Tand

von Jenny Erpenbeck

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Verlag: Eichborn
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 49/2001

Als die aus Berlin stammende Regisseurin und Schriftstellerin Jenny Erpenbeck dieses Jahr beim Bachmann-Wettbewerb antrat, war das nicht ganz unriskant, denn als Autorin der "Geschichte vom alten Kind" hatte sie sich schon einen Namen gemacht und war von den Medien dem literarischen "Fräuleinwunder" zugeschlagen worden. Es ist dann aber eh gut gegangen, und mit der nun in dem schmalen Erzählband "Tand" veröffentlichten Story "Sibirien" las sich Erpenbeck auf den zweiten Platz ("Preis der Jury").

"Sibirien" ist einerseits völlig geradlinig und doch auch über die Bande gespielt: Eine Tochter erzählt vom Vater, der von seiner Mutter erzählt und davon, wie diese, aus der russischen Gefangenschaft zurückkehrend, die Freundin ihres Mannes aus dem Haus wirft. Der Vater der Erzählerin ist voll der Bewunderung für die Kraft der Mutter und voller Verachtung für die Schwächlichkeit des sich zu Tode saufenden Vaters, der der Geliebten heimlich Briefe schreibt. Die Spannung, die diese Geschichte aufbaut, liegt nicht nur im unmittelbar Angesprochenen: Vielleicht ist die Erzählung ja auch eine Vaterversagensangstverpackung, in der die eigene Furcht davor steckt, selbst zu versagen und der Tochter nur ein schwacher Vater zu sein?

Die Mutter schleift ihre Konkurrentin übrigens an den Haaren aus dem Haus, und Haare sind auch so etwas wie das Leitmotiv der einzelnen Erzählungen. Sie entsprießen dem Gesicht der Großmutter aus der Titelgeschichte, sie zieren - metallfarben - das Haupt der Heldin ("Wenig Zeit") und - glänzend braun - dasjenige der attraktiven und erfolgreichen Nebenbuhlerin, die die Erzählerin mittels Tollkirschen aus dem Weg zu räumen sucht ("Atropa bella-donna"); sie erzählen das Leben der Protagonistin in der Geschichte "Haare" - vom ersten Haarwuchs im Mutterleib bis zu jenem Haar, in dem sich der erste Mann verfängt. Und auch der Leser verfängt sich gerne in den Erzählsträngen und -stricken, die Jenny Erpenbeck mit sicherer Hand geknüpft hat.

Klaus Nüchtern in FALTER 49/2001 vom 07.12.2001 (S. 76)


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