Der Bonbonpalast

von Elif Shafak, Eric Czotscher

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Eichborn
Erscheinungsdatum: 01.09.2008

Rezension aus FALTER 42/2008

Im Bonbonpalast riecht es nicht sehr gut

Einen Roman von hinten zu beginnen ist normalerweise keine gute Idee. Elif Shafaks "Der Bonbonpalast" ist aber so angelegt, dass man das tun kann, ohne allzu viel vorwegzunehmen. Denn die Geschichte verläuft kreisförmig. Man kommt, wie der namenlose Ich-Erzähler behauptet, "von jedem beliebigen Punkt hinein, denn einen verbindlichen Start gibt es nicht". Ganz am Ende aber verrät er, dass er in einem türkischen Gefängnis sitzt, nachdem er bei einer politischen Demonstration am 1. Mai 2002 in Istanbul verhaftet wurde. Mehr als ein Jahr hat er abzubrummen, und so beginnt er zu erzählen, um sich die Zeit zu vertreiben.
Lüge, Wahrheit, Fantasie und Erzählkunst sind dabei untrennbar miteinander verbunden. Die Geschichte eines Hauses und seiner Bewohner könnte bloße Erfindung sein. Auch am kultivierten Selbstbild des Erzählers als gutaussehender, geschiedener Philosophieprofessor, dem die Frauen reihenweise erliegen, darf man zweifeln. Zehn Zellen gibt es im Flur der Haftanstalt. Da ist es nicht verwunderlich, dass auch der "Bonbonpalast" aus zehn nummerierten Wohnungen besteht. Und weil es im Gefängnis wohl nicht besonders angenehm riecht, liegt in diesem Wohnhaus ein süßlich-fauler Müllgeruch in der Luft.

Der "Bonbonpalast" steht im Zentrum Istanbuls, an einem Ort, wo zuvor einmal ein muslimischer und ein armenischer Friedhof gewesen waren und ein seltsamer Heiliger gleich zwei Gräber belegte. Das Gebäude wurde in den 60er-Jahren von einem alten russischen Immigranten für seine Frau gebaut. Das neue, pulsierende Leben der Stadt entsteht aus dem Vergangenen und dem Vergessen, als handle es sich dabei um eine Humusschicht. Doch die besseren Tage des Hauses liegen lange zurück. An der Gartenmauer zur Straße pflegen die Bewohner des Stadtviertels ihren Müll abzulegen, und sie finden das so normal, dass sie den Ärger des im Parterre des Bonbonpalastes angesiedelten Friseurs überhaupt nicht begreifen können. Der Müll fault und stinkt vor sich hin. Kein Wunder, dass Kakerlaken und anderes Ungeziefer sich pestilenzartig vermehren.

Im Haus wohnen seltsame Menschen, die zunächst nicht viel verbindet: Da ist eine russische Emigrantin und Biologin, die jetzt aber in ihrer Ehe versauert und von ihrem Mann mit einer Synchronsprecherin betrogen wird, deren Stimme in einer abenteuerlich schlechten TV-Serie zu hören ist. Da ist der Hausmeister Hadschi Hadschi, der seinen Enkeln zum Ärger der Schwiegertochter andauernd Märchen erzählt. Es gibt einen dauerkiffenden Studenten mit riesigem Bernhardiner, eine putzsüchtige Hygienikerin mit kleiner Tochter und eine schöne junge Frau, die "blaue Mätresse", die von einem Olivenölhändler ausgehalten wird. Treffpunkt des Hauses ist der Friseursalon der Zwillinge Cemal und Celal, wo die, die sich kaum kennen, wenigstens übereinander tratschen.

Als Stadt der Zuzügler ist Istanbul auch eine Stadt ohne Gedächtnis. Als der Ich-Erzähler, um das Müllproblem zu lösen, ein Graffito an der Gartenmauer anbringt und behauptet, hier sei ein Heiliger begraben, macht er sich eigentlich nur den Aberglauben seiner Landsleute zunutze. Dass er damit religiöse Gefühle verletzt, merkt er zu spät. Von der Legende um den Heiligen mit den zwei Gräbern und dem Friedhof, der hier einmal war, weiß er nichts. Istanbul ist für Shafak eine Stadt, die im Müll und in der Geschichtslosigkeit versinkt. Dass es für den Gestank im "Bonbonpalast" schließlich eine ganz andere Ursache gibt, ändert daran nichts.
Elif Shafak kehrte erst zum Studium in die Türkei zurück. Aufgewachsen ist sie, Jahrgang 1971, in einer ­Diplomatenfamilie in Straßburg und Spanien. Insofern ist es wohl auch kein Zufall, dass viele der Bewohner ihres Bonbonpalastes Migranten oder aus dem Ausland zurückgekehrte Türken sind.
Shafaks vorangegangenes Buch, "Der Bastard von Istanbul", handelte von der blutigen und heiklen türkisch-armenischen Geschichte und hat der Autorin enorme Schwierigkeiten, sogar eine Anklage wegen "Beleidigung des Türkentums" eingebracht. Es ist deutlich zu merken, dass sie eine erneute Konfrontation vermeiden wollte. In ihrem jüngsten Roman geht sie kein Risiko ein und beschränkt sich auf unterhaltsame Geschichten, die sie behutsam miteinander verknüpft. So widersteht sie auch der Versuchung, die Stadt Istanbul allzu symbolistisch darzustellen. "Der Bonbonpalast" ist ein Standbild des Lebens in all seiner Buntheit und Vielfalt: ein schön zu lesender, aber auch recht harmloser Roman.

Jörg Magenau in FALTER 42/2008 vom 17.10.2008 (S. 10)


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