Die rechte Hand des Schlafes

von John Wray, Peter Knecht

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Berlin
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 12/2002

Der 31-jährige Amerikaner John Wray hat mit "Die rechte Hand des Schlafes" ein literarisch uninteressantes, geschichtspolitisch nicht unoriginelles Buch über den Anschluss geschrieben.

Hast du genug warme Sachen eingepackt, Oskar?", fragte der Vater den Sohn, der gerade in den Krieg zieht. "So lass ihn doch!" entgegnet die Mutter. Darauf der Vater vieldeutig: "Wir werden ihn nicht mehr sehen." Die Szene spielt in der Kärntner Kleinstadt Niessen am 12. Oktober 1917 und vielleicht wäre besser gewesen, wenn wir ihn tatsächlich nicht mehr gesehen hätten, diesen Oskar. Oskar Voxlauer ist der Protagonist von John Wrays Roman "Die rechte Hand des Schlafes", der zur Zeit von Österreichs Anschluss an das Dritte Reich spielt. Das literarische Debüt des 31-jährigen Autors, Vater Amerikaner, Mutter Österreicherin, wurde von der Kritik mit höchstem Lob bedacht: "Prosa von überwältigender Qualität", attestierte Literary Review, "tiefgründig und bewegend" fand es die New York Times, die österreichischen Rezensenten stimmen mittlerweile in den Jubelchor ein. Nur drei Beispiele zur Stilistik dieses austro-amerikanischen Geschichtsepos: "Ihr Haar glänzte im letzten schwachen Sonnenlicht und verdunkelte zugleich ihre sanften, alterslosen, beinahe geschlechtslosen Züge", heißt es über die Heldin des Buches, Else. Ihr mürrischmelancholisches Gegenüber Oskar sitzt ohnedies ständig im Wald und "hört den Atem der Welt". Ein Detail aus der ruralen Staffage des unironischen Heimkehrer- und Heimatromans: "Der Schnaps verlieh der Milch einen rosa durchsichtigen Schmelz wie Feuerschein auf einer Schneewehe." Die tieferen Gründe für eine derart ambitiöse Prosa können nur in einem abgründigen Plot liegen. Im März 1938 kehrt Voxlauer in seine Heimat zurück – kriegsgeschädigt, er kann seine Vergangenheit nicht loswerden. Aber alles hat sich verändert. Hinter ihm liegt das wenig ruhmreiche Ende der k.u.k.-Armee an der Isonzofront, ein sofortiger Schlachteinsatz, die Erschießung eines Kameraden, Desertion in den Osten, ein Kurzbesuch bei der Revolution in Ungarn, wo er beschließt, Bolschewist zu werden. Beim Überqueren des Djnestr fühlt er: Ich bin frei. Er arbeitet auf einem verlassenen Bauernhof bei einer gewissen Anna, die ihren Mann im selben Krieg, aus dem Voxlauer kommt, verloren hat. Es folgt eine Liebschaft. Anna "war die lang ersehnte Schwester, zuerst geschlechtslos, dann die Geliebte". Diese Vorgeschichte erfährt man retrospektiv, aus der Erinnerung Oskars, der aus der Sowjetunion geflohen ist, um sich in die Kärntner Berge zurückzuziehen. Der befreundete jüdische Gastwirk Ryslav stellt ihm eine Hütte zur Verfügung. Voxlauer, wie "The Deer Hunter" in symbolschwerer Landschaft unterwegs, geht fischen, jagen, begegnet Else. Sie ist umgeben von einer "Aura von ruhiger Trauer". Nach einem Sturz – Voxlauer verliert immer wieder das Bewusstsein, kotzt auch manchmal in der Gegend herum, so modern ist das Buch – rettet und pflegt ihn Else. Endlich der Kuss: "Sie wachten in einer gläsernen Welt auf." Also doch ein alpenländischer Doktor Schiwago.

Die Weltgeschichte bricht auch in Kärnten ein: "Sie sind am Donnerstag in Wien einmarschiert." Im Wirtshaus wollen alle den Führer im Radio hören, man diskutiert, ob es unter den Nazis wirklich so schlimm sein wird, Voxlauer wird von Nazibuben verdroschen, es geht recht kernig zu. Wer so weit gelesen hat, will auch das Ende wissen. Voxlauers jüdischer Freund wird nicht nur geschäftlich vom Naziwirt bedroht, es tritt auch noch ein weiterer Held auf den Plan: Kurt Bauer, Elses Cousin, seines Zeichens SS-Obersturmbannführer und Reichsverwalter. Dieser Edelnazi ist ein wenig geheimnisumwittert, er sucht das Gespräch mit Voxlauer, der von der neuerdings prominenten Verwandtschaft nichts wusste und angesichts der zufällig entdeckten Naziinsignien in einem Bauernhaus noch einmal kotzen muss. Irgendwie ein Antifaschist, weiß er zwar nicht, dass Kurt längst schon alles über ihn weiß, auch seine bolschewistische Vergangenheit kennt, aber seine schützende Hand dennoch über Voxlauer hält. Warum? Kurt übt eine sonderbare Attraktion auf Voxlauer aus: "Es war wunderschön anzusehen, wie er mit ungelenken Schritten über die Wiese ging; er hatte eine Zauber an sich, der dem Elses nicht nachstand: er war ihre Ergänzung." Jetzt begreift auch er, was man längst ahnte: Kurt ist der – irgendwie ein wenig inzestuöse – Vater von Resi, Elses Tochter! Überdies hat auch der Herr Sturmbannführer einen dunklen Fleck auf seiner naziweißen Weste. Fleck in seiner idealistischen Geschichte, abermals Retrospektive, Schnitte. Als illegaler Nazi an der Ermordung des Bundeskanzlers Dollfuss beteiligt, ist Kurt Bauer die unglaubliche Flucht aus dem Bundeskanzleramt gelungen (er hielt sich drei Tage auf dem Ballhausplatz versteckt), über München dringt er bis zu Himmler in Berlin vor. Sein hohes Amt wurde ihm als Entlohnung für die Liquidierung eines ehemaligen Kampfgefährten verliehen. Unsre Ehre heißt Treue. So haben beide, der frühere Kommunist und der aktuelle Nazi, einen Mord und eine Frau gemeinsam. Das Ganze endet mit Oskars Versuch, Kurