Versuch gegen Heimito von Doderer
Über "Ordnungspein" und Faschismus

von Stefan Winterstein

€ 30,70
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Verlag: Königshausen u. Neumann
Format: Taschenbuch
Genre: Sprachwissenschaft, Literaturwissenschaft/Deutsche Sprachwissenschaft, Deutschsprachige Literaturwissenschaft
Umfang: 224 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.08.2014


Rezension aus FALTER 11/2015

Pein oder keine Pein: Ordnung muss sein!

Stefan Winterstein widmet sich dem Faschismus und der "Ordnungspein" im Werk Heimito von Doderers

Das Jahr 2008 war ein Annus horribilis der Doderer-Forschung: In ihm verstarben gleich zwei der profundesten Kenner von dessen Werk, die Germanisten Dietrich Weber und Wendelin Schmidt-Dengler. Ihnen folgte im Sommer vergangenen Jahres Doderers ehemaliger Sekretär, Wolfgang Fleischer, über dessen penibel recherchierte und glänzend geschriebene Biografie ("Das verleugnete Leben", 1996) der Ex-Arbeitgeber selbst gewiss nicht sonderlich "amused" gewesen wäre.
Die Zahl derer, die schlechterdings alles über Doderer wissen, hat sich also stark reduziert. Dennoch wird weiterhin viel geforscht, und obgleich Stefan Winterstein im Vorwort zu seinem "Versuch gegen Heimito von Doderer" davon ausgeht, dass der Autor lediglich "einer bescheidenen Minderheit" überhaupt noch ein Begriff ist, macht auch er weiter.

Der gebürtige Wiener (Jg. 1981) ist einer der größten Doderer-Auskenner der jüngeren Generation und hat unter anderem den wunderschönen Bild- und Essayband "Die Strudlhofstiege. Biographie eines Schauplatzes" herausgegeben. Nun also schreibt er "Über ,Ordnungspein' und Faschismus" (so der Untertitel des Buches, das auf Wintersteins Dissertation fußt).
Dass Doderer 1933 der NSDAP beigetreten ist, war immer schon bekannt; die Mythen und Halbwahrheiten, die er über seine Distanzierung vom Regime in die Welt gesetzt hat, haben Fleischer und zuletzt Alexandra Kleinlercher (in ihrer akribischen Studie "Zwischen Wahrheit und Dichtung" von 2011) als solche enttarnt. Winterstein konzentriert sich also sinnvollerweise aufs Werk selbst, um darin jene Motive und Denkfiguren aufzuspüren, die anschlussfähig sind an totalitäres Denken (denn ein "völkischer" Dichter war Doderer in der Tat nie).
Die zutreffende Grundthese lautet, dass die saubere Trennung zwischen einem bloß konservativen und einem gleichsam faschistisch infizierten Doderer nicht möglich ist, sondern dass es hier "Überlappungen und Verbindungslinien" gibt. Der Konservatismus des 1940 zum Katholizismus Konvertierten wusste mit dessen antibürgerlichen Reflexen prächtig zu koexistieren, und dass die mit einer Ideologie des Nichthandelns einhergehende Schicksalsgläubigkeit Doderers naturgemäß kein echt widerständiges Paradigma darstellt, wird ebenfalls überzeugend vorgeführt.
Überraschendes fördert Winterstein in seiner Auseinandersetzung mit dem 1939/1940 entstandenen, aber erst zeitgleich mit der "Strudlhofstiege" publizierten Roman "Die erleuchteten Fenster" zutage. Julius Zihal wird in den "Fenstern" als pensionierter Amtsrat und passionierter Voyeur vorgestellt und in der "Stiege" ironisch, aber ungebrochen positiv als Repräsentant des tief in der k.u.k. Monarchie wurzelnden "höheren Zihalismus" beschrieben.
Winterstein hingegen fasst ihn als Pedanten, greift dabei auf Schopenhauer, Erich Fromm, vor allem aber Karl Sacherl ("Die Pedanterie", 1957) zurück, um Züge zwänglerischen Denkens bei Doderers Alter Ego René Stangeler und eben bei Zihal aufzuspüren, der von seiner "Ordnungspein" erst erlöst werden muss, ehe seine "Menschwerdung" statthaben kann.

Trotz dieser pedanteriekritischen Pointe geht es in den Romanen Doderers, wie Winterstein zeigt, um die Aufrechterhaltung einer als vorgegeben gedachten Ordnung. Sehr interessant sind in diesem Zusammenhang seine Ausführungen zur "Schulliteratur", deren tragischen bis problematischen Protagonisten (u.a. bei Wedekind, Musil und Torberg) Doderer in den "Wasserfällen von Slunj" (1963) eine Gruppe von tadellos funktionierenden Schülern entgegenstellt, die man als Dandys der gymnasialen Performanz bezeichnen könnte.
Dass die Sekundärliteratur bislang "recht wenig" zu Doderers posthum veröffentlichtem Essay "Sexualität und totalitärer Staat" zu vermelden hatte, stimmt wohl. Allerdings stellt sich die Frage, ob es tatsächlich der fast 50-seitigen Analyse bedurft hätte, um den schlüssigen Nachweis zu erbringen, den Winterstein liefert (der sich indes auch knapper formulieren ließe): dass das Ganze ein selbstgefälliger, apodiktischer, unhaltbarer und zu Recht ignorierter Topfen ist.

Klaus Nüchtern in FALTER 11/2015 vom 13.03.2015 (S. 10)


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