit Blut.

Ein trauter Mittagstisch. Vater trinkt Bier, Mutter kocht, Sohn Robi kotzt in die Spüle, Tochter Adele hat vorhin Blutbrocken auf den Mittagstisch gehustet.
Szenenwechsel. Der Maler auf der Leiter bemerkt im weißen Farbtopf am Boden plötzlich rote Punkte. Er greift sich an die Nase. Blut.
Oder der Telefonist in der Notfallstation: "Er konnte nicht weitersprechen, denn plötzlich bekam er Schluckauf, (...) er glaubte gerufen zu haben, doch nur ein Krampf löste sich wie ein Rülpsen in seiner Kehle, der Hörer war voller Blut."
Wer "Die graue Taube", den Roman des 1941 in Ostungarn geborenen ungarischen Schriftstellers Sándor Tar, liest, hat eine horrible Geisterbahnfahrt zu gewärtigen. Der Autor, der 1976 in Ungarn mit seinem ersten Roman debütierte und ausgezeichnet wurde, dessen Bücher in seiner Heimat jedoch jahrelang verboten gewesen sind, setzt in "Die graue Taube" (im ungarischen Original 1996 erschienen) alles daran, dem Untertitel "Über das Verbrechen" gerecht zu werden. Der Oberbegriff "Verbrechen, das" wird anhand von kleinen, mittleren und großen Bluträuschen exemplifiziert. Denn Verbrechen hat in diesem Roman nichts mit krummen finanziellen Transaktionen oder sonst welchen Gaunereien, sondern immer mit Blut, Knochenknacken, Stichwunden, Vergiftungszuständen und mit Folgendem zu tun: "Er sprach die Zischlaute sehr klar aus, seine doppelten Konsonanten hörten sich an wie Kanonenschüsse, ein so perfektes Gebiss hatte er noch nie im Mund gehabt." Der hier Sprechübungen macht, hat ein Verbrechen begangen – er hat den Besitzer des Zahnersatzes gerade erschlagen.
Die völlige Enthemmung steht im Gegensatz zum relativ nichtigen Anlass, zumal dieser von "unschuldigen" Tauben verkörpert wird: Es wird vermutet, dass Tauben eine Epidemie auslösen, an der Menschen innerhalb kurzer Zeit verbluten. Nach einigen Todesopfern beruhigt sich die Lage wieder. Einige werden angesteckt – Tar beschreibt die Agonie der Betroffenen mit überragendem Können –, der Großteil macht sich jedoch die angenommene Epidemie zunutze und beginnt ohne offensichtliches Motiv zu morden. Bei einem Spaziergang erschlägt ein Mann seine Frau, eine junge Mutter ersticht ihr Baby mit einer Stricknadel. Eine Gesellschaft löst sich – vor dem Hintergrund von Gerüchten, Manipulationen und Unwahrheiten – buchstäblich Stück für Stück auf: Die Menschen werden verstümmelt, sie gehen diverser Körperteile verlustig.

Die graue Taube" weckt keineswegs "Erinnerungen an Hitchcocks ,Vögel' und die Romane Kafkas", wie das die Verlagswerbung behauptet. Im Roman flattern ein paar Tauben in der Luft oder sitzen halbwegs bedrohlich auf Telegrafendrähten, das ist alles. Und im Vergleich zu Tar hat Kafka Erbauungsliteratur geschrieben. Bei der Fahrt durch Tars Geisterbahn ist ständig das Knacken von Knochen oder Halswirbeln zu hören, warme Blutströme aus frisch geschlitzten Wunden oder gerade angelegte Schusskanäle in Oberkörpern von Polizeibeamten sind genauso zu finden wie Szenen voller morbiden Galgenhumors.

Wolfgang Paterno in FALTER 41/1999 vom 15.10.1999 (S. 4)


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