Unsere Nullerjahre
Das Jahrzehnt der Bagels, Blogs und Billigflieger

von Judith-Maria Gillies

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Eichborn
Erscheinungsdatum: 22.09.2009

Rezension aus FALTER 42/2009

Der Open Space hat mich umgebracht

Jugendkultur: Noch drei Monate bis zum Ende der Nullerjahre – zwei Bücher gewähren schon jetzt Ein- und Rückblick

Was haben Ebay, Emos, Metrosexuelle, Smoothies und Speeddating gemeinsam? Sie sind eine Erfindung der sogenannten Nullerjahre, des Jahrzehnts zwischen 1. Jänner 2000 und 31. Dezember 2009. Noch schnell vor deren Ablauf hat die Wirtschaftsjournalistin Judith-Maria Gillies ein Lexikon mit den 200 wichtigsten Begriffen dazu verfasst. Von A wie Alcopop bis Z wie Zungenreiniger beschreibt sie die Trends dieser Zeit.
"Unsere Nullerjahre" ist kurzweilig, weil Gillies ihre Einträge mit kleinen Anekdoten anreichert. Dabei beschreibt sie vieles, was wir schon fast wieder vergessen oder verdrängt haben. Etwa die "Sex and the City"-Phase, als weibliche Fans der Serie einen Cosmopolitan nach dem anderen bestellten, nur um Hauptfigur Carrie nachzuahmen. Oder das Audrey-Hepburn-Revival, bei dem der Hollywoodstar, dessen Antlitz in jeder zweiten Wohnung hing, posthum noch einmal zur Stilikone erhoben wurde. Den Leinwanddruck gab es um 69 Euro bei Ikea. "Retrostil zum Mitnahmepreis. Und wir griffen zu, in der Hoffnung, einen Abglanz von Schönheit und Stil auf unseren bescheidenen Wänden zu verbreiten."
Über solche absurden Hypes muss man sich einfach lustig machen. Gillies tut das mit viel Sprachwitz. "Unsere Nullerjahre" eignet sich zum Durchblättern, Schmunzeln und zum Schwelgen in Erinnerungen. Eine Einschätzung, wie sich die derzeitige Dekade von den vorigen unterscheidet und ob wir uns in die richtige Richtung bewegt haben, liefert das Buch aber nicht. Das ist auch nicht sein Anspruch.

Im Gegensatz zu Alexandre des Isnards und Thomas Zuber mit "Willkommen im Funky Business". Die beiden Franzosen beschäftigen sich nicht dezidiert mit den Nullerjahren, sondern beklagen eine eindeutige Fehlentwicklung dieser Zeit: das Arbeiten im Großraumbüro. Im Open Space blicken sich die Kollegen gegenseitig über die Schulter, der Chef tut, als sei er der beste Kumpel, will aber ASAP, as soon as possible, die Time­sheets haben. Und trotz der permanenten Überlastung setzen alle ein freundliches Gesicht auf. Das "Diktat der guten Laune und der Geselligkeit" nennen die beiden Mittdreißiger das. Sie kennen sich in den betroffenen Branchen aus. Alexandre des Isnards berät Medien und Webagenturen, Thomas Zuber arbeitet als Computersystemanalyst.
"Die Idee für dieses Buch kam uns durch eine Mail einer unserer Kollegen. Darin forderte er uns auf, den Grund seiner plötzlichen Kündigung zu erraten. (…) ob es wegen des Chefs sei, der Kollegen, wegen der verschiedenen wechselnden Projekte oder wegen der ,Doppelagenten' im Global Office, im Großraumbüro. War es wegen der gekünstelt-guten Stimmung oder der schlechten Bezahlung, wegen der Bedeutungslosigkeit seiner Arbeit als ,Manager' oder der Deadlines, die ihn daran hinderten, seine Tochter zu sehen?"

Dieses Fragenkonglomerat löste in Frankreich eine Debatte aus. Der Originaltitel "L'open space m'a tué" heißt auf Deutsch "Der Open Space hat mich umgebracht". Nach der Veröffentlichung meldeten sich zahlreiche Menschen zu Wort, die sich ebenfalls im Großraumbüro überwacht, überlastet und ausgebeutet fühlten. Die sich wiedererkannten in der anonymisierten Geschichtensammlung von gestressten Angestellten. Etwa über den 31-jährigen Projektleiter Julian, der kurz vor einer nicht einhaltbaren Deadline einen Kreislaufkollaps bekam. Oder Isabella, 30, die den Blackberry sogar mit ins Bett nimmt, um permanent für ihre Firma erreichbar zu sein. Was uns die Autoren mit diesen Beispielen sagen wollen, wird relativ schnell klar. Ab Seite 100 wirkt das stellenweise repetitiv – unterhaltsam ist es wegen der skurrilen Beobachtungen trotzdem.
Obwohl die Autoren von "Willkommen im Funky Business" und "Unsere Nullerjahre" unterschiedliche Absichten verfolgen, gibt es doch auch Parallelen. Die Abhängigkeit vom Blackberry oder das Verschwimmen von Arbeit und Freizeit beschreibt auch Gillies. Die beiden Bücher liefern erste Deutungsansätze, wie sich die Welt in den vergangenen zehn Jahren verändert hat. Ein umfassendes Urteil über die Dekade kann man dabei allerdings nicht erwarten – nicht zuletzt deswegen, weil wir das Jahrzehnt ja noch nicht zur Gänze hinter uns gebracht haben.

Ingrid Brodnig in FALTER 42/2009 vom 16.10.2009 (S. 42)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Willkommen im Funky Business (Alexandre des Isnards, Thomas Zuber)

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