Roderers Eröffnung

von Guillermo Martínez, Angelica Ammar

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Eichborn
Erscheinungsdatum: 01.02.2009

Rezension aus FALTER 11/2009

Rache für Capablanca

Roderer wird nicht sein Freund werden. Gleichgültig lässt er den Erzähler aber auch nicht. Der trifft den gleichaltrigen, neuen Mitschüler das erste Mal in einer Bar, in der ein paar Schachtische stehen. Ihre Partie, die das erste Kapitel beschreibt, zeigt: Wie sie spielen, so sind sie – der Streber gegen den genialen, aber lebensuntüchtigen Sonderling. Mit Zügen, die weder Drohungen noch Pläne erkennen lassen, und ohne je aus der Defensive zu gehen, kommt Roderer zum Sieg.
Dann kann das Schuljahr beginnen. Während der Erzähler unaufhaltsam die Bildungsleiter erklimmt, wird der in seine Bücher versunkene Roderer von den Lehrern in Ruhe gelassen. Nur ein paar Mädchen interessieren sich für ihn. Eines ist fest entschlossen, ihm zu gefallen und hungert sich zu Tode, ohne von ihm auch nur bemerkt zu werden.
Nur einmal verplappert sich Roderer, dass er krank sei: Seine Zeit ist begrenzt, für Schule und Freundschaft bleibt kein Platz. Die Jahre eilen dahin. Zurückgezogen tüftelt er ein philosophisches System aus, dessen letzte Ingredienzen der Erzähler liefern wird, als er im Semesterurlaub von der Uni in das Provinzstädtchen zurückkehrt und auf Drängen seiner Mutter Roderer aufsucht. Am Ende stehen Tod und Verrat. Klingt abgedroschen und ist es auch. Die erste Hälfte der Erzählung hatte Besseres versprochen.

Literarische Fährten Guillermo Martinez hat Mathematik studiert wie sein Erzähler und ein Stipendium für England bekommen. Neben biografischen legt er in "Roderers Eröffnung" auch literarische Fährten, die er ein Jahrzehnt später in "Die Pythagoras-Morde" aufgreift. Doch selbst wer diesen Krimi mochte, muss an Martinez' bereits 1992 in Argentinien erschienenem Erstling keinen Gefallen finden.
Dass er nun überhaupt auf Deutsch vorliegt, hängt wohl auch mit einem Stipendium der Übersetzerin zusammen. Zu ihrem Glück ist "Roderers Eröffnung" – anders als Titel und Umschlag verheißen – kein Schachroman. Solange das Spiel im Spiel ist, holpert es gehörig, aber das beschränkt sich nur auf das erste Kapitel.

Ein einziges Ärgernis Die deutsche Ausgabe von Fabio Stassis "Die letzte Partie" hingegen ist von vorne bis hinten ein Ärgernis, weil die Übersetzerin nichts von Schach versteht: Es heißt nicht Spielfeld, sondern Brett; aufgezeichnet werden nicht Schachformeln und -zeichnungen, sondern Züge und Diagramme. Figuren werden nicht gesetzt, sondern gezogen, nicht ausgetauscht, sondern abgetauscht. Sie gehen nicht hinaus, sondern werden ins Spiel gebracht oder "entwickelt".
Die Übersetzerin kann ein Match nicht von einem Turnier unterscheiden, den geschilderten Partieverläufen mangelt es an Logik. Schande über alle Verlage, die in einem fest umrissenen Milieu spielende Romane oder Sachbücher unbeleckten Übersetzern anvertrauen. Schande also auch über Kein & Aber! Diese Schludrigkeit, das hat "Die letzte Partie" nicht verdient.
In 64 Kapiteln, genauso viele Felder hat ein Schachbrett, schlachtet das Buch die Lebensgeschichte des kubanischen Schachweltmeisters José Raul Capablanca (1888–1942) aus. Wo Lexika und Hagiografien enden, füllt Fabio Stassi fantasiereich die Lücken. Wobei er sich beim Fabulieren weit mehr herausnimmt, als dies Thomas Glavinic in seinem Debütroman "Carl Haffners Liebe zum Unentschieden" in Bezug auf das Leben des österreichischen Schachmeisters Carl Schlechter, übrigens ein Zeitgenosse Capablancas, tut.
Sein Capablanca verkürzt sich die Zeit bis zum Eintreffen eines Schachgegners damit, sich von einer dunkelhäutigen Nutte entjungfern zu lassen. Seiner eigenen hellen Haut zum Trotz hält er sich für das Kuckuckskind eines riesigen Schwarzen, der seinen Lebensunterhalt mit dem Schwängern von Sklavinnen verdiente. Als 18-Jähriger lässt sich dieser Capablanca von einem New Yorker Psychiater eine Depression aufschwatzen. Jahrzehnte später wird er in den Kreml geladen, wo Stalin ihn um eine Partie bittet und, kurz bevor er mattgesetzt wird, das Brett dreht, um mit Capablancas Figuren weiterzuspielen.
Klingt abgedreht und ist es auch, denn der echte Capablanca ist langweilig und musste, bevor er zur literarischen Figur werden konnte, tüchtig aufgepeppt werden. Der große Gegenspieler seines Lebens bekommt von Stassi ebenfalls sein Fett weg: Alexander Aljechin, der Capablanca den Weltmeistertitel abjagte und diesem nie eine Revanche erlaubte, hatte ein wahrhaft abenteuerliches Leben, das viele Rätsel hinterlassen hat. Doch Stassi interessiert sich nicht für Aljechin: Um Literatur zu werden, musste dieser zum Schurken gemacht werden.

Duell in jungen Jahren Stassi will Capablanca rächen. Und so schickt er seinen geliebten Helden kurz vor dessen Tod nach Portugal, das Land, in dem sein Widersacher Aljechin fünf Jahre später unter – zumindest in der historischen Wirklichkeit – nie ganz geklärten Umständen sein Leben lassen wird. Stassi findet einen Kunstgriff, um die beiden doch noch gegeneinander spielen zu lassen – für beide von ihnen ist es die letzte Partie.
Bevor der Puppenspieler beide abtreten lässt, hat er für sie aber auch noch ein erstes, in jungen Jahren ausgetragenes Duell arrangiert: Während des Turniers, bei dem sie erstmals aufeinandertreffen, schließen Capablanca und Aljechin eine Wette ab, wer die bei den Spielen zuschauende Großfürstin ins Bett kriegt. Diese leichtfertige Partie endet ohne Verlierer. Im Gegensatz zu Roderer und seinem Erzähler dürfen sie sogar Freunde werden – wenn auch nur vorübergehend.

Stefan Löffler in FALTER 11/2009 vom 13.03.2009 (S. 27)


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