Der kleine Bruder
Roman

von Sven Regener

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Verlag: Eichborn
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 288 Seiten
Erscheinungsdatum: 19.08.2008

Rezension aus FALTER 48/2008

Der Inhalt ist oft auch wurscht

Sven Regener sitzt im Café Westend und trinkt ein Bier namens Libero. Das ist alkoholfrei, das Interview findet am frühen Nachmittag statt, und Regener hat danach auch noch den einen oder anderen Termin zu absolvieren. Er ist daran gewöhnt: Seitdem er mit seinem Romandebüt "Herr Lehmann" einen Sensationserfolg landete, herrscht ein Rummel um ihn, den er aus seinem Hauptberuf als Musiker bei der Band Element of Crime so nicht kannte.
Aus den gemütlicheren Jahren hat sich der 47-Jährige eine sympathische Unaufgeregtheit bewahrt. Nur wenn es um das eigene Werk geht, versteht er keinen Spaß. Dass Tex Rubinowitz seinen jüngsten Roman im Falter ziemlich verrissen hatte, dürfte Regener zugetragen worden sein, und so stand er am Beginn des Gesprächs ein wenig unter Strom.
Tatsächlich ist "Der kleine Bruder", das die mit "Herr Lehmann" begonnene und mit "Neue Vahr Süd" fortgesetzte Lehmann-Trilogie abschließt, inhaltlich zwar nur mehr eine Abrundung der Reihe, aufgrund der herrlich absurden Dialoge aber wohl das lustigste der drei Bücher. Erstaunlich, in wie vielen Variationen man das Wörtchen "Scheiß(e)" auf 288 Seiten unterbringen kann. Aber auch auf Lebenshilfe hat Regener nicht vergessen: "Trink immer, solange du noch kannst. Man weiß nie, ob später nicht was dazwischenkommt."

Falter: Berlin in den frühen 80ern – Punks, Hausbesetzer, junge Künstler: Was hat Sie an der Szene derart fasziniert, dass eine Romantrilogie daraus wurde? Man könnte sagen: Sie waren damals dabei und kennen diese Welt ohnehin schon.
Sven Regener: Das kann man so sagen. Aber es ist nicht meine Geschichte, die ich erzähle. Es hat mich gefesselt, diese Welt, die letztlich eine Parallelwelt war, mit den Augen eines anderen zu sehen. Der ging für mich nochmal durch diese Zeit. Und die Figuren haben mich interessiert. Das sind junge Leute, die sich wie verrückt bemühen, ihren Weg ins Leben zu finden. Viele von denen wollen Künstler sein, und sie sind eigentlich auch Künstler. Sie machen Kunst, nur unter sehr speziellen Bedingungen. Aus diesem Stoff lassen sich eine Menge Geschichten spinnen.
"Der große Bruder" ist, im Gegensatz zu "Neue Vahr Süd", allerdings nicht wahnsinnig handlungsstark ...
Regener (erbost): Finden Sie? Ich kann das nicht nachvollziehen. Frank kommt in diese Stadt, in der er niemand kennt. Nicht ganz 48 Stunden später hat er eine Arbeit, eine neue Wohnung und jede Menge Kollegen. Da ist doch 'ne Menge passiert. Es muss nicht gleich eine Atombombe explodieren oder ein Zug entgleisen.
Es wird weniger gehandelt, dafür umso mehr geredet und gelabert. Es hat Ihnen sichtlich Spaß gemacht, sich in absurde Dialoge reinzusteigern.
Regener: Mit dem Wort Labern bin ich auch nicht unbedingt einverstanden, aber ich weiß schon, was Sie meinen. Für mich ist dieses Sprechen wie Musik. Es liegt aber auch an diesem Buch, dass so viel geredet wird, denn hier erleben wir Frank kaum jemals allein. Er muss in Kontakt mit anderen treten. Das ist der Unterschied zu den anderen Büchern, wo er sich auch mal zurückzieht und was alleine macht. Hier drängt es ihn, seinen Bruder zu finden. Das strukturiert sein Leben. Während er diesem Auftrag nachgeht, baut er sich ein neues Leben auf.
Was muss man bedenken, wenn man so dialoglastig schreibt?
Regener: Es muss alles in Dialoge rein. Ich weiß nicht, ob das auffällt, aber die Figuren werden durchs Reden charakterisiert. Mehr Beschreibung findet nicht statt. Wenn ich mich nicht irre, weiß man von niemand, welche Haarfarbe der hat. Außer von Katrin, weil es Frank zufällig auffällt, dass die blond ist. Sonst kommt nur raus, dass Karl groß und wahrscheinlich eher dick ist. Trotzdem haben für mich die Leute ein eigenes Profil. Das entsteht nur dadurch, wie sie sprechen.
Die Figuren reden aber häufig auch nur aneinander vorbei, oder?
Regener: Die singen einfach nur ihr Lied. Der Inhalt ist oft auch wurscht. Ich nenne es Kung-Fu-Dialoge. Weil es dieser Kampfkunstidee mit komischen Volten, Finten und Andeutungen sehr ähnlich ist. 90 Prozent davon haben gar nichts damit zu tun, den anderen zu schlagen. Meist täuschen die nur an oder weichen aus. So ist es auch mit den Akteuren. Das hängt mit dem Alter der Leute zusammen, in dem man noch kein gefestigtes Weltbild hat: Man probiert sich aus. Der eine gibt sich eben superselbstbewusst und schmeißt sich in Pose, der andere zieht sich zurück.
Frank, der kleine Bruder, wirkt zunächst etwas verloren, erweist sich dann aber als überraschend robuster Kerl.
Regener: Man neigt dazu, ihn zu unterschätzen. Der ist nicht der lethargische Typ, als der er von seinen Mitmenschen gesehen wird. Wenn's drauf ankommt, hat er wirklich wache Momente. Plötzlich entdeckt er Talente, von denen er selbst gar nichts wusste. Dieses labile Selbstbild, das man in dem Alter hat, kann schon durch ein nicht sehr glamouröses Talent wie das, gut einen Tresen zu bedienen, zum Positiven verändert werden.
Sehr punkmäßig ist das nicht.
Regener: Ja, wobei ich auch nie begriffen habe, was Punk ist. Punk ist ein bisschen wie Kunst: Färb dir die Haare bunt, zieh dir diese Klamotten an – schon bist du irgendwie dabei. Man muss auch sagen, dass nichts spießiger ist als ein Punk, der sagt: Der da ist ja gar kein Punk. Oder: Das ist keine Kunst.
Wie war das damals, als Punk neu war?
Regener: Das war schon aufregend. Wie wir wissen, passierte das in Deutschland aber erst mit einiger Verzögerung und nicht vor 1980. Im Nachhinein wollen ja alle 1977 schon Punk gewesen sein. Das ist Blödsinn. Ich kannte einen, der war circa 1978/79 Punk, aber er war echt der Einzige. In Berlin hat sich das alles gleich mit New Wave und Performancekunst vermischt. Eine monströse Welt, die aber im Prinzip nur von ein paar Akteuren gemacht wurde.
Haben Sie beim Schreiben Ihres Romans was Neues über diese Zeit gelernt?
Regener: Ach, so viele Dinge werden nur mehr unter dem Aspekt gesehen, dass man unbedingt was lernen muss. Schon kleine Kinder können nicht einfach mal irgendwo einen Fußball an die Wand kicken, ohne dass es heißt, die lernen dabei eine bessere Bewegungsmotorik. Ich glaube gar nicht, dass es in der Kunst darum geht, etwas zu lernen. Interessant war, sich zu erinnern, wie sich das damals anfühlte. Das ist schon sehr lang her. Ich bin 1982 nach Westberlin gekommen. Sich nochmal zu vergegenwärtigen, wie das war mit dieser Mauer und dieser Stadt mit ihrer seltsamen Form von Paranoia und wo gleichzeitig auch dieses Aufbruchsgefühl herrschte – darum ging's mir. Alles schien damals möglich.
Bestand die Gefahr, nostalgisch zu werden?
Regener: Grundsätzlich sicher, aber ich glaube nicht, dass bei mir eine Verklärung stattfindet. Es gab ja auch die andere Seite: Die Luft war schlecht, es war kalt, und man hatte nie Geld. Das habe ich nicht vergessen.
Apropos Geld: Lustig fand ich den Kunstmufti, der sich als Hausbesetzer inszeniert, in Wahrheit aber Hausbesitzer ist.
Regener: Das ist das Tolle: Gerade diese Simulation der Hausbesetzung kann auch Kunst sein. Das ist eine wirksame Methode, sich unangreifbar zu machen: Alles hat nochmal ein Netz und einen doppelten Boden. Eine interessante Art, sich Kritik und Angriffen zu entziehen. Andererseits ist es Blödsinn: Ob man will oder nicht, man kann letztlich als Künstler kein Outcast sein, da spielt immer Gesellschaft mit rein.
Mir war die nervige Chris sympathisch. Ansonsten haben Frauen in dem Buch wenig zu sagen. Warum?
Regener: Das ist eine reine Männerwelt. Die Frauen werden wenig beachtet. Sie treten nur als Bedrohung auf. Nehmen wir die schwangere Helga – die hassen alle. Das ist sehr bezeichnend für die ganze Szene. Ich habe mir eine Zeitlang überlegt, das anders zu schreiben, fand es aber dann verlogen, das nachträglich umzuschminken, weil ich es nicht toll finde, wenn Frauen nichts zu sagen haben. Dieser ganz Kunstkram ist eine verdammte Männerwelt.
Liebesgeschichte gibt's auch keine ...
Regener: Man denkt manchmal: Da könnte sich was entwickeln. Aber die Figuren haben den Kopf gar nicht frei dafür. Das wäre unrealistisch gewesen. Beim Film reden sie immer vom "love interest". Man schreibt ein Drehbuch, und dann kommt so ein Produzenten-Sportsfreund an und sagt: Das ist ja ganz nett, aber der "love interest" ist noch nicht genug herausgearbeitet. Das ist natürlich total blöd und schematisch gedacht. "Moby Dick" hat auch keinen klassischen "love interest". Aber vielleicht ist die Geschichte zwischen Captain Ahab und dem Wal trotzdem eine Liebesgeschichte.
Ich war mir lange nicht sicher, ob der kleine Bruder den großen überhaupt findet.
Regener: Doch. Ich dachte ursprünglich nur, die beiden hätten mehr miteinander zu bereden. Viel gibt es nicht, aber man muss nicht alles noch einmal durchkauen am Schluss. Noch dazu, wo der kleine Bruder sich im Lauf der Handlung vom großen emanzipiert hat. Er braucht ihn nicht mehr. Ich habe mir immer gedacht: Das letzte Kapitel wird schwer. Am Ende war's dann nicht so.
Sehen Sie heute noch Spuren dieses Punk-Kunst-Dings?
Regener: Ich kenne wenig junge Leute, muss ich gestehen. Die ganzen 80er und 90er war ich jeden Abend aus, heute passiert es vielleicht alle zwei Wochen. Insofern habe ich nicht mehr diesen Überblick. Aber ich glaube, nichts geht verloren, alles findet irgendwo weiter statt, auch wenn es einem von der Zeit überholt scheint. Von 1997 bis 2000 habe ich in Hamburg gelebt und viele Künstler gekannt. Die waren älter, aber die grundsätzlichen Fragen bleiben.
