Lexikon der Psycho-Irrtümer
Warum der Mensch sich nicht therapieren, erziehen und beeinflussen lässt

von Rolf Degen

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Eichborn
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 42/2000

Ein Wissenschaftsjournalist zieht verheerende Bilanz: Psychotherapie ist Schwindel, und dem Menschen kann weder therapeutisch noch durch Erziehung, Medien oder Erfahrungen geholfen werden.
Spiegel-Leser wissen mehr. Seit Anfang September beispielsweise, dass eine der vermeintlichen großen Errungenschaften des vergangenen Jahrhunderts nur (Selbst)Betrug ist: die Heilung seelischer Leiden durch Psychotherapie. Vierzehn Seiten war dem deutschen Nachrichtenmagazin die journalistische Aufbereitung der provokanten These wert. Neben spektakulären Fotos von Therapiesitzungen (samt teils obskurer Methoden) und einer um Ausgewogenheit bemühten redaktionellen Einleitung druckte das Nachrichtenmagazin ausführliche Passagen aus jenem skandalträchtigen Buch, das Anlass für die Titelgeschichte war.
Darin kommt der Wissenschaftsjournalist Rolf Degen nach umfangreichen Studien - und hundert Jahre nach Freuds richtungsweisender "Traumdeutung" - zu einem schonungslosen Befund. Just zu jenem Zeitpunkt, als das Unternehmen Psychotherapie nach Österreich nun endlich auch in Deutschland gesetzlich verankert wurde, erklärt er es für gescheitert: Schlechthin jede Veränderung des Menschen sei Illusion, ob nun durch Therapie, erweiterte Bewusstseinszustände, Trainings, Erziehung oder die Massenmedien.
Leider, oder zum Glück, erweist sich die Spezies als resistent gegenüber jeglicher Manipulation, legt Degen in vierzehn Kapiteln dar und lieb gewordene Mythen bloß: jenen von der Wichtigkeit einer harmonischen Kindheit und dem Einfluss der Erziehung; die Auffassung, wir würden nur zehn Prozent unserer Gehirnkapazität nutzen und unsere Denktätigkeit ließe sich optimieren; das Konzept Psychosomatik und die "Selbstwertgefühlsduselei" .
Mit besonderer Verve attackiert Degen tiefenpsychologische Vorstellungen wie das Freud'sche Unbewusste und die Abwehrmechanismen, die dieses vor Aufdeckung schützen sollen - sie seien durch keinerlei empirische Daten belegt. Anders als zahlreiche Vorgänger zieht der Autor aus seiner Kritik an der Psychoanalyse nicht die Konsequenz, die Verhaltenstherapie zu unterstützen: Denn auch diese sich gerne als wissenschaftlich gebende Methode habe sich in kontrollierten Überprüfungen als keineswegs wirksamer herausgestellt als diverse Placebos. Keine Glaubensrichtung wird verschont in dieser Generalabrechnung mit der zeitgenössischen Psychologiegläubigkeit. Statt für die eine oder andere Wissenschaftsfraktion Partei zu ergreifen, konfrontiert Degen sie alle mit dem eklatanten Mangel an greifbaren Ergebnissen, die das Fach nach mehr als einem Jahrhundert systematischer Forschungen vorzuweisen habe.
Das ist das Erfrischende an diesem Buch. Das Bedenkliche ist, dass in der Freude an der Polemik wichtige Differenzierungen und Tatsachen verloren gehen. Ganze Forschungsrichtungen werden nicht erwähnt oder höchstens kursorisch abgehandelt - am besten in Form von Zitaten ihrer erklärten Gegner. Um etwa seine Infragestellung des Einflusses von Kindheitserfahrungen auf die Persönlichkeitsentwicklung und spätere Lebensgestaltung aufrecht zu erhalten, muss Degen vieles ignorieren, was inzwischen unter Fachleuten als unumstritten gilt: in der klinischen Forschung beispielsweise der Zusammenhang zwischen Depressivität und frühen Verlusterfahrungen. Degens kategorisches Abstreiten traumatischer Erlebnisse muss Therapeuten oder Sozialarbeiter, die ihre Klienten bei der mühevollen Bewältigung von Missbrauchserfahrungen unterstützen, einigermaßen zynisch erscheinen (den Betroffenen sowieso). Die Frage der Relevanz von Kindheit und späteren Lebenserfahrungen (bzw. beider Verneinung) bildet den theoretischen Kern von Degens Abhandlung. Der Streit darüber ist nun allerdings bedeutend älter als die psychologische Wissenschaft selbst - spätestens seit Rousseau ist einer der beliebtesten gelehrten Dispute jener über "Anlage versus Umwelt" (nature vs. nurture). Ohne die geschichtliche Dimension der Debatte darzustellen, die er fortsetzt, nimmt Degen darin traditionell-ungebrochen einen kompromisslosen Standpunkt ein (jenen der Anlage) - ohne indessen neue Erkenntnisse zu präsentieren.
Das ist das letztlich Enttäuschende an Degens Traktat: Der Autor folgt ausgetretenen Pfaden und bemüht sich nicht, widersprüchliche Forschungsergebnisse etwa durch innovative Syntheseansätze miteinander in Einklang zu bringen. Oder jene Forschungsbereiche aufzuzeigen, wo grundlegend neue Erkenntnisse und konzeptionelle Weiterentwicklungen zu erwarten sind. Dabei gäbe es die durchaus, gerade an den Schnittflächen von Psychologie und anderen Fächern wie Neurologie oder Embryologie. Doch um die zu erkunden, steht dem Wissenschaftsjournalisten Degen seine eigene Wissenschaftsskepsis im Weg. Der "Psycho-Knüller der Saison" bleibt damit nicht mehr oder weniger als eine pointiert formulierte Streitschrift mit Mut zur teilweise bedenklich großen Lücke.

Johann Kneihs in FALTER 42/2000 vom 20.10.2000 (S. 36)


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