Dies ist kein Liebeslied

von Karen Duve

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Eichborn
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 41/2002

Karen Duves "Dies ist kein Liebeslied", in dem Nahrhungsaufnahme eine große Rolle spielt, ist so etwas wie "Generation Golf" in Romanform.

"Mit sieben Jahren schwor ich, niemals zu lieben. Mit achtzehn tat ich es trotzdem. Es war so schlimm, wie ich befürchtet hatte. Es war demütigend, schmerzhaft und völlig außerhalb meiner Kontrolle. Ich wurde nicht wiedergeliebt; es gab nichts, was ich tun konnte, um das zu ändern, und bei dem Versuch, selber nicht mehr zu lieben, wurde ich verrückt. (...) Eines Tages, genauer gesagt am Donnerstag, den 20. Juni 1996, beschloss ich, dass die Sache ein Ende haben müsste, ein schlimmes oder eines, das ich mir nicht vorstellen konnte. Und ich ging in ein Reisebüro und kaufte mir einen Flugschein nach London, wie sich andere Leute einen Strick kaufen."

Das Unglück gehört zum Duve'schen Protagonistendasein wie der Sabberfaden zum Nachtschlaf: Es ist willentlich kaum vermeidbar. Schon in der Titelgeschichte ihres 1999 bei Suhrkamp erschienenen Erzählbands "Keine Ahnung" erinnerte sich die Icherzählerin wie folgt an ihrer Jugend Tage: "Ich war jung. Ich hätte Wünsche und Ziele haben sollen. Die Leute erwarten das von einem, wenn man jung ist. Doch für mich war die Zukunft bloß ein Feind mehr, der es auf mich abgesehen hatte." Denn: "Mir war das Sein schon zu viel, ich wollte nicht auch noch etwas werden."

In ihrem jüngsten Roman ist es die bedauernswerte Anne Strelau, die die Geworfenheit in den Duve'schen Erzählkosmos zu ertragen hat. Abgesehen von den finanziell wie räumlich recht beengten Familienverhältnissen, den geschwisterlichen Dauerkeppeleien, den kleineren und größeren Demütigungen im Schul- sowie den Enttäuschungen im kärglich keimenden Liebesleben ist die größte Last der privatkatastrophenerprobten Icherzählerin sie selbst, genauer: ihre Physis; noch genauer: ihr Gewicht.

Als sie an besagtem Junitag ihrem Herzensheiligen Hemstedt entgegenjettet, wiegt die unglücklich Liebende nämlich bereits 117 Kilogramm, und ihre "in Khakistoff verpackten Oberschenkel sickern unter den Armstützen hindurch auf das Gottlob nicht besetzte Nebenpolster. Wird sie Hemstedt trotz ihrer ausufernden Formen erhören? Schafft die One-Way-Love nach einer knapp 280-seitigen Unglückstortur noch den Turnaround? Das wird jetzt natürlich nicht verraten.

Nach ihrem vor drei Jahren erschienenen, mittlerweile in elf Sprachen übersetzten, enorm dichten, dramaturgisch klug konzipierten, final kraftvoll ins Surreale hinüberragenden "Regenroman" befährt die 1961 in Hamburg geborene Karen Duve mit ihrem mutmaßlich stark autobiografisch inspirierten belletristischen Drittling (Vorbemerkung Duve: "Und ihr seid alle nicht gemeint") lustvoll und gekonnt die Entertainment-Schiene, bietet in knappem, pointiertem Erzählstil das Panoptikum einer verkorksten Siebziger- und Achtzigerjahre-Jugend dar: "Generation Golf" in Romanform sozusagen.

Man hätte den Textkörper um die eine oder andere Episode erleichtern können, was einer noch größeren stofflichen Straffheit zuträglich gewesen wäre. Dafür ist das Klappenfoto famos.

Stefan Ender in FALTER 41/2002 vom 11.10.2002 (S. 9)


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