Dufays Requiem

von Wolfgang Schlüter

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Verlag: Eichborn
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 41/2001

Wolfgang Schlüter hat mit "Dufays Requiem" einen virtuosen und hochintelligenten Krimi geschrieben, der auch von den Zumutungen des Zeitgenössischen handelt.

Am 2. März 1927 wird der Soldat Francis Carr, der an der Landstraße zwischen Tilshead und Orcheston Wache gehalten hatte, von fünf Kugeln tödlich getroffen. Ein mysteriöser Tod: Das Sektionsprotokoll hält fest, Carr sei gleichzeitig aus fünf verschiedenen Richtungen getroffen worden – von seinen eigenen Patronen. Am 26. Oktober 1993 löst eine äußerst rare Tonfolge in einem von John Bulls "In Nomines" durch Hebelwirkung einen kleinen Druckbolzen hinter dem Vorsatzbrett eines Dulcken-Cembalos, Baujahr 1745, aus. Aus knapp vierzig Zentimetern Entfernung jagt die vergiftete Nadel der Spielerin in den Bauch. Der konisch gefräste Schusskanal für das Projektil verbirgt sich hinter dem Astloch, das die schwarze Pupille eines auf das Vorsatzbrett gemalten Satyrs bildet, und bleibt ebenso unentdeckt, wie die Spannmechanik im Klappern und Rasseln des Instruments unhörbar bleibt.
Am 27. November 1474 stirbt Guillaume Dufay, der "erste große Repräsentant der franko-flämischen Vokalpolyphonie". 1470 hatte er in seinem letzten Willen darum gebeten, am Tag nach seiner Beisetzung ein von ihm selbst komponiertes Requiem aufzuführen. Ob diese Totenmesse tatsächlich je aufgeführt wurde, lässt sich aus den Quellen nicht belegen. Fest steht, dass dieses legendenumrankte Werk verschollen ist.
An einem verregneten Oktobernachmittag des Jahres 1986 begegnen einander in Norwich zufällig Oberstudienrat Wernfried Hübschmann aus Niedersachsen und die in Wien lebende Musikwissenschaftlerin Antonietta Riccioli – und in der Wette, die die beiden schließen, schürzt Wolfgang Schlüter die Erzählstränge seines Romans "Dufays Requiem" zu einem Knoten. Mit dieser Wette lässt sich Hübschmann auf eine creatio ex nihilo ein, oder salopp gesagt darauf, auf einer Glatze Locken zu drehen: Er wettet, das verschollene Requiem Guillaume Dufays, die erste vollständige Vertonung der Requiemsliturgie der Musikgeschichte, rekonstruieren zu können.
Hübschmann setzt nun alles daran, dieses Requiem aus vermeintlichen Fragmenten durch Analogieverfahren zu rekonstruieren. Und je tiefer er in die tönende Welt der alten Musik eintaucht, desto mehr kommt er der Gegenwart abhanden. Er wird im wahrsten Sinne des Wortes besessen von dieser aus dem Nichts zu erschaffenden Musik, die sich wie ein Tumor in seinem Gehirn ausbreitet und nach und nach alle anderen Bewusstseinsinhalte löscht. Auch Antoniettas Leben gerät aus den Fugen. Sie erhält einen Drohbrief, wird kurz darauf vor die U-Bahn gestoßen, dann schickt man ihr per Paket eine hochgiftige Tarantel ins Haus. Haben diese Vorfälle mit der Wette zu tun, die sie mit Hübschmann eingegangen ist? Und hat der Tod Francis Carrs mit Dufays Requiem und Hübschmanns Obsession zu tun?

Dem guten Brauch folgend, bei Krimis die Auflösung nicht preiszugeben, sei nur soviel verraten: In diesem bis in die winzigsten Details sorgfältigst gearbeiteten Text hat alles mit allem zu tun. Man könnte allerdings getrost die Auflösung verraten, denn Schlüters ungemein intelligenter Roman, der immer wieder seine Poetik auseinander legt, erschöpft sich bei weitem nicht in dieser spektakulären Krimi- und Schauerromanhandlung. Die gibt vielmehr nur den Rahmen ab für einen Ideenroman, der nicht nur mit (musik-)enzyklopädischem Anspruch auftritt, sondern diesen Anspruch auch spielend einlöst. Der Verlust des Auratischen, die Musik als sogenannte Gebrauchskunst, die Kunst als Einspruch wider das gobale Raffen – das sind nur einige Themen, die im Roman nicht bloß plaudernd und beiläufig abgehandelt werden, sondern über die in Dialogen, geschliffenen Essays und weitschweifigen Traktaten räsoniert wird.
Virtuos verknüpft Schlüter die Handlungsebenen seines Romans; ebenso virtuos handhabt er die zahlreichen Tonfälle der wechselnden Erzählinstanzen, die verschiedenen Textsorten, die er ins Spiel bringt, und die Idiome seiner Figuren. Er intoniert eingängig die unterschiedlichen Modi, mit den Zumutungen des Zeitgenössischen umzugehen: Hübschmanns verstockte Abschottung ebenso wie Ricciolis unversöhnlichen "geistesgegenwärtigen Aufstand gegen die Gegenwart". Als Leser kann man sich im Umgang mit diesem außergewöhnlichen Werk nur eins wünschen: dass man die Ohren habe, herauszuhören, was Schlüter alles hineinkomponiert hat – neben den zahlreichen Echos aus dem Werk Arno Schmidts.

Walter Schübler in FALTER 41/2001 vom 12.10.2001 (S. 14)


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