Paradies und Paradox
Wunderwerke aus fünf Jahrhunderten

von Anita Albus

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Eichborn
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 12/2003

Vor der Geburt der modernen Naturwissenschaften war vieles möglich: Unterschiedliche Modelle zur Welterklärung und Weltaneignung stritten um die Vorherrschaft, Mensch und Natur waren noch nicht strikt in erkennendes Subjekt und erkanntes Objekt auseinander dividiert, und vor allem: Man durfte und wollte sich noch wundern. Erst zu Beginn des 18. Jahrhunderts machten das Wunder und das Sich-Wundern langsam der Nüchternheit und den wissenschaftlichen Tatsachen Platz. Diese drängte die Welt der Chimären und des Wunderlichen in den Bereich der Scharlatanerie oder des Missverständnisses und erklärte das Sich-Wundern zur Eigenschaft höchstens noch des naiven und leichtgläubigen Volks.

Vor dieser Zeit aber war das Wundersame Anzeichen göttlicher Allmacht, manchmal willkommenes Schauspiel, aber auch Gegenstand der Forschung. Denn was könnte herausfordernder sein als das Erklären des Außerordentlichen? Das Kuriose hatte damals auch seine eigene Institution: die Kunst- und Wunderkammer, deren wechselvolle Geschichte der französische Schriftsteller und Journalist Patrick Mauriès in einem Prachtband nacherzählt: von der Renaissance über ihre Blütezeit im Barock, ihren Niedergang während der Aufklärung bis hin zur Wiederentdeckung durch die Kunst des 20. Jahrhunderts.

Seit dem späten 15. Jahrhundert versammeln Wunderkammern Naturalia und Artificialia, also Naturgegenstände wie Artefakte, je nach Geschmack der Sammler. Diese waren zumeist Adelige, welche sich diese fremdartigen Kostbarkeiten leisten konnten - kostbar wiederum, weil fremdartig: Mineralien und Steine, exotische Hölzer und Fruchtkapseln, Federn und ausgestopfte Tiere lagen neben Automaten, Miniaturen, Wachsfiguren sowie Abbildungen wie Präparaten aller möglichen Formen von Missbildungen.

Diese Kabinette sollten mit ihrer schieren Fülle beeindrucken. Sie waren aber neben Plätzen der Schaulust auch Schauplätze des Wissens von der Welt und Ausdruck des Wunsches, alles Wissen auf einer begrenzten Fläche zu vereinen. Das Kuriositätenkabinett wurde dadurch in gewisser Weise zur Geburtsstätte der wissenschaftlichen Systematik, auch wenn die Enzyklopädisten, die neuen "Weltordner" des 18. Jahrhunderts, für sie bloß Spott fanden: Die Wunderkammern mit ihren Rahmen, Schachteln, Nischen, Schubladen und Vitrinen hatten das Chaos der Welt in durchaus auch willkürliche Systeme von Symmetrie und Hierarchie eingeordnet.

Mauriès' Bildband macht den Eindruck, als ob der Autor selbst eine Kuriositätenkammer in Buchform erschaffen wollte. Es gibt Bildmaterial in schwindelerregender Fülle, mehrere ausklappbare Seiten zeigen berühmte Wunderkammern in der Totale, Doppelseiten fangen Details aus der Nähe ein, Text und Bild treten in einen kunstvollen Dialog, Hintergrund, Vordergrund und Rahmung verschwimmen. Ein Buch, das jedenfalls dringend Lust darauf macht, bei der nächsten Reise nach Florenz oder Innsbruck (Schloss Ambras) noch erhaltene Wunderkammern zu besichtigen. Ebenso lustvoll und prächtig kommt das neue Buch von Anita Albus daher. Sie verfolgt in "Paradies und Paradox. Wunderwerke aus fünf Jahrhunderten" die Spuren von Gelehrten, Naturforschern, Humanisten, Alchimisten, Dichtern und Theologen - und wendet sich dabei vor allem jenen Aspekten zu, die in den aufgeklärten Erzählungen der Wissenschafts- und Kunstgeschichte bislang eher ausgeblendet worden sind.

Acht unterschiedlich berühmte bzw. vergessene Personen stellt die Künstlerin und Autorin vor: aus dem 16. Jahrhundert Guillaume Postel, einen christlichen Kabbalisten und Vertreter der Seelenwanderung, sowie den Hofminiaturisten Joris Hoefnagel. Bekannter sind die deutsche Malerin Maria Sibylla Merian (1647-1717) und der schwedische Naturforscher Carl von Linné (1707-1778). Schließlich finden sich aber auch Marcel Proust und der Schriftsteller und Schmetterlingskundler Vladimir Nabokov unter den Porträtierten, denen eines gemeinsam ist: ein starker Bezug zu den wundersamen "Kunstformen der Natur".

Albus lässt uns unter anderem an den theologischen Streitereien des 16. Jahrhunderts teilnehmen, wenn etwa der polyglotte Gelehrte Postel eines Tages verkündet, bereits im "sechsten Monat des wahren Lebens" zu sein und nebenbei zur Verbreitung der Lehre das Neue Testament ins Arabische übersetzt. Sie gewährt uns Einblicke in diverse Florilegien und Bestiarien, die aus Zeiten stammen, als man noch nüchtern über Menschenfresser und Baumschafe (aus einem melonenartigen Samen) sprach. Wir hören von der Edition bedeutender Pflanzenbücher in "bester Diebestradition" (indem man einfach Stiche aus älteren Werken kopierte), von Botanikern, die hübsche Pflanzen nach ihren Gönnern und stinkende nach ihren Feinden benannten. Und wir erfahren mehr über das Wirken von Maria Sibylla Merian, das zu ihren Lebzeiten - noch bevor "die Ratio mit den Grillen aufräumte" - kaum gewürdigt wurde.

Zuweilen sind Albus' Darstellungen freilich allzu plauderhaft und manchmal auch etwas tendenziös. Es ist zwar ein interessantes Faktum, dass sich der Botaniker Linné als Verderber der Jugend geistliche Feinde machte, weil er ständig so über Pflanzen sprach, dass man Sexualakte assoziieren musste (Bestäubungen ausgelöst durch "das leichte Reiten der Vögel"). Ihn jedoch auf fünf Seiten allein als lüsternen, größenwahnsinnigen Kobold zu präsentieren, wird seiner Person doch nicht ganz gerecht. Zumal sein Schaffen auch gerade jene "Entzauberung" der Natur bewirkt hat, die Albus an anderer Stelle - und durchaus kulturkritisch - bemängelt.

"Paradies und Paradox" ist allerdings wunderbar illustriert - und eines jener Bücher, die man vorsichtig wieder in ihre schön gestaltete Hülle tut, um sie irgendwann wegen eines Bildes oder einer erinnerten Passage wieder aufzuschlagen.

Tina Thiel in FALTER 12/2003 vom 21.03.2003 (S. 24)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Das Kuriositätenkabinett (Patrick Mauriès, Reinhard Ferstl, Susanne Vogel)

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