Sakrilegien. Aus den Tagebüchern 1953 bis 1967

von Witold Gombrowicz

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Übersetzung: Olaf Kühl
Verlag: Eichborn
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Briefe, Tagebücher
Umfang: 364 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Montag Nach 16stündiger, ganz erträglicher Fahrt mit dem Bus von Buenos Aires (wären nur die Tangos nicht gewesen, die der Lautsprecher spie!) die grünen Höhen von Salispuedes, und ich in ihrer Mitten, ein Buch von Milosz mit dem Titel Verführtes Denken unter dem Arm. Weil es gestern gegossen hat, komme ich heute mit der Lektüre zu Ende. Das also war euch bestimmt, dies euer Schicksal, so euer Weg, ihr alten Herren Bekannten, Freunde und Genossen aus der Ziemianska oder vom Zodiak - hier ich - dort ihr - so hat sich das herausgeschält - so demaskiert. Milosz erzählt die Geschichte vom Bankrott der Literatur in Polen fließend, und ich fahre mit seinem Buch glatt und schlaglochlos über diesen Friedhof, so wie vorgestern mit dem Bus über die asphaltierte Landstraße. Entsetzlicher Asphalt! Nicht daß tempora mutantur, entsetzt mich, sondern daß nos mutamur in illis. Nicht der Wechsel der Lebensbedingungen, der Niedergang von Staaten, die Auslöschung von Städten und andere Über-raschungsgeysire, die aus dem Schoße der Geschichte sprudeln, entsetzen mich, sondern daß ein Typ, den ich als X kannte, plötzlich zu Y wird, seine Persönlichkeit wechselt wie das Hemd und beginnt, im Widerspruch zu sich selbst zu handeln, reden, denken und fühlen - das ängstigt mich, macht mich verlegen. Fürchterliche Schamlosigkeit! Lachhaftes Ableben! Ein Grammophon zu werden, dem man eine Platte mit dem Titel 'His Master's Voice' auflegt - die Stimme meines Herrn? Wie grotesk ist das Schicksal dieser Schriftsteller! Schriftsteller! Aber das ist es ja gerade, daß diese Schriftsteller um keinen Preis aufhören wollten, Schriftsteller zu sein, sie waren zu den heldenhaftesten Opfern bereit, um nur bei ihrer Schriftstellerei zu bleiben.

Rezension aus FALTER 20/2002

Der Mann hatte zweifellos ein mehr als gesundes Selbstbewusstsein - was sich nicht unbedingt negativ auf sein Schreiben auswirkte. Die ersten Einträge seines über siebzehn Jahre währenden Tagebuchs sind jedenfalls legendär: "Montag Ich. Dienstag Ich. Mittwoch Ich. Donnerstag Ich." Witold Gombrowicz (1904-1969) heißt der Egomane, dessen Werk als Polens wichtigster Beitrag zur Weltliteratur im zwanzigsten Jahrhundert gilt - auch wenn er fast die Hälfte seines Lebens fernab von der Heimat verbrachte: Zwischen 1939 und 1963 lebte der Ex- und Egozentriker nämlich im argentinischen Exil, wo er 1953 auch mit seinem Tagebuch begann.

Hans Magnus Enzensberger, Spiritus Rector der "Anderen Bibliothek", hat kürzlich eine auf ein Drittel destillierte Auswahl aus dem über tausendseitigen Original herausgebracht und mit dem treffenden Titel "Sakrilegien" versehen. Denn heilig war Gombrowicz ganz und gar nicht. Alle kriegen sie ihr Fett ab, so auch seine Landsleute, ein halbes Jahrhundert vor Polens möglichem EU-Beitritt: "Wie ärgerlich, dass unsere Einstellung zum Westen so unklar ist! Mit der Welt des Ostens konfrontiert, ist der Pole genau definiert und von vornherein bekannt. Steht er aber mit dem Gesicht nach Westen, schaut er trübe aus den Augen und ist voll unklaren Zorns, Misstrauens und geheimen Ärgers."

Jorge Luis Borges oder Jean-Paul Sartre waren ihm ebenso Grund zum Ärgernis wie der akademische Betrieb: "Die geisteswissenschaftlichen Fakultäten bersten vor schwergewichtigem Professorenblödsinn. Delenda est Carthago. Kaputtmachen!" Konsequent immerhin, dass er sich selbst von seinem grandiosen Spott nicht ausnahm: "Meine Überheblichkeit ist fast schon krankhaft. Ich fürchte allmählich, die Feuilletonisten werden mir die verdienten Prügel verabreichen."

Klaus Taschwer in FALTER 20/2002 vom 17.05.2002 (S. 65)


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