Wie geht's Ihnen mit der neuen Bürgerlichkeit und Biederkeit?
Regener: Das ist doch alles nur von Journalisten herbeigeschrieben. Wertewandel, wenn ich das schon höre! Bürgerlichkeit ist derselbe alte Kram wie immer: Man wird älter, kriegt Kinder und muss sich da­rum kümmern, dass die in die Schule gehen. Irgendwann steht man da und schmiert Schulbrote. Ist nichts Schlechtes, habe ich heute Morgen auch gemacht.
Stichwort Rauchverbot?
Regener: Ich selber rauche nicht mehr, aus gesundheitlichen Gründen. Aber das war klar, dass das kommen würde.
Sie haben es gewissermaßen prophezeit. Bei Element of Crime hieß es schon 1996 in "Nichts mehr wie es war": "Lass die Kippen in der Tasche, hier wird nicht mehr geraucht."
Regener: Seitdem ich vor über 30 Jahren damit angefangen habe, ist das Rauchen auf dem Rückzug. Früher hat man in Sparkassen und Postämtern völlig selbstverständlich geraucht. Ich habe meine Kindheit komplett im Qualm von Zigarren und Zigaretten verbracht, ich konnte mir gar nichts anderes vorstellen. Ich war sozusagen schon süchtig, bevor ich die erste geraucht habe. Die Leute werden trotzdem weiter rauchen. Es gibt gesellschaftliche Trends, und es gibt immer auch die Gegenbewegung. Heavy Metal war ja auch nie weg, auch wenn lange Zeit nicht darüber geredet worden ist. Sogar Bob Dylan war lange Zeit out. Dieses Trendgerede wird immer von einer Elite postuliert: Wenn der normale deutsche Arbeiter zu Klaus Lage geht, dann ist der doof. Wenn in Prenzlauer Berg ein Journalist das für sich entdeckt, wird es ein Trend.
So wie ihr Karl sagt: "Es ist Kunst, wenn einer sagt, dass es Kunst ist. Im Zweifel ich. Und dann muss ich noch mindestens einen finden, der mir das glaubt."
Regener: Genau. Ich finde diese Definition von dem Karl Schmidt sehr klug, weil sie das ganze Dilemma in ein paar Sätze fasst – und auch löst. Dass eine Fettecke von Beuys Kunst ist, hat nur einen Grund: Weil er ein respektierter Künstler ist und sagt, das sei Kunst. Da ist ein Beipackzettel dran: von Beuys – also Kunst. Es gibt ein Lied von Surrogat, wo es heißt: "Wo wir sind, ist immer oben. Und wenn wir unten sind, ist unten oben." So funktioniert das. Wenn wir da nicht hingehen, ist da keine Avantgarde.
Wie funktioniert das in der Literatur?
Regener: Robert Gernhardt hat in "Wege zum Ruhm" sinngemäß geschrieben: Manche Autoren haben Stammplätze im Restaurant der Kritik. Es gibt aber nur wenige Plätze, und viele werden nicht reingelassen, die werden nie ins Feuilleton kommen. Und dann gibt es noch die Bistrobande, die gar nicht reinkommen will, sondern lieber im Bistro sitzt und rumlabert. Da würde ich Max Goldt oder Wiglaf Droste dazuzählen. Die werden schon ab und zu gut besprochen, aber von der Kritik nicht richtig ernst genommen.
Wo sitzen Sie?
Regener: Ich habe vorübergehend meinen Platz bekommen und bin da rumgesessen. Die Bücher sind besprochen worden – ob aus inhaltlichen oder stilistischen Gründen oder weil sie so erfolgreich sind, weiß ich nicht, ist mir letztlich auch egal. Aber der Respekt ist mir schon wichtig.
Der Erfolg genügt Ihnen nicht, Sie wollen auch gute Kritiken?
Regener: Man muss pragmatisch sein. Mein Motto ist: sich nicht über schlechte Kritiken beschweren und für gute nicht bedanken. Niemand will verrissen werden. Natürlich nimmt man es persönlich, wenn es passiert. Es ist auf jeden Fall einfacher zu verkraften, schlechte Kritiken zu bekommen und gut zu verkaufen, als gut besprochen zu werden und wenig zu verkaufen. Nichts ist so gefährlich wie verbitterte Künstler. Man bietet sein Buch der ganzen Welt an, aber die interessiert das nicht. Ich weiß zumindest: Da steht 'ne große Masse dahinter, die das gut findet.
Lesen Sie die Kritiken?
