Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär
Roman

von Walter Moers

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Eichborn
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 14/1999

Tuuuuut, Tuuuut-Tuuuuuut

Walter Moers, Erfinder des Kleinen Arschlochs, hat den Kinderliebling Käpt'n Blaubär zum Helden eines phantastischen Entwicklungsromanes gemacht. Allein der Umfang beweist: nicht nur für Kinder.

Das Tamtam, mit dem der Eichborn-Verlag die Werbetrommel für diesen wahrhaft schön gemachten Wälzer rührt, steht in krassem Gegensatz zur scheuen Zurückgezogenheit des Autors. Der läßt sich zum Leidwesen der Journalisten weder fotografieren, noch ist er zu einem Interview zu bewegen. Höchstens am Telefon läßt er sich dazu herab, ein bißchen von sich zu erzählen, doch selbst das bißchen riecht verdächtig nach Seemannsgarn. Ärgerlich, wo doch jeder wissen will, wie Moers, dieser Meister der fiesen Figuren, die das halbe Elend unserer Welt in beißend-komischen, schlüpfrig-versauten und gemein-treffenden Bildern von unübertrefflicher Bosheit festzuhalten wissen, wie also dieser Schöpfer vom "Kleinen Arschloch" und von "Adolf, der Nazisau" zugleich ein Herz und ein kindliches Gemüt bewahrt für den munter drauflosquasselnden "Käpt'n Blaubär".

Seiner inzwischen allseits vermarkteten Kultfigur - der berühmte blaue Bär stammt tatsächlich ursprünglich aus Moers' Feder - haucht er mit seinem jetzt erscheinenden ersten Roman nicht bloß ein neues Leben ein, sondern gleich 13 1/2. Warum so eine krumme Zahl? Das Vorwort erklärt es und enthüllt sogleich die gut begründete und wohl auch kalkulierte Schüchternheit von Moers: "Ein Blaubär hat siebenundzwanzig Leben. Dreizehneinhalb davon werde ich in diesem Buch preisgeben, über die anderen werde ich schweigen. Ein Bär muß seine dunklen Seiten haben, das macht ihn attraktiv und mysteriös."

Indes, an Attraktion fehlt's bei den hier preisgegebenen Leben dieses Bären auch nicht: Denn wie es sich für eine gute Autobiografie gehört, eröffnet der Bär mit seinen 13 1/2 Leben auch ebenso viele Welten, und so ersteht ein buntes, phantastisches Blaubärreich, Zamonien genannt, das von den irrwitzigsten Gestalten bevölkert, von fast unüberwindlichen Gefahren bedroht und voller Abenteuer ist.

Die Geschichte des Käpt'n beginnt als Findelkind in einer Nußschale auf dem zamonischen Ozean. Zwergpiraten retten ihn vor dem drohenden Malmstrom - einem "Dimensionsloch" - und lehren ihn fünf Jahre die Basics der Seefahrt, bis er eindeutig zu groß für diese Winzlinge ist. Bei den Klabautergeistern macht er erstmals mit Dunkelheit und Angst Bekanntschaft und lernt schließlich, was die gefühllosen Kreaturen begeistert und ihn vor ihnen rettet: das Heulen auf Kommando.

Bei den Tratschwellen, die einer alten zamonischen Sage nach die "wellengewordenen Gedanken eines gelangweilten Ozeans sind" und dazu neigen, ihre "Opfer um den Verstand zu bringen", lernt der Blaubär in seinem dritten Leben das Sprechen. Einen höchst effektiven Aufschwung seines Geistes erlebt er in seinem sechsten Leben in den Finsterbergen unter den Fittichen des Universalgelehrten Zamoniens, Professor Dr. Abdul Nachtigaller, der durch bloßes Nachdenken eine Ölsardinenbüchse öffnen kann. Nachtigaller ist gleich mit sieben Hirnen ausgestattet und ein Erfinder, Entdecker und Wissenschaftler von Weltrang. Er flößt seinen drei Schülern (dem Blaubären, einer Berghutze und einem Gallertprinzen) sein enormes Wissen nicht nur in seiner "Nachtakademie" (denn: "Wissen ist Nacht") ein, sondern auch per "Selsillendusche". Selsillen sind nach Prof. Nachtigallers Theorie "der Grundstoff für Ideen, für das Auge unsichtbare elektroparamagnetische Luft-Würmer". Am Ende seiner Schulzeit umarmt der Professor den Blaubären und brennt ihm dabei "sozusagen telepathisch" sein Standardwerk, das "Lexikon der erklärungsbedürftigen Wunder, Daseinsformen und Phänomene Zamoniens und Umgebung", auf die "Festplatte" des Blaubärhirns.

