Freud und das Vermächtnis des Moses

von Richard J. Bernstein

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Philo
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 41/2003

Vier Autoren setzen sich auf höchst unterschiedliche Weise mit Freuds umstrittener Spätschrift "Der Mann Moses" auseinander: der Ägyptologe Jan Assmann, der Philosoph Richard J. Bernstein, der Judaist Peter Schäfer und der kürzlich verstorbene Literaturwissenschaftler Edward W. Said.

Dem Rätsel der jüdischen Religion, ja der Religion überhaupt gilt Sigmund Freuds letzte Schrift, die er "Der Mann Moses und die monotheistische Religion" betitelte. Sie konnte erst im Exil fertig gestellt werden und erschien im Frühjahr 1939 bei Albert de Lange, einem Amsterdamer Verlag. Argumentation und Text sind schwierig, unter anderem deshalb, weil dieser aus mehreren, einander nicht so sehr ergänzenden, als vielmehr korrigierenden Teilen besteht. Darin drücken sich starke Konflikte aus. Aber welche sind es?

Freud selbst drängte, übrigens erfolgreich, auf eine englische Übersetzung noch im selben Jahr. Was erschien ihm, dem mittlerweile greisen Begründer der Psychoanalyse, an diesem Werk als so brisant? Es handelt vom Moses der Bibel, aber seine Geschichte verläuft hier anders, als sie dort erzählt wird. Für Freud war er ein ägyptischer Prinz, ein Anhänger des Ketzerpharaos Echnaton (von ihm anglisiert zu "Ikhnaton"), der im 14. Jahrhundert vor Christus eine monotheistische Reform unternahm. Dessen Einschränkung des Kultes auf den Sonnengott Aton mit sich selbst als einzig zugelassenem Priester-Vermittler scheiterte.

Erfolgreicher war sein Fortsetzer, Moses. Der schuf sich aus einer Gruppe Deklassierter - aus Sklaven und Zwangsarbeitern - ein neues Volk und zog mit ihm aus Ägypten aus. Für Freud geschah hier - und nicht schon mit den Erzvätern Abraham, Isaak und Jakob - die Geburt des Judentums. Ihm sollte nicht ein gelobtes Land Ziel sein, sondern die auferlegte Last des "strengen Monotheismus", der auch eine bilder- und magielose Religion darstellte. Doch die "wilden Semiten" töteten ihren Führer Moses.

Freud galt diese Tat als Wiederholung jener ominösen Ermordung des so genannten "Urvaters", von der er meinte, sie erst würde den Anfang von Kultur und Gesellschaft darstellen. Durch diese enge Verbundenheit mit einer "Urszene" vermochte dann auch die Religion des Moses zu überleben, freilich als verwischte Spur, verdeckt und überlagert, entstellt durch Kompromissbildungen, so wie es die Erinnerung eines jeden traumatischen Ereignisses ist. Im weiteren Verlauf der jüdischen Geschichte nahm die Religion immer wieder eine andere Gestalt an, war einmal mehr, einmal weniger "reiner Monotheismus", schwankte zwischen "Wahn und historischer Wahrheit", wurde schließlich zum Christentum.

Freuds letzte Schrift fand lange Zeit kaum freundlich gesinnte Leser, die historischen und theologischen Wissenschaften unterzogen die darin erhobenen Behauptungen vehementer Kritik. Ein positiver Zugang wurde erst gefunden, als einerseits Fragen von Gedächtnis und Überlieferung, andererseits aber das Judentum selbst wissenschaftliches Interesse auf sich zogen. Für Freuds Werk, das sich mit beiden Problemen auseinander setzt, bedeutet das dann sogar eine Flut an Texten. Sie ist weiter angewachsen.

Zu nennen ist zuallererst das neue Buch des Heidelberger Ägyptologen Jan Assmann, der mit Moses der Ägypter (1998) den Titelhelden überhaupt erst zu einem Thema der deutschsprachigen Kulturwissenschaft gemacht hat. Dabei traf er das Theorem der "mosaischen Unterscheidung", das er nun ausführlich abhandelt. Verstanden werden soll darunter der radikale Bruch einer "Gegenreligion" mit ihrem Erbe, dem toleranten Polytheismus.

Fremde Götter werden von nun an verboten, ihre Anhänger auch innerhalb der eigenen Gruppe verfolgt. Erst durch den Monotheismus des Moses gibt es religiöse Wahrheit und Irrlehre, gibt es Sünde und Schuld, gibt es - ist man versucht zu sagen - Europa im emphatischen Sinn. Ägypten hat dort nur mehr als "dem kulturellen Gedächtnis gewissermaßen abgekehrte Seite des Monotheismus" einen Ort. Dieser ist jedoch "unheimlich" im Sinn der Psychoanalyse: von ihm aus gehen Reisefantasien, kulturelle Moden, neuheidnische "Gegen-Gegenreligionen" als Untote um.

Assmann hat im neuen Band auch Aufsätze von Kritikern mitabgedruckt, freilich allesamt von christlichen Theologen und durchwegs schulmeisterlichem Ton. Auf Reaktionen jüdischer Autoren - schon allein wegen des Wagnisses, die Juden für den Preis monotheistischer Intoleranz verantwortlich zu machen -, aber auch auf die von Muslimen wäre man gespannt gewesen.

Einer von ihnen ist Richard J. Bernstein, der sich in seinem nun übersetzten "Freud und das Vermächtnis des Moses" (engl. 1998) mit einer Kritik an Assmann aber zurückhält. Ihn interessiert vor allem eine Theorie von Tradition als der Weitergabe höchst bedeutender und wirksamer Inhalte. Vorwürfe eines von Freud missverstandenen Evolutionsbegriffs abwehrend, stellt er Überlegungen darüber an, dass religiöse Inhalte nicht nur bewusst, sondern auch unbewusst weitergegeben werden können, ja dadurch erst ihre Dynamik erfahren.

Der Judaist Peter Schäfer wiederum kritisiert Freuds Sichtweise der jüdischen Religion als historisch falsch. Trotz des Bilderverbots gab es in Israel immer Bilder. Aber vor allem das deutschsprachige Judentum habe sich in seinen intellektuellen Eliten am Protestantismus als Inbegriff von Religion orientiert. Möglichst kultfrei und moralisch, gipfelnd in der reinen Geistigkeit des ethischen Monotheismus - so wollte man auch als Jude sein, noch die von Freud behauptete Religion des Moses spiegle dies wieder. Freilich anerkennt dieser aber drohende oder tatsächlich erfolgte triebhafte Durchbrüche von sowohl Stifter als auch Volk - das Zerbrechen der Tafeln, den Mord am religiösen Führer -, Ereignisse die dem Geist des Protestantismus doch zuwiderlaufen.

Der erst kürzlich verstorbene Literaturwissenschaftler Edward W. Said schließlich - Spross einer palästinensisch-christlichen Familie - erkennt Moses, den Ägypter, als den Fremden innerhalb von Judentum und Monotheismus. Die Geburt des Eigenen könne aber nicht aus sich selbst und allein erfolgen, sondern bedürfe einer Dezentrierung von Anfang an. Die von Said gezogene Umlegung dieser These auf den aktuellen Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern überzeugt indes nicht so sehr wie die davor angestellten Überlegungen zu Freuds Text.

Glücklich ist vor allem die Wendung von Freuds "Spätstil", um zu den Schwierigkeiten von Textgestalt wie Argumentation eine Antwort zu finden. In ihr mag sich, denkt man Said weiter, die Weisheit des Alters zeigen, die darauf verzichten kann, Spuren zu verwischen: etwa die, dass nicht nur der Monotheismus, nicht nur das Judentum, sondern auch Europa bei ihrer Gründung einen Ort des Fremden haben.

Martin Treml in FALTER 41/2003 vom 10.10.2003 (S. 36)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Freud and the Non-European (Edward W. Said)
Die Mosaische Unterscheidung
Der Triumph der reinen Geistigkeit (Peter Schäfer)

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