Regener: Kaum. Man hat ohnehin immer Freunde, die einen auf schlechte Kritiken aufmerksam machen. Ich glaube, ich habe keine davon verpasst. Da kommt immer jemand an: "Sag mal, hast du schon gelesen? Der Typ spinnt ja wohl total." Man ist sich nicht ganz sicher, was die Motivation hinter solchen Ansagen ist.
Über Ihre Bücher kursieren die irrsten Verkaufszahlen, das schwankt zwischen einer Million und drei Millionen. Wie viele sind es denn?
Regener: Ich habe mal beim Verlag nachgefragt. Von "Herr Lehmann" wurden 1,7 Millionen Exemplare verkauft, das meiste davon Taschenbücher. Bei "Neue Vahr Süd" stehen wir ungefähr bei 600.000. Und auch das neue Buch läuft wie geschnitten Brot, Zahlen habe ich allerdings noch keine. Das alles ist ein Riesenglücksfall – wie ein Lottogewinn. Nur dass ich, im Gegensatz zum Lottogewinner, gleich mal die Hälfte versteuern musste. Und das nächste Buch schlägt sich auch erst im nächsten oder übernächsten Jahr im Einkommen nieder. Im Ganzen werde ich dann zehn richtig gute Jahre gehabt haben.
Was machen Sie mit dem Geld – Sportwagen kaufen, eine Yacht?
Regener: Ich mag lieber Einzelverbrauchsgüter, wie es bei der Armee heißt: Sachen, die man einmal nimmt, und dann sind sie weg. Ich gehe viel Essen. Ich habe zwei Kinder, die kosten auch Geld. Generell gebe ich gern viel aus, Geld muss ausgegeben werden. Auf der anderen Seite ist es schön, mal was zurücklegen zu können und sich keine Sorgen machen zu müssen. Das ist bei Künstlern oft ein Problem. Nicht immer tingeln zu müssen für die Miete stellt schon eine enorme Erleichterung dar. Man ist unabhängiger.
Ihre Band Element of Crime hat einige Jahre gebraucht, ist mittlerweile aber auch ziemlich erfolgreich.
Regener: Dafür mussten wir vorher über lange Zeit jeden Fan einzeln überzeugen. Wir hatten ja nie Singlehits und wurden auch nicht im Radio gespielt. Ich habe mich umso mehr gefreut, als wir für unser letztes Album, "Mittelpunkt der Welt", unsere allererste goldene Schallplatte bekommen haben. Nach 22 Jahren! Allerdings musste die Verkaufsgrenze dafür schon zweimal gesenkt werden, und es hat auch zwei Jahre gebraucht. Die Tournee war zu Ende, wir machten den Laden gerade dicht. In dem Moment kam die Betreuerin von unserer Plattenfirma und sagte: "Sven, ihr seid seit gestern Gold." Ein Timing für die Götter.
Das Klischee vom hungernden Künstler ist dennoch nicht aus der Welt zu kriegen.
Regener: Aber es ist Quatsch! Ich glaube, dass es diesen Zusammenhang nicht gibt. Der leidende oder mit seinem Werk ringende Künstler – das kann alles sein, aber es ist kein Ausweis für Qualität. Dieser finanzielle Misserfolg zermürbt eher. Manche brauchen das Pleitesein allerdings als Ansporn. Von H. C. Artmann heißt es, der hat immer aufgehört zu schreiben, wenn er wieder irgendwo einen Preis verliehen bekam. Schade, der hätte sonst mehr geschrieben. Ich habe das so nicht.
Wie sieht es mit Herrn Lehmann aus: Wird es einen Nachschlag geben?
Regener: Nein, in die Richtung ist nichts mehr geplant. Ich wollte von Anfang an diese drei Bücher schreiben. Ich habe es nur bei "Herr Lehmann" noch nicht so raushängen lassen, weil ich nicht wusste, ob "Neue Vahr Süd" gelingen würde. Als das fertig war, war klar, dass auch das dritte gemacht werden muss.
Und jetzt?
Regener: Jetzt machen wir mal mit Element of Crime neue Songs. Mir gefällt der Gedanke, ausnahmsweise mal nicht so verplant zu sein wie in den letzten Jahren. Es ist nicht immer schön, schon 2005 zu wissen, dass man 2007 das ganze Jahr mit einem Roman zu tun haben wird. Außerdem hatte ich die letzten Jahre immer zwei Berufe, das war schon auch anstrengend. Momentan genieße ich es, sagen zu können: Ich weiß nicht, was ich 2010 tun werde. Das fühlt sich ein bisschen an wie früher.
Ist die Laufbahn als Autor mit "Der kleine Bruder" gar beendet?
Regener (lacht): Das ist immer möglich. Man kann ja morgen tot umfallen. Dann war's das auch. Ich weiß es nicht. Wenn ich eine gute Idee für einen Roman hätte, dann würde ich den natürlich schreiben wollen. Aber ich müsste erst in Ruhe drüber nachdenken. Eines wollte ich nie sein: Ankündigungsweltmeister.