Dieses gespeicherte Universalwissen nimmt dem Bären natürlich nicht die eigene Erfahrung ab, aber es erhellt ihm und dem Leser stets plastisch die herrschende Situation und das ganze Ausmaß des Schlamassels, in das er immer wieder gerät. Im gelehrten, altertümelnden Definitionston, der den Wissenschaftsjargon insbesondere von Biochemie und Physik herrlich parodiert und im Layout durch antike fette Lettern hervorgehoben ist, erklärt dieses aberwitzige Lexikon alle Wesen, Gegenden und Zusammenhänge Zamoniens: Dimensionslöcher, Stollentrolle, Zuckerwüste, Rettungssaurier, "Blutschinken", das Riesenhirn des Bollogs, das Unwesen der Waldspinnenhexe, Wahnsinn, Geschichte und Bevölkerung der wuseligen Megastadt Atlantis, der Hauptstadt von Zamonien, die "Ofenhölle" auf dem Riesenschiff "Moloch".

Das Happy-End ist im dreizehnten Leben perfekt. Der Blaubär findet nach überstandenen Abenteuern seine Traumbärfrau und setzt sich mit ihr zur Ruhe: in einer Waldidylle mit reichlich Honig und vorzüglichen Knödeln, inmitten von lauter Buntbären, die Pluralität zum Grundsatz ihrer Verfassung gemacht haben. Den Rest seiner Geschichte verschweigt er als "Privatsache". Wer jedoch meint, daß dieser Roman die "dunklen Seiten" der Bärenexistenz ausspare und mit Zamonien nur eine schöne Gegenwelt zur unsrigen entwerfe, irrt sich gewaltig: Der Witz bei Moers' Roman liegt darin, daß er zahlreiche Mythen und Motive aus populären Phantasiewelten - etwa aus Michael Endes "Unendlicher Geschichte" oder Tolkiens "Herr der Ringe", aus Märchen und antiker Mythologie - aufnimmt, sie aber bricht und verfremdet.

Der Blaubär verschreibt sich nicht einem rettenden, heilsbringenden Auftrag, der ihn durch die Welten führt, sondern er tappt fast zufällig von einem Leben ins andere. Bei allem Mut ist er doch auf Freunde und den Deus ex machina angewiesen. Das Böse bleibt in Zamonien böse, hier hat die märchenhafte Verwandlung ins Gute keinen Platz. Mit anderen Worten: Auch in Zamonien gibt's die Nazisau und Das Kleine Arschloch, aber alles transformiert in herrlich illustrierte Phantasiegestalten und plastische Wortgebilde voll übersprudelnder Einbildungskraft.

Ein Roman für 8- bis 80jährige? Ja. Der Text läßt sich durchaus auf verschiedenen Ebenen lesen: als Abenteuerroman, als witziger Bildungsroman und streckenweise als schmunzelnde Kulturkritik unserer modernen digitalen Welt. Manchmal unterliegt er deren Beschleunigung: Von so manchen der herrlich entworfenen Figuren wüßten wir gern mehr, so manches Motiv wird angeschnitten, aber nicht ausgeführt; so manches Mal flüchtet sich der Blaubär in vielsagende Andeutungen. Aber die bereits auf vollen Touren laufende Vermarktung Zamoniens - man kann das Land im Internet aufsuchen - und seiner Figuren wird ihnen gewiß ein buntes Weiter- und Eigenleben sichern.

Iris Buchheim in FALTER 14/1999 vom 09.04.1999 (S. 67)


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