Herero

von Gerhard Seyfried

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Verlag: Eichborn
Erscheinungsdatum: 01.01.2003


Rezension aus FALTER 12/2003

Der legendäre Comiczeichner Gerhard Seyfried widmet sich in seinem Roman "Herero" einem finsteren Kapitel der Geschichte: der blutigen Niederwerfung des Hereroaufstandes in Südwestafrika.

Gerhard Seyfried war ein Idol meiner späten Jugendjahre. Sein kleiner Anarchist hat mir in der Provinz das Gefühl vermittelt, da draußen, in der großen weiten Welt des braven Biedersinns, mache einer das Richtige - und sei es, indem er Comics zeichnet. Nun hat das Idol einen Roman geschrieben: Auf 600 Seiten erzählt "Herero" vom Schicksal eines afrikanischen Volkes, das von Deutschen kolonisiert und nach einem Aufstand praktisch ausgerottet wurde. Eine würdige Aufgabe für das Idol meiner Jugend.

Jahrelang, so erfährt man in der Nachbemerkung, habe Seyfried über die Hereros und die Deutschen in Südwestafrika (dem heutigen Namibia) recherchiert und mehr als 200 Bücher dazu gelesen. Thomas Pynchons "Gravity's Rainbow" wird im Literaturverzeichnis nicht geführt. In diesem 1973 erschienenen Roman wird von einem "Schwarzkommando" berichtet, einer geheimen SS-Einheit, die aus Hereros zusammengesetzt war. Allerdings ist es - wie immer bei Pynchon - nicht ganz so einfach: Das Schwarzkommando taucht erst im Dritten Reich auf, nachdem die Engländer einen fiktiven Film darüber gedreht und ihn den Deutschen als Abschreckung vor den geheimen Machenschaften der SS in die Hände gespielt hatten. Typische Pynchon-Paranoia: Die Wirklichkeit bestätigt (oder holt ein), was Menschen in ihren finstersten Gedanken ersonnen haben. Der Führer des Herero-Schwarzkommandos jagt auf der Suche nach einer V2-Rakete durch das untergehende Dritte Reich. In seiner Kindheit hatte er den Untergang seines Volkes in Deutsch-Südwestafrika erlebt - eine Vorübung für die Vernichtung der Juden.

Dermaßen kompliziert, paranoid und finster geht es bei Seyfried nicht zu. Die Hauptfigur des Romans ist ein Berliner Kartograph namens Carl Ettmann, der 1903, nach dem Tod seiner Frau, in die deutsche Kolonie flieht, doch die Art, wie Seyfried ihn schildert, lässt Ettmann als Typus des deutschen Touristen erscheinen: Er ist so sehr mit sich selbst beschäftigt und in seinem Deutschtum gefangen, dass er das fremde Land gar nicht wahrnehmen kann. Auch die anderen Deutschen erwecken diesen Eindruck. Ein Pastor Lutter, der dem Konzept der Kolonisierung skeptisch gegenübersteht, meint mitten in Afrika: "Pflaumenkuchen? Ei, wo haben Sie denn die Pflaumen her?"

Lutter sitzt mit Ettmann und der Fotografin Cecilie Orenstein - auch einmal Goethe paraphrasierend "Cäcilien" genannt - zu Tisch in Windhuk, der Hauptstadt der Kolonie. Ettmann war kurz nach seiner Landung in Swakopmund zur "Schutztruppe" eingezogen worden, die den Aufstand der Hereros niederwerfen soll, und hat seine ersten Gefechte hinter sich. Cecilie sucht nach exotischen Motiven für einen Fotoband und hat gemeinsam mit dem Pastor das Land zwischen dem Hafen Swakopmund und der Hauptstadt Windhuk durchquert. Der Pastor, "mit einem recht flotten Strohhut auf dem Kopf", will Gutes für die "Eingeborenen" tun.

Im Anhang berichtet Seyfried über den weiteren Lebensweg seiner Protagonisten; man soll annehmen, dass die Romanfiguren bestimmte Menschen zum Vorbild haben. Lebendig werden die Figuren dadurch freilich nicht. Womöglich war es keine gute Idee, anständige Deutsche zu Romanhelden zu machen. Außer einer sanften Neugier bei "Fräulein Orenstein" und einer stumpfen Trauer bei Ettmann spürt man keine Emotionen. Die Wahrnehmung der afrikanischen Landschaft speist sich aus Erinnerungen an Caspar David Friedrich und Karl May, die Wüste erscheint wie deutsche Romantik nach einem großflächigen Waldsterben. Seyfried lässt Ettmann hin und wieder etwas zeichnen, nur sieht das wie ein Seyfried-Comic aus. Der Simplicissimus-Stil läge doch zumindest zeitlich näher am Geschehen.

Seyfried bringt eine Menge historischer Fakten und Anekdoten ins Spiel, nur spielen die Romanfiguren nicht mit. Ettmann und Orenstein starren auf eine ihnen fremde Welt, mit der sie nichts anfangen können. Als er erfährt, dass Hereros geröstete Termiten als Leibspeise schätzen, zeichnet er - anstatt zu kosten - nur einen Termitenbau, um anschließend "Spiegeleier mit Speck und Dörrbratkartoffeln" (was immer das sein mag) zu essen. Der gute, in Cecilie verliebte Mann wird auf seinen recht einsamen Vorposten von keinerlei sexuellen Regungen heimgesucht, sogar seine Kriegserlebnisse sind öd: Als Gegner stehen ihm höfliche Hereros gegenüber, die gefangene Frauen und Kinder des Feindes sogleich wieder zurückschicken.

Nach etwa 450 Seiten Anstand in Afrika landet endlich ein richtig böser Mann. General von Trotha soll auf Geheiß des deutschen Kaisers Schluss mit den Aufständischen machen. "Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh, erschossen, ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volke zurück oder lasse auf sie schießen", lautet ein Auszug aus seinem berüchtigten Schießbefehl.

Jetzt kommt endlich ein wenig Schwung in die Wüstenei. Wenn man sich bis dahin gefragt hatte, was die Deutschen in Afrika eigentlich wollen und was die freundlichen Hereros zu einem Aufstand getrieben hat, findet man in Von Trotha endlich Antwort: Ihm ist es "vor allem darum zu tun, sich diese seltene Gelegenheit zu einem hübschen kleinen Krieg nicht durch pazifistische Gefühlsduselei versauen zu lassen". Jawohl, so möchte man ihm zurufen, endlich einer, der etwas anderes will, als Buxtehude in Südwestafrika nachzubauen! Gerhard Seyfried aber verbreitet in seinem Roman jenen braven Biedersinn, dem er einst mit dem Anarchisten und seiner Bombe den Garaus machen wollte. Vermutlich hätte er den an Stelle von Herrn Ettmann nach Südwestafrika schicken sollen. Die Betulichkeit, die angesichts eines weiteren finsteren Kapitels deutscher Geschichte in dem Roman verbreitet wird, dient der Wahrheit nämlich keineswegs.

Christian Zillner in FALTER 12/2003 vom 21.03.2003 (S. 10)


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