Fast eine Kindheit

von Hans G Behr

€ 28,30
Lieferung in 2-7 Werktagen

Verlag: Eichborn
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Romanhafte Biografien
Umfang: 330 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.08.2002

Alle Autobiographien lügen. Das sind wir, seit Rousseaus Bekenntnissen, gewöhnt. Nicht immer liegt es an der Eitelkeit der Autoren oder daran, daß sie uns ein X für ein U vormachen wollen. Noch schwerer zu vermeiden ist der Umstand, daß man es hinterher immer anders und womöglich besser zu wissen glaubt. Dieser perspektivischen Falle zu entgehen, dazu braucht es mehr Kunst, ein besseres Gedächtnis und mehr Unbefangenheit, als den meisten von uns beschieden ist. Behrs Geschichte verzichtet auf die Retrospektive. Er erzählt sie von vorn, so, wie sie sich dem Fünf-, dem Zehn-, dem Vierzehnjährigen dargestellt hat. Das ist eine außergewöhnliche tour de force. Wir sehen alles mit den Augen einer Person, die "das Kind" oder "der Junge" heißt: die Familiendramen, die Nazi-Zeit, den Krieg, die Besatzung, die Abnormitäten der Normalisierung. Und dabei verfällt Behr niemals in jenen "kindlichen" Tonfall, der bekanntlich die Intelligenz eines jeden Sechsjährigen beleidigt. Es ist schwer, diesem Jungen etwas vorzumachen. Gerade seine Ahnungslosigkeit macht ihn immun gegen die Lebenslügen seiner großbürgerlichen Familie. Nichts imponiert ihm, weder sein reichsdeutscher Vater, ein Generalmajor im Berliner Luftfahrtministerium, noch "Onkel Hermann", "Onkel Albert" oder "Onkel Josef", deren Zunamen zu erraten dem Leser überlassen bleibt. Mehr als für den Bombenkrieg und die Russenangst interessiert sich "das Kind" für den Dieb von Bagdad im Dorfkino, für Doktorspiele und Freßpakete, und selbst das Klosterinternat scheitert daran, es endgültig ab- und zugrunde zu richten.

Rezension aus FALTER 44/2002

Es gibt Romane, die sind das Gegenteil von schlecht, und doch ist es Pflicht, vor ihnen zu warnen. "Meeresrand", das Prosadebüt der französischen Theaterautorin Véronique Olmi, ist eines dieser Bücher: erzählerisch perfekt, sprachlich eine Wucht, 118 Seiten kurz und doch von schier unerträglicher Länge. "Meeresrand" erzählt von einer allein erziehenden Sozialhilfeempfängerin, die mit ihren Kindern Kevin, fünf Jahre alt, und Stan, acht Jahre alt, in eine Kleinstadt am Meer fährt. Sie will ihren Kleinen zeigen, dass die Welt mehr zu bieten hat als die Schäbigkeit ihres von Neurosen gezeichneten Alltags. Olmi hat ihre Protagonistin bewusst als Prototypen einer von seelischen Deformationen geprägten Frau angelegt, ganz so, als hätte sie eine Bühnenrolle in Prosa transformiert, und auch die Schauplätze des Romans wirken in ihrer Metaphernhaftigkeit, als wären sie dem Theater entliehen. Genauso trist wie das Leben der Icherzählerin ist das Küstenstädtchen; ebenso heruntergekommen wie ihr Inneres das Interieur des Hotels. Und die Urlaubskasse ist auch nicht besser gefüllt als das Portemonnaie während des Rests des Jahres.

Was als Fahrt ins Glück gedacht ist, wird zur Abfolge von Enttäuschungen, die die namenlose Erzählerin immer tiefer in die Sackgasse ihrer Depressionen hineintreiben. Zusehends verliert die Erzählerin das letzte Vertrauen, wird mehr und mehr von der Angst bestimmt, ihr Älterer könnte selbstständig werden und beginnen, seine Mutter zu kritisieren. "Ich hätte Stan nicht so groß werden lassen dürfen", erkennt Olmis Protagonistin und zieht auf den letzten Seiten des Buches die für sie einzig mögliche Konsequenz: Im Hotelbett erstickt sie zuerst Kevin und tötet dann auch Stan.

"Meeresrand" ist ein Crashkurs zum Thema soziale Randexistenz, ein literarisches Meisterwerk, das so weh tut, dass man es, einmal gelesen, nie mehr vergessen wird. Die spröde Sprache, die programmatische Dichte, die Unfähigkeit der Protagonistin, selbst Hand an ihr Schicksal zu legen, das alles erinnert an die Romane des italienischen Neorealismus. Véronique Olmis Romanerstling ist aus demselben Hartholz geschnitzt wie Michel Houellebecqs "Ausweitung der Kampfzone". Wo allerdings Houellebecqs mittelständische Protagonisten immer noch Chancen haben, wenigstens auf irgendeinem Feld zu reüssieren, da lebt Olmis Personal jenseits der Hoffnung, irgendwann mehr vom Wohlstandskuchen abzubekommen als nur die Krümel.Hans-Georg Behrs "Fast eine Kindheit" erzählt lakonisch und ironisch davon, wie es war, unter Nazis, Antinazis und päderastischen Patres aufzuwachsen.

Das Cover des Buches ist Programm: Auf dem Umschlag prangt ein halber blutroter Kreis auf blassrotem Grund. Wer 1945 die Befreiung im Osten Österreichs erlebt hat, erinnert sich an die Kaskaden ausgeblichener roter Fahnen mit dem leuchtend roten Kreis dort, wo sieben Jahre lang der aufgenähte weiße Kreis mit dem Hakenkreuz geprangt hatte, das nun heruntergetrennt worden war.

Hans-Georg Behrs Erinnerungen "Fast eine Kindheit" sind sozusagen kunstvoll auf den vorletzten Absatz zugespitzt: "Von den ehemaligen Mitschülern des Jungen wurden viele bedeutende Männer in Österreichs Politik, und sie waren schon als Schüler die brutalsten und dümmsten gewesen."

Der vorletzte Absatz hat es in sich - alles vorher aber auch. "Fast eine Kindheit" ist das Dokument einer Selbstbefreiung. Hans-Georg Behr wuchs in einem eng geschnürten Benimmkorsett auf. Mutter, Großmutter und Großvater wurden gesiezt, wenige Jahre vor ihrem Tod bot die Mutter, einst eine bekannte Opernsängerin, dem längst erwachsenen Sohn das Du an. Das werden wir aber erst in der Fortsetzung erfahren, denn das Buch endet mit der Flucht des 14-Jährigen aus dem Stiftsinternat und damit, dass er an den Geist aus der Flasche denkt, der im Film "Der Dieb von Bagdad" seinem Gefängnis entkommt und mit Donnerstimme schreit, "was nun der Junge flüsterte, als er den Hang hinunterstolperte: Ich bin frei!"

Hans-Georg Behr ist schwer einzuordnen - ein frei schwebendes Original zwischen Wiener Smalltalkrunden, der Hamburger Uni und Katmandu. Auch insofern typisch wienerisch, als er sich stets den Anschein des Nichtstuers zu geben verstand und die Tatsache, dass er - nicht gerade wenig - arbeitete, mit Diskretion überging. Er war jahrelang ständiger Mitarbeiter der Zeit und anderer angesehener Blätter, schreibt aber auch für das Hanfblatt. Er hat eine Reihe von Büchern und Stücken verfasst, darunter ein erfrischend bösartiges über Hitler und den Wagner-Clan ("Winifred und Wolf - Eine historische Posse"). Am ehesten kann Behr als einer der wenigen alten Achtundsechziger eingestuft werden, die weder zu Kreuze noch zur Toskana-Fraktion gekrochen sind.

Behr stammt aus einer sehr österreichischen, tief in einen Nazi- und einen Antinaziflügel gespaltenen Familie. Der Vater ist ein hoher Luftwaffenoffizier, Göring, Speer und Goebbels werden dem Buben als "Onkel Herrmann", "Onkel Albert" und "Onkel Joseph" vorgestellt. Da der junge Hans-Georg aber bei den hochherrschaftlichen Großeltern aufwächst, die die Nazis verabscheuen und den Schwiegersohn nicht in ihrem Haus sehen wollen, bekommt er die "Onkel" nur peripher zu Gesicht. Auch den Herrn Papa kennt er eher flüchtig, weshalb es ihn auch nicht besonders erschüttert, als dieser nach dem Zweiten Weltkrieg in einem der Nürnberger Nachfolgeprozesse zum Tod verurteilt wird, weil er englische Kriegsgefangene vorsätzlich in die von den alliierten Bombern angegriffenen Städte gebracht und damit ihren Tod verursacht hatte.

Die Methode, mit der Hans-Georg Behr seine Kindheit in den Griff kriegt, ist die der Distanzierung. Ihr dient das Schreiben in der dritten Person: "das Kind", "der Knabe", dazwischen immer wieder "man". Behr schreibt trocken und lakonisch, das entspricht der Haltung, die man in allen Lebenslagen zu wahren hat und die ihm mit viel "Pläsch" auf den nackten Hintern eingebläut wurde. Das Kind rettet sich in die Position des Beobachters - Ironie als Grundton eines Lebens. Beide sind dem Erzähler geblieben, der sich auf 350 Seiten keine Wehleidigkeit gestattet.

Mit einer Unzahl witziger Formulierungen bringt Behr alles schnell auf den Punkt. Dass Tante Maika ein U-Boot ist, kann das Kind nur wundern, denn es "hatte noch nie ein U-Boot gesehen außer im Völkischen Beobachter, doch Tante Maika war nicht stählern, sondern nur eine schon etwas füllige Dame". Sie wird denunziert und der Schrieb von "Onkel Ernst" Kaltenbrunner, dem Leiter des Reichsicherheitshauptamtes, kommt leider zu spät, um sie noch zu retten.

Hinter der lockeren Ironie verbergen sich jedoch auch die Wut auf die Zustände und die Trauer über all jene, die unter die Räder gekommen sind - der Halbbruder buchstäblich unter die Ketten eines russischen Panzers. Es gibt etliche Tote in diesem Buch. In Berlin überlebt Behr einen Bombentreffer, das Kind neben ihm nicht. Ein Liebespaar unter den weltlichen Professoren des Stiftgymnasiums, dem Hans-Georg von der Mutter überantwortet wird - wofür die Großmutter nur das böse Wort von den "Kuttenbrunzern" übrig hat -, begeht nach Aufdeckung seiner Beziehung Selbstmord; Pater Anselm, ein Spezialist des gewaltsamen sexuellen Missbrauchs minderjähriger Zöglinge, wird bloß strafversetzt. Bereits die bloße Andeutung des Geschehenen wird dem Zögling als Verleumdung angekreidet und mit Karzer bestraft, auch wenn der Beichtvater gnädig die Absolution gewährt. Also begibt sich Hans-Georg auf die Flucht vor den "Kuttenbrunzern". Erst als sich Pater Anselm lang nach Behrs Zeit auch an einem Großneffen des Abtes vergreift, wird er ins Nonnenkloster verbannt. Heute kann das bekanntlich sogar einem Kardinal passieren.Francis Carco ist einer der vergessenen Gründungsväter sowohl der literarischen Moderne wie der stilistischen Spaltung des literarischen Frankreichs - und sein Epoche machender "Jesus Schnepfe" von 1914 wohl der erste Hardcore-Punk-Roman der Geschichte. Bewundert, ja gefeiert wird darin die abgefuckte Selbstzerstörungskraft der Bohème, der Gauner-, Stricher- und Prostituiertenszene am Montmartre - als geistiges Fundament aller progressiven Künste des letzten Jahrhunderts.Frankreichs moderne Literaturen sind so einfach zu unterscheiden wie Frankreichs Geographien: Es stehen nur zwei Zuordnungen zur Auswahl. Die Protagonisten der einen tummeln sich ausnahmslos in Paris und beackern die Hektik. Die Protagonisten der zweiten leben ausnahmslos im Rest des Landes, Provinz genannt. Der Wohnort des Autors verrät, ob es sich um einen Avantgardisten wie Francis Carco handelt oder, wie im Fall von Pierre Autin-Grenier aus Carpentras nahe Avignon, um einen Vertreter der hierzulande unbekannten klassischen Schule. "Wo die Kinder als Freunde der Pferde aufwuchsen", dort spielen Autin-Greniers Prosagedichte "Legende vom Anderen", die auf Französisch, Deutsch und Italienisch im kleinen Verlag im Wald erschienen sind. Die Verklärung des tradierten Landlebens, die Verweigerung, am Strudel des Fortschritts teilzunehmen, ist ihr Ansinnen. "Wir" Menschen der Gegenwart "begnügen uns damit", beklagt Autin-Grenier, "die Erde und den Wechsel der Jahreszeiten zu erfinden", während es früher, bevor die Entfremdung der Globalisierung begann, "eine Zeit für die Heuernte gab" und "den Winter zum Träumen".Anlässlich des Kulturhauptstadt-Jahres in Graz wird ab Jänner 2003 eine Insel des New Yorker Künstler Vito Acconci in der Mur schwimmen. Ein in der ambitionierten Phaidon-Reihe "Contemporary Artists" erschienenes Buch gibt nun Überblick über Acconcis Performances der Sechziger bis zu seinen spektakulären architektonischen Entwürfen ab den Achtzigern. "Once a poet always a poet", meint Acconci in einem Interview in der Monografie zu seinen Anfängen als Dichter. Seine Eloquenz stellte der Tausendsassa schon bei seinen früheren Performances unter Beweis, wo er in raffinierten Installationen den Galerienbesuchern sexuelle Fantasien zuflüsterte. Dabei experimentierte Acconci mit Video und unterminierte das konventionelle Verhältnis zwischen Betrachter und Kunstwerk.

Martin Droschke in FALTER 44/2002 vom 01.11.2002 (S. 67)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Vito Acconci (Frazer Ward)
Jesus Schnepfe (Francis Carco, Hans Thill)
Meeresrand (Véronique Olmi)
Legende vom Anderen (Pierre Autin-Grenier, Rüdiger Fischer)

Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb