Herr Lehmann
Ein Roman

von Sven Regener

€ 20,60
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Verlag: Eichborn
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 304 Seiten
Erscheinungsdatum: 31.07.2001

Rezension aus FALTER 47/2001

Das Romandebüt "Herr Lehmann" ein Sensationserfolg, die Band Element of Crime ein Pop-Klassiker: Der Sänger und Autor Sven Regener ist gefragt wie nie zuvor - und deswegen ein klein wenig verwirrt.



Unablässig wird in der an sich ruhigen Ecke des Café Westend geknipst, dazu bringt eine lokale TV-Station gerade eine Kamera in Stellung. Kein Zweifel, der interviewte Vierzigjährige mit Brille und legerem Sakko muss eine wichtige Person sein. Da nähert sich auch schon eine junge Frau und platzt angesichts eines vor dem Mann liegenden Buchs heraus: "Entschuldigung, sind Sie Schriftsteller?" Ob der Störung leicht genervt, murmelt der Befragte nur: "Ja, unter anderem." Worauf die Frau die Lautstärke noch einmal erhöht und überraschend nachsetzt: "Aber vor allem Politiker?" Nach kurzer Paralyse entspannt sich der Mann und pflichtet bei: "Genau, vor allem Politiker." Die junge Frau ist zufrieden und verschwindet ebenso blitzartig, wie sie erschienen war. Die Situation löst sich in Lachen und Wohlgefallen auf.

Auch wenn sich die geschilderte Szene zufällig ereignet hat, so steht sie doch exemplarisch für das, was sich in den letzten Wochen und Monaten um Sven Regener so abspielt. Seit mehr als fünfzehn Jahren ist Regener Frontmann der deutschen Chef-Melancholiker Element of Crime, seit Wochen wird er für sein Romandebüt "Herr Lehmann", angefangen von diversen Frauenzeitschriften bis zur Zeit, als Schriftsteller gefeiert. Er wird vom Interviewtag in X zu jenem in Y und von einer Talkshow zur nächsten gereicht. Seiner Liebe zum gepflegten Kneipensitzen und zum bewusst genossenen Vertrödeln von Zeit kommt das alles natürlich nicht entgegen, wie Regener im Falter-Gespräch erklärt: "Ich leide mitunter sehr, denn man kommt einfach nicht zum Nachdenken. Momentan kann ich nichts machen, weil ich keine Zeit habe. Aber das ist der Preis, den man zahlt, um erfolgreich zu sein. Es wäre kokett, darüber zu klagen. Verwirrt bin ich schon, weil so viel los ist. Zuerst gab es das Buch, das sich wie blöd verkauft. Damit habe ich nicht gerechnet, denn so naiv ist man mit vierzig einfach nicht mehr. Dann haben wir mit Element of Crime die neue Platte gemacht, promoten die jetzt und sind ab Januar auf Tour. Bis zum letzten Konzert, am 29. März in Wien, kann ich also erst mal über gar nichts nachdenken."

Regener bezeichnet sich als monomanen Menschen, der keine zwei Sachen gleichzeitig machen kann. Dementsprechend lang hat es gedauert, bis der im "Literarischen Quartett" mit Marcel Reich-Ranickis Amen abgesegnete Roman "Herr Lehmann" um einen verbummelten Künstler, der sich als Kellner verdingt und an der Schwelle zum dreißigsten Geburtstag noch nichts Vorweisbares zustande gebracht hat, Form annahm: "Das erste Kapitel habe ich aus einer Laune heraus schon 1992 oder 1993 geschrieben. Ich hatte immer das Gefühl, dass man mit diesem Herrn Lehmann noch sehr viel machen kann. Danach habe ich mich gescheut, wirklich ranzugehen, weil man für einen Roman einen größeren Brocken Zeit braucht. Und außer Songtexten habe ich ja vorher nie etwas geschrieben. Außerdem war ich skeptisch, ob es gut ist, den Hans-Dampf-in-allen-Gassen zu machen. Ich wollte nie der große Literat sein, ich wollte nur diese eine Geschichte erzählen."

Ob er angesichts des Erfolges seines Erstlings an die Fortsetzung seiner Zweitkarriere denkt, kann und will Regener aus den bereits genannten Gründe noch nicht nachdenken. In den nächsten Monaten haben erst einmal seine altbewährte Combo Element of Crime und deren neue CD "Romantik" Vorrang. Trotz der literarischen Tätigkeit des Sängers bezieht sich der Titel keineswegs auf die deutsche Romantik - und schon gar nicht auf Kuscheln bei Kerzenlicht: "Der Romantik-Begriff kam durch einen blöden Zufall in die Welt von Element of Crime hinein. Wir hatten einmal einen Auftritt im Romantik-Hotel Lindner in Bad Aibling. Seitdem fragte unser Tourmanager immer nur, wer mit wem Romantik machen wolle, wenn es um die Verteilung von Doppelzimmern ging. Irgendwo hat der Titel aber auch einen tieferen Sinn, denn unsere Songs haben ja eine romantische Seite. Wir sind zwar eine ruppige Band, aber eben auf romantisch-melancholische Weise."

Die neue CD liefert in der Tat solide romantisch-melancholische Kost, wie sie zuletzt schon auf den Alben "Die schönen Rosen" (1996) und "Psycho" (1999) serviert wurde: Düstere kleine Liebeserklärungen und verschrobene Alltagsbetrachtungen zu gut abgehangener, vielleicht ein wenig glatter Kneipenmusik. Viele Fans der frühen, auf Englisch gesungenen und teils von John Cale produzierten Alben wie "Try to Be Mensch" (1987) werden mit der recht gefälligen "Romantik" eher wenig anfangen können.

Damit hat Regener kein Problem, sieht er doch die Hörerschaft der Band einem ständigen Wandel unterworfen: "Bei jeder Platte springen bei uns etwa 15.000 Leute ab. Dafür kriegen wir aber wieder ein paar neue Hörer. Wenn das aber einmal nicht mehr so sein sollte, geht es schnell runter." In diesem Sinne wehrt er sich auch gegen die Vermutung, die Band sei längst zum Selbstläufer geworden: "Es gibt zwar viele Fans, die eine sehr enge Bindung untereinander haben. Das ist aber nichts, auf das man sich verlassen sollte. Denn wir sind eine Band, die von den Leuten gemacht wurde, nicht vom Radio oder vom Musikfernsehen.

Insofern wandern wir auf einem sehr schmalen Grat."



Ernsthafte Sorgen um den Erfolg braucht sich Regener vorerst freilich keine zu machen; schon eher darum, dass er in nächster Zeit auch lang genug in seinem geliebten Berlin verweilen wird können. Als soeben erst zum Politiker avancierter Stadtbewohner muss er am Ende des Gesprächs natürlich ein Statement zur Berliner Wahl und zur politischen Lage abgeben: "Berliner Landespolitik ist meines Erachtens eine eigentlich recht unpolitische Geschichte. Die Leute wählen doch immer mehr aus einem Gefühl heraus, anstatt sich von der Vernunft leiten zu lassen. Das wird meines Erachtens immer schlimmer. Ich als alter Freund der Aufklärung hätte gern mehr Vernunft in der Politik. Davon habe ich in der Berliner Wahl nicht viel gesehen."

Sebastian Fasthuber in FALTER 47/2001 vom 23.11.2001 (S. 69)


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