Sebastian Fasthuber in FALTER 48/2008 vom 28.11.2008 (S. 28)


Rezension aus FALTER 38/2008

"Was ist denn hier los?" "Was soll schon los sein?"

Auf aktuellen Fotos sieht der Berliner Schriftsteller und Musiker Sven Regener ganz betrübt aus. Man weiß nicht recht, was ihn so traurig macht, denn er hat gerade ein neues Buch am Start, eines, dass sich soeben in die Spiegel-Bestsellerliste ganz oben, direkt unter jenes von Charlotte Roche eingeparkt hat und vermutlich auch nicht so schnell von dort weggehen will.
Nachdem Regener mit "Herr Lehmann" und dem Nachfolgebuch "Neue Vahr Süd" einen sensationellen Erfolg einheimsen konnte (drei Millionen verkaufte Einheiten), kommt nun "Der kleine Bruder", als dritter Teil der Lehmann-Trilogie, der eigentlich der mittlere ist, er verbindet das erste Buch, das chronologisch das letzte ist, mit dem zweiten, das an den Anfang gehört – eine kesse antizyklische Strategie, fast so, als solle sie vom Inhalt des neuen Buchs ablenken, das letztlich wenig mehr ist als ein lustloser Epilog von "Neue Vahr Süd" und ein unergiebiger Prolog von "Herr Lehmann" sein könnte.
Frank Lehmann kommt also aus Bremen nach Berlin, um seinen Bruder zu besuchen, in eine Stadt, die unter der grauen Steppdecke der frühen 80er-Jahre vor sich hin schnarcht. Berlin fungierte dank seines neutralen Sonderstatus als Militärflüchtlingsasyl: Ungewaschene westdeutsche Jungs, die nicht zur Bundeswehr wollten, kamen in die Stadt und begannen im Schatten der sie umgebenden und schützenden Mauer, "irgendwas" zu machen; Kunst bietet sich an, alles ist möglich, nichts verboten. Man macht schlechte Musik, die keiner hören will, schlechte Kunst, die sich schlecht verkaufen lässt, macht schlechte Texte, die man schlecht vorträgt, aber das fällt auch nicht weiter ins Gewicht, weil alle anderen ebenfalls nur Mist bauen (eine Analogie zur heutigen Bloggerflut, bei der verhinderte Poeten ihr ungares Zeug ebenfalls nur für ihresgleichen schreiben und ihresgleichen vorlesen). Man schmort also im eigenen Saft. Zumindest haben die klobigen Schrottskulpturen, die Franks Bruder zusammenlötet, den nützlichen Nebeneffekt, lichtscheue Hinterhofpunks zu foppen – sie erschweren ihnen den Zugang zu ihren besetzten Kellerlöchern.
Man könnte diesen ratlosen Stillstand, diese Persistenz der Passivität gut beschreiben, indem man sich entweder darüber lustig macht oder sie idyllisiert. Regener hingegen, der zur gleichen Zeit wie seine Romanfigur nach Berlin kam, ist sich offensichtlich nicht ganz im Klaren darüber, ob die Zeit nun befruchtend oder lähmend war, und so beschreibt er sie auch: zögerlich und unsicher, ratlos. Nichts passiert, es wird nur geredet, über nichts, und wenn diese Dialoge in den beiden Vorgängerbüchern noch erquickend und akzentuierend eingesetzt waren, ist hier davon nichts mehr zu spüren. Sie sind ohne Witz und Charme, langatmig, belanglos, nervtötend: ",Ich kenne die, weiß nur nicht mehr woher.' ,Soso!', sagte Frank. ,Soso!', echote es hinter Frank. Es war Erwin. ,Soso!', wiederholte er. ,Was ist denn hier los?' ,Was soll schon los sein', rief Chrissie."
Blutarmut, Lakonie und Langeweile kann ein Motor für Kreativität sein – Stichwort Andy Warhol –, Regener wirft diesen Motor aber nicht an. Ja, schlimmer noch, versucht er, das trübe Szenario durch Witze und ironisierte Phrasen aufzupeppen, die sich allerdings oft genug als Rohrkrepierer erweisen: "In Berlin wohnen ist wie Tubaspielen: Hauptsache, du pupst ordentlich rum!"
Die dürre Handlung ist eher ein Alibi, das aufgepfropfte Ende und die matte Lösung wirken lieblos und uninspiriert.
Das Buch erzählt von der nicht nachvollziehbaren Suche Frank Lehmanns nach seinem großen Bruder, wobei dessen Temperament plötzlich unmotiviert von phlegmatisch und naiv ins Aggressive kippt. Da gewinnt man den Eindruck, dass die Hauptfigur und die um diese herumgruppierten Tagediebe dem Autor eigentlich egal sind und hauptsächlich dazu dienen, die Lücke zwischen den beiden vorangegangenen Büchern zu füllen. Vielleicht ist ja das der Grund, warum Regener auf Fotos so traurig aussieht, so, als hätte er sich selbst seinen Lehmann weggenommen.

Tex Rubinowitz in FALTER 38/2008 vom 19.09.2008 (S. 41)


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