Das Massaker der Illusionen

von Giacomo Leopardi, Mario A Rigoni

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Übersetzung: Sigrid Vagt
Verlag: Eichborn
Format: Hardcover
Genre: Philosophie/Deutscher Idealismus, 19. Jahrhundert
Umfang: 310 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.03.2002

Wie Leopardi zu dem Ruf eines eher harmlosen Klassikers gekommen ist, dem allenfalls ein paar schöne, wehmütige Gedichte zu verdanken sind das ist einigermaßen schleierhaft. Er war, darin Schopenhauer ebenbürtig, einer der radikalsten Pessimisten des neunzehnten Jahrhunderts, und seine Kritik der Zivilisation erinnert an Nietzsche. Nur, daß er kein philosophisches "Hauptwerk" hinterlassen hat, sondern ein immenses Sudelheft, den berühmten Zibaldone. Aus diesem dreitausendseitigen Konvolut hat Mario Rigoni die historischen und politischen Reflexionen Leopardis ausgezogen, eine Operation, durch die dessen subversive Kraft mit verblüffender Schärfe hervortritt. Ohne jede Rücksicht auf die Konventionen seiner Zeit, fern von rationalistischen Illusionen und utopischen Versuchungen, nimmt Leopardi Revolution und Reaktion, Demokratie und Diktatur, Fortschritt und Konservativismus ins Visier und führt unbarmherzig ihre Widersprüche vor. Einerseits erweist dieser Autor sich als genuiner Erbe Macchiavellis und Guicciardinis, andererseits greift er den Problemen unserer Tage vor. Er besteht darauf, die Dinge so zu sehen, wie sie sind, nicht wie sie sein sollten. Das unterscheidet ihn von allen Ideologen, damals wie heute.

Rezension aus FALTER 15/2002

Zwischen 1921 und 1928 verpasste er keine einzige Vorlesung von Karl Kraus, seinem wichtigsten Lehrer. Dennoch wurde der 1905 in Czernowitz geborene Erwin Chargaff Biochemiker, ging in die USA und schuf durch seine Entdeckungen wesentliche Voraussetzungen für das heutige Wissen über das Genom. Erst nach seiner Emeritierung an der New Yorker Columbia University, als Chargaff bereits über siebzig war, begann er zu schreiben - und wie! In mehr als einem Dutzend Büchern (u.a. "Das Feuer des Heraklit" oder "Ein zweites Leben") geißelte er seither mit geradezu alttestamentarischer Wut die modernen Naturwissenschaften und andere vermeintliche Fortschritte. Eine aphoristische Essenz aus Chargaffs beeindruckendem essayistischem Werk liegt nun mit dem "Brevier der Ahnungen" vor, das seinem Lehrer Kraus gewiss keine Schande macht. Geordnet nach 16 klug zusammengestellten Themenkreisen finden sich in diesem Chargaff-Brevier allerlei funkelnde Aperçus und tiefe Einsichten über die Forschung, die Philosophie, über das Alter - oder über Amerika: "Wir leben im Zeitalter der Amerikanisierung, einer Mangelkrankheit, die sich über die ganze Welt ausgedehnt hat."Ein entfernter Bruder im Geiste war der italienische Dichter Giacomo Leopardi (1798-1837). Auch der große Lyriker des Weltschmerzes zweifelte am Fortschritt der Zivilisation und sehnte sich nach einem "natürlichen" Zustand des Menschen zurück. Von dieser Grundhaltung ist insbesondere sein "Zibaldone" (Sammelsurium) durchdrungen, ein umfangreiches Gedankenbuch, an dem Leopardi zwischen 1817 und 1832 arbeitete. Aphorismen daraus sind auch die Grundlage von "Das Massaker der Illusionen", in dem sich vor allem Leopardis pessimistische Überlegungen zur Geschichte, zur Gesellschaft und zur Politik versammelt finden. Seine Einsichten haben im Vergleich zu Chargaffs Ahnungen indes oft nur mehr historischen Reiz - etwa wenn Leopardi Ende Oktober 1823 über die Kalifornier schreibt, sie "sind Wilde, aber sie sind keine Barbaren" und hätten nur so viel gesellschaftliche Bindung untereinander, "wie für den Fortbestand der Art notwendig ist".

Klaus Taschwer in FALTER 15/2002 vom 12.04.2002 (S. 58)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Brevier der Ahnungen (Erwin Chargaff, Simone Kühn)

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