Der blinde Mörder

von Margaret Atwood, Brigitte Walitzek

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Berlin
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 47/2000

"Zehn Tage nach Kriegsende lenkte meine Schwester Laura ein Auto von einer Brücke." So beginnt Margaret Atwoods mit dem Booker Prize ausgezeichneter Roman "Der blinde Mörder". Weitere wichtige Tote folgen im Abstand von 2, 30 und 43 Jahren auf den ersten 40 Seiten. Die Erzählerin selbst, Iris Griffen, geborene Chase, scheidet am 29. Mai 1999 und auf Seite 687 dahin. Dazwischen liegen viele, viele Seiten, gefüllt mit Erinnerungen an die Dreißiger- und Vierzigerjahre; unterbrochen von Zeitungsmeldungen und Ausschnitten aus Lauras posthum veröffentlichtem Skandalroman "Der blinde Mörder", der die für das Erscheinungsjahr 1947 als freizügig durchgehende Schilderung einer Amour fou enthält und - sozusagen als Roman im Roman im Roman - Auszüge aus jenen blutrünstigen Fantasy-Schwarten enthält, mit denen sich der Geliebte der jungen Icherzählerin, ein engagierter Linker, sein Brot verdient.
Das alles klingt komplizierter, als es tatsächlich ist. Zwischen den verschiedenen Zeitebenen entrollt sich eine durchaus konventionelle, wenn auch reichlich schicksalsschwere Familien-Saga, erzählt von einer Frau, die mit einem gewissen Quantum grimmigen Humors, vor allem aber einem stupenden Erinnerungsvermögen ausgestattet ist. "Ohne Gedächtnis gibt es keine Rache", heißt es einmal gegen Ende des Romans. So gesehen muss Iris Griffen ein gigantisches Rachepotenzial aufgestaut haben.
Woran erinnert sich die Frau nicht alles? An ein "von Indianern geflochtenes und mit Süßgras umkanteltes Nähkästchen" der Mutter und deren himmelblaues Kleid mit dem "breiten weißen Pikeekragen". Die Rede ist von einem Herbsttag, der schlappe acht Jahrzehnte zurückliegt und in dem die Erzählerin gerade einmal drei Jahre alt war. Das Frühstück am Todestag ihrer Mutter hat Iris ebenso verlässlich abgespeichert wie das Honeymoon-Breakfast, das sie 1935 mit dem Kurzwarenindustriellen Richard E. Griffen eingenommen hat, an den sie ihr Vater verheiratet hatte, um die eigene Knopffabrik und damit die Existenzgrundlage der Familie zu retten: "Richard aß zwei hart gekochte Eier, zwei dicke Scheiben Frühstücksspeck und eine gegrillte Tomate, dazu Toast und Orangenmarmelade, der Toast knusprig, abgekühlt in einem Ständer. Ich aß eine halbe Grapefruit."
Iris' Vater geht im Übrigen trotz der Geldheirat der pflichtschuldigen Tochter vor die Hunde, trinkt sich, nachdem er seine Fabriken schließen musste, praktisch zu Tode. Ein Ereignis, von dem Iris erst Tage später erfährt; ihr Gemahl hat während der Hochzeitsreise die Telegramme abgefangen, weil er Iris "die Sorge ersparen" und die Reise nicht verderben wollte.
Der melodramatische Knoten, den Atwood auf den ersten 50 Seiten ihres Roman schürzt, wird auf den letzten 50 Seiten ziemlich flott aufgedröselt (und wer sich nicht auch noch um das bisschen Spannung bringen will, das "der blinde Mörder" zu bieten hat, sollte diesen und den nächsten Absatz besser überspringen): Offenbar hatte Iris' Mann Richard ein Verhältnis mit der minderjährigen Laura, die die Ehe ihrer Schwester stets abgelehnt hatte; dafür ist Richard nicht der Vater von Iris' Tochter Aimee, die vielmehr das Kind von Alex Thomas ist, einem Sozialisten, den die beiden Schwestern einst auf dem Dachboden des väterlichen Anwesens versteckten und mit dem beide ein Verhältnis hatten. Von wem auch immer wiederum Laura schwanger wurde, ihre unter dem Vorwand geistiger Verwirrtheit erwirkte Verbringung in ein Sanatorium nebst Zwangsabtreibung geht auf Richard und seine besitzergreifende Schwester Winifred zurück.
Als Lauras Roman zwei Jahre nach deren Tod das Interesse an ihrer Person sprunghaft ansteigen lässt, fliegt die Geschichte auf, Richards politische Karriere kommt zu einem jähen Ende, und kurz darauf wird er tot aufgefunden: Der offiziellen Version zum Trotz hat er - so wie auch Laura - wohl Selbstmord begangen. Die Schlusspointe besteht darin, dass der Skandalroman gar nicht von Laura stammt, sondern von Iris verfasst wurde. Die hat dennoch wenig Grund zu finaler Genugtuung: Die schreckliche Winifred ergaunert sich das Sorgerecht für Iris' Tochter Aimee, welche sich, 38-jährig - Suizid oder Suff? - das Genick bricht, Enkelin Sabrina flüchtet zum Kummer der greisen Oma vor Winifred in einen unbekannten Winkel dieser weiten Welt.
Der Plot ist angesichts des Buchumfangs weniger dicht als vielmehr dick aufgetragen. Die 600 Seiten zwischen dem Rätsel und seiner Lösung sind mitunter von bleischwerer Betulichkeit, und der Roman bemüht ein doch etwas grob geschnitztes Figureninventar. Es treten auf: der herzlose Gatte; die despotische Schwägerin; die raue, aber herzliche Haushälterin (deren Lebensweisheiten mit großzügiger Hand quer durch den Roman verstreut sind); ein französischer Kellner "mit seinen melancholischen, ledrigen Walrossaugen", der die traurige Iris über ihr Eheunglück hinwegzutrösten sucht ...
Als besonders gnadenlos erweist sich "Der blinde Mörder" auf der deskriptiven Ebene: Kein Rocksaum, kein Tapetenmuster und keine Wolkenformation wird ausgelassen. All die Reisekoffer ("seiner aus kastanienbraunem Leder, meiner zitonensorbetgelb"); all die Kleider (ob aus eierschalfarbenem Leinen oder "taubengrau, mit einem Cape aus lila Chiffon" - von den hellblauen Hauskleidern "mit ausgeblichenen malvenfarbenen Schmetterlingen" einmal ganz zu schweigen); all die "ockergelben" Linoleumfußböden, die "pilzfarbenen" Teppiche oder die Vorhänge "von der Farbe von Kanarienvögeln" - nichts wird vergessen, nichts bleibt ungenannt.
Dabei hätte die greise und unter einer Herzkrankheit leidende Erzählerin, die ihren Verrat an der Schwester und die familiären Verstrickungen eigentlich für ihre verschollene Enkelin aufzeichnet, allen Grund zur Eile und zur Konzentration aufs Wesentliche. Man möchte schwermütig werden angesichts dieser pusselig ausgemalten Sonnenuntergänge, die sich, fröstelnd und zitronenfarben, unter einem Himmel "von der Farbe nassen Schiefers" ereignen - und angesichts der Entscheidung einer Booker-Prize-Jury, der in diesem Jahr auch so großartige Bücher wie Michael Ondaatjes "Anils Geist" zur Auswahl gestanden hätten.

Klaus Nüchtern in FALTER 47/2000 vom 24.11.2000 (S. 69)


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