Der Sinn und die Sinne
Eine Geschichte der Medien

von Jochen Hörisch

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Eichborn
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 12/2001

Der deutsche Germanist Jochen Hörisch hat sich an eine Mediengeschichte vom Urknall bis zum Internet gewagt.Das Vorhaben klingt überambitioniert, das Endergebnis gestaltet sich alles andere als peinlich.

Dieses Buch ist gut gemacht, keine Frage. Schließlich erscheint es in Hans Magnus Enzensbergers prestigeträchtiger Buchreihe "Die Andere Bibliothek". Der hier gepflegte Kult ums Buch macht Lesen in seiner höheren Form zum Fetischismus, der mit einer Fixierung auf das Material schon äußerlich leicht erkennbar ist. Im Klartext heißt das: "Fadenbindung, Hardcover, halbmattes LuxoSatin- Bücherpapier, säurefrei, 115g/m2".

Ist aber ein Buch über Medien, das - ach! - "schwingende Töne, bewegte Bilder und elektronisch zugestellte Briefe" zwar zum Thema, nicht aber strikten Sinnes zum Inhalt haben kann, in dieser Serie nicht doch ein performativer Selbstwiderspruch? Zudem: Eine Geschichte der Medien zu schreiben ist alles andere als eine Kleinigkeit. Doch eines gleich vorweg: Dem Germanisten Jochen Hörisch gelingt es souverän, einen substanziellen Überblick zu geben, der vom Urknall (sic!) bis zum Internet reicht.

Nach einstimmenden Gedanken über vorgeschichtliche Stimmen und Bilder kommen die drei großen Medienrevolutionen zur Sprache: die Erfindung der Schrift aus dem Geist der Abstraktion bis hin zu Buchdruck und Zeitungswesen, der Bruch mit dem Schriftmonopol durch die neuen Speicher- und Übertragungsmedien ab dem 19. Jahrhundert, und schließlich die digitale Recodierung der kulturellen Codes, mit denen alles codier-, speicher- und übertragbar gemacht wird. Diese historischen Blöcke sind mit Reflexionen zur Mediendefinition, zur Mediengenealogie und zum Charakter des Medialen unterbrochen.

Hörisch hat dazu bereits Interessantes, aber nicht gar so Beachtetes zur Poesie der metamedialen Lagen publiziert. Diesem neuen Buch ist mehr Aufmerksamkeit zu wünschen. Gibt es denn nicht schon genügend Buchtitel zum Medienthema? Gewiss, in jüngster Zeit - bedingt durch den Internetschock, der verarbeitet sein wollte - ist sehr viel über Medien geforscht und publiziert worden. Dieses Feld ist sexy geworden, während Dialektik, Strukturalismus, Semiotik und Cultural Studies - die Theoriemoden der vergangenen Jahrzehnte - an Attraktivität verloren haben.

Heute ist also die Medientheorie, wie es Jochen Hörisch treffend ausdrückt, die diensthabende Fundamentaltheorie. Sie hat sich im Kampf gegen die geisteswissenschaftliche Dechiffrierung von Sinn eine neue kulturwissenschaftliche Dignität errungen, die sich nicht scheut, statt nach dem Sinn danach zu fragen, was die Sinne beschäftigt. Doch neben viel akademisch erregter Geschwätzigkeit gibt es relativ wenig gute Publikationen zum Medienthema.

Hörisch versteht es gut, Theorie literarisch zu kontextualisieren. Weniger gut gelingt es ihm, sich von gewissen Klischees zu distanzieren, die beispielsweise mit dem mediengenealogischen Zusammenhang von Medien- und Kriegstechnik zu tun haben. Diese dauernde Bezugnahme auf das zweifelhafte Klischee vom Krieg als Vater aller (Medien-)Dinge ist eine Obsession des deutschen Theoriediskurses. Aber es klingt halt gut: "Ein Foto schießt man, mit der Schreibmaschine macht man Anschläge." Auf dem Niveau des Kalauers ist auch die spekulative Inbezugsetzung von McLuhan und Luhmann (wieder so eine deutsche Obsession) aufgrund der Tatsache - da staunt man schon -, dass die Namen der beiden Theoretiker "signifikante Buchstaben teilen".

Auch sachliche Kritik an Klischees und unhinterfragten Assoziationen wäre angebracht. So scheint es wenig entschuldbar, wenn hinsichtlich des Ausgangs aus der Gutenberg-Galaxis der abendländischen Bücherwelt weder die Namen Otto Neurath (Visualisierung) noch Vannevar Bush (Hypertext) auftauchen. Auch hat Charles Babbage, der aufgrund von kinetischen Bewegungsübersetzungen Rechenmaschinen konstruierte, keineswegs das binäre Prinzip von Leibniz implementiert. Das war erst der deutsche Ingenieur Konrad Zuse, der hier gerade einmal erwähnt wird - aber über den hat ja Enzensberger auch keine Gedichte verfasst.

Das sind Details, über die sich streiten lässt. Zudem notiert man sich bei Produkten mit Perfektionsanspruch als Rezensent besonders gern die Unzulänglichkeiten (das Register wurde tatsächlich nachlässig erstellt) - wird aber letztlich doch versöhnt durch die Überlegung, was da nicht alles hätte schief gehen können. Und so bleibt als Fazit, dass diesem Buch gerade aufgrund der grassierenden Jargonhaftigkeit zu Medienthemen eine positive mediale Aufnahme zu wünschen ist.

Frank Hartmann in FALTER 12/2001 vom 23.03.2001 (S. 23)


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