Respekt im Zeitalter der Ungleichheit

von Richard Sennett, Michael Bischoff

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Berlin
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 41/2002

Richard Sennett, mittlerweile in London lebender Starsoziologe, beschäftigt sich in seinem neuen Buch mit Fragen der zwischenmenschlichen Anerkennung. Praktische politische Umsetzungsvorschläge bliebt er allerdings schuldig.

Wie wird man als Sozialwissenschaftler ein Star? Ulrich Beck, Anthony Giddens und Richard Sennett haben jeweils diese Frage jeweils für sich auf ähnliche Weise beantwortet: Überschreite die Grenzen deines Faches, sei nicht allzu wissenschaftlich, und schreib über Dinge, die nicht nur die Fachkollegen interessieren. Beck hat einst die Liebe und das Risiko entdeckt, Giddens ebenfalls die Liebe und später - zur Freude von Tony Blair - die Politik, Sennett erst die Tyrannei der Intimität, später den hässlichen Kapitalismus, der den Charakter zerstört.

Alle drei haben die Niederungen der empirischen Arbeit hinter sich gelassen und sich einen essayistischen Stil zu Eigen gemacht, der über Untiefen in der Durchdringung des Gegenstands hinwegrettet. Das hilft besonders dann, wenn man sich in Bereiche vorwagt, von denen man vielleicht doch nicht gar so viel versteht. So liegt es nicht nur für die "seriöseren" und neidischen Fachkollegen nahe, sich darüber lustig zu machen.

Dennoch: Der Versuch, die Wissenschaft aus dem Elfenbeinturm heraus und in die Diskurse der Gesellschaft hineinzuzwingen - ein gleichsam volksbildnerischer Zug also - hat durchaus Charme. Der Grat zwischen dem öffentlich agierenden Intellektuellen und dem Schnittlauchdenker, der letztlich zu jedem Thema Geistreiches absondern muss, ist freilich ein schmaler.

Selbst wenn Sennett, der seine US-amerikanische Heimat verlassen hat und heute in London lebt, als Kolumnist der britischen Tageszeitung The Guardian genau dieser Gefahr nicht wirklich entgeht, ist er mir von den drei Genannten noch immer der Liebste. Was Ulrich Greiner in der Zeit an Sennetts jüngstem Buch nämlich scharf kritisiert, ist meiner Ansicht nach genau Sennetts Stärke: Er will uns nicht seine Sicht der Dinge aufzwingen. Der Soziologe erklärt uns nicht die Welt, er stellt Unvollständiges zur Diskussion.

Sennett geriert sich nicht als Meisterdenker, sondern hat vor seinen Lesern, denen die Aufgabe bleibt, aus den Bruchstücken ihre eigenen Konsequenzen zu ziehen, eine besondere Art von "Respekt". Das ist schon deshalb stimmig, weil das neue Buch vom Respekt zwischen den Mitgliedern unserer Gesellschaft handelt. Wie, so die zentrale Fragestellung, können wir bei aller gegebener Ungleichheit zumindest zu einem Umgang miteinander kommen, der von wechselweiser Anerkennung geprägt ist?

Der Soziologe nähert sich diesem Thema aus verschiedenen Perspektiven an. Er erzählt nicht ohne Witz aus seinem eigenen Leben, von seiner Kindheit in einer Sozialsiedlung in Chicago, von seiner Zeit als Cellist und von seiner schwarzen Freundin während des Studiums und damit während der erwachenden Bürgerrechtsbewegung. "Wir waren in eines dieser Gespräche über Kunst und Leben vertieft, wie sie nur junge Leute ohne Ironie zu führen vermögen. Insbesondere ging es um die Frage, welche Bedeutung Schubert für den Imperialismus hatte." Soziale Distinktion und ihre Ausdrucksformen werden in diesen autobiografischen Teilen des Buches sehr plastisch.

Eine wesentliche Rolle spielt Sennetts Liebe zur Musik. An einer Interpretation von Schuberts Vertonung des "Erlkönigs" exemplifiziert er am Zusammenwirken von Sänger und Klavierbegleiter "gelebten" Respekt, der sowohl der gemeinsamen Sache als auch den beiden Individuen dient. Pianistenwettbewerbe lassen ihn sinnieren, wie den Verlierern entsprechend Anerkennung gezollt werden könnte.

Verschränkt sind diese memoirenhaften Passagen mit Exkursen, die den Wissensbestand seit der Antike und quer durch die Disziplinen heranzitieren. Platon und Kant, Hannah Arendt und Erik Erikson kommen allesamt zu Wort, wenn es darum geht, die Geschichte der Kriterien, nach denen wir Anerkennung äußern, zu entwickeln. Sennett beschreibt hier, wie sich langsam ein statisches Menschenbild, das qua Geburt Stellung und Wert festschreibt, zu einer idealtypischen Gleichheit wandelt, die auf die Realisierung potenzieller Fähigkeiten und Talente abstellt.

So reich die geistes- und mentalitätsgeschichtlichen Ausführungen sind, so merkwürdig arm bleibt die politische Dimension des Buches. Zugegeben, Sennett diskutiert die Frage, ob ein Sozialsystem nicht besser auf einer allgemeinen und neutralen Grundsicherung aufbauen möge, um die Diskriminierung von Leistungsempfängern zu verhindern. Er streift auch Themen wie soziale Verteilungsgerechtigkeit, verliert sich dann aber in eher seltsame Reflexionen über die Neue Linke rund um 1968.

Sehr verwunderlich ist auch, dass bei der Unmenge an Verweisen und Zitaten just Avishai Margalits "Politik der Würde" fehlt. Margalits These, dass jene Gesellschaften die Würde der Menschen am ehesten achten, deren Institutionen die Menschen nicht demütigen, gäbe auch schlüssige Hinweise für die Suche nach einem Sozialstaat, der Rechte und Ansprüche betont.

Sennett konzediert dieses Aussparen der politischen Dimension am Ende selbst - mit einer allerdings unbefriedigenden Begründung. Er versteht Politik in einem sehr eindimensionalen, geradezu autoritären Sinne. Praktische Politik, so Sennett, könne das fundamentale Unbehagen nicht beseitigen, das Ungleichheit in der modernen Gesellschaft hervorruft. "Menschen werden nicht schon deshalb mit Respekt behandelt, weil man das so befiehlt." Das stimmt zwar. Aber es wäre schon einmal ein Anfang.

Karl A. Duffek in FALTER 41/2002 vom 11.10.2002 (S. 25)


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