Höhenrausch
Die Mathematik des XX. Jahrhunderts in zwanzig Gehirnen

von Dietmar Dath

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Eichborn
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 41/2003

Dietmar Dath führt in seinem Buch "Höhenrausch" auf fantastisch-surreale Weise durch die Mathematik des 20. Jahrhunderts und gibt Einblick in die Köpfe jener Menschen, in denen sie entstand.

Während der Bombardierung von Hanoi soll er vietnamesischen Studenten der Physik und Mathematik Vorlesungen in Kategorien-Theorie gehalten haben, so lautet die Legende. Als Mathematiker hat er die algebraische Geometrie revolutioniert. 1966 wurde ihm die Fields-Medaille, die höchste mathematische Auszeichnung, verliehen. Seine fachlichen Fähigkeiten waren so beeindruckend, dass sie seinen Kollegen René Thom - ebenfalls Fields-Medaillen-Träger und maßgeblicher Wegbereiter der Katastrophentheorie - das Fachgebiet wechseln ließen. Er kämpfte für Frieden und Umweltschutz. Mitte der Siebzigerjahre kehrte er der Wissenschaftsgemeinde plötzlich den Rücken und widmete sich fortan dem naturnahen Landbau. Alexandre Grothendieck (geb. 1928) ist einer der zwanzig Mathematiker und Mathematikerinnen, anhand derer Dietmar Dath in seinem "Höhenrausch" die Mathematik des 20. Jahrhunderts durchreist.

Das alles geschieht reichlich unkonventionell: Kurt Gödel spukt seit seinem Tod (1978) in Princeton herum und irritiert Studenten und Lehrpersonal mit seiner irrational starrsinnigen Vorstellung bezüglich der Zeit, in der er sich zu befinden glaubt. Henri Poincaré wird aus seinem Todesschlaf gerissen und muss sich mit einer nur mit Federn um den Hals spärlich bekleideten Frau als Verteidigerin einem gestrengen Tribunal stellen, welches darüber bestimmt, ob er wieder auf die Erde geschickt werden soll oder nicht. Benoit Mandelbrot wird Opfer seiner eigenen Theorie und verschwindet in einem Fraktal auf Nimmerwiedersehen. Lena Dieringshofen - wie Grothendieck weltberühmt durch ihre Arbeiten zur Kategorien-Theorie - schreckte für die Finanzierung ihrer Forschungsarbeit auch vor kriminellen Mitteln nicht zurück. Besser gesagt: wird nicht zurückschrecken - denn noch gibt es die Mathematikerin nicht.

Hinter dem Spiel mit der Fantasie verstecken sich Tragödien der Wirklichkeit. Die schizophren anmutende Diskussion Georg Cantors mit sich selbst über sich selbst spiegelt die psychische Erkrankung, mit der der Begründer der modernen Mengenlehre zu kämpfen hatte. Srinivasa Ramanujans von ihm selbst der Göttin Namagiri von Namakkal zugeschriebene mathematische "Offenbarungen" entstanden abseits der akademischen Welt, deren Teil er in seinem kurzen Leben für sich nie werden konnte. Er war erst 32, als er starb. Emmy Noether (1882-1935) hatte gegen die akademische Frauendiskriminierung ihrer Zeit zu kämpfen. Ihr wurde, weil sie eine Frau war, eine Dozentenstelle an der Universität Göttingen verweigert. Mehrmals musste sie eine Stelle annehmen, die unter ihrem Niveau lag. Heute gilt sie als die bedeutendste Mathematikerin des 20. Jahrhunderts.

Daths Auswahl der Mathematiker ist subjektiv und erfolgte nach persönlichen Vorlieben des FAZ-Feuilletonisten und überhaupt Universalpublizisten, der auch ein Jugend- und Popkultur-Auskenner ist. Mit Alan Turing macht er einen Ausflug zu den mathematischen Gehirnen der Komplexität und Universalität. Gregory Chaitin wird in den Gesprächen zweier "cooler intellektueller Frauen" zum Konzeptkünstler. Stephen Wolfram braucht keine interpretative Fantasie: Der Schöpfer des Computeralgebra-Systems "Mathematica" behauptet aus eigener Einbildungskraft heraus, dass das gesamte Universum im Prinzip ein ablaufendes Programm ist und sieht sich bereits eine neue Ära des wissenschaftlichen Arbeitens einläuten. Angetan dürften es Dath auch die Topologen haben, von denen der Mathematiker John Kelley einmal behauptet haben soll: "Ein Topologe ist jemand, der den Unterschied zwischen einem Doughnut und einer Kaffeetasse nicht kennt."

"Keine Angst! Dies ist kein Fachbuch. Es verlangt keine mathematischen Vorkenntnisse", lockt der Klappentext auch mathematisch weniger Versierte. Doch richtig ist das so nicht. Dath beschreibt größtenteils Mathematik, die kaum der Allgemeinbildung zuzurechnen ist. Manche der Fachbegriffe, die er verwendet, erklärt er, andere nicht. Komplizierte mathematische Sätze erwähnt er beiläufig in Nebensätzen. Die mathematische Unkorrektheit seiner Formulierungen schlittert zuweilen gefährlich an der Grenze zwischen gerade noch schlampig und schon falsch entlang.

Für Nichtmathematiker mit der Fähigkeit, Passagen zu überlesen, die sie nicht verstehen, sind die Dath'schen Denk- und Lebensbilder aufgrund ihrer fantastisch-surrealen Darstellung trotzdem ein Genuss. Mathematiker indes könnten sich zu sehr an der Frage festhaken, inwieweit Mathematik, die derart aus ihrem Kontext gerissen ist, noch etwas mit Mathematik zu tun hat, und - Fantasie hin oder her - an der Verquickung von Wahrheit und Fiktion scheitern.

Martina Gröschl in FALTER 41/2003 vom 10.10.2003 (S. 31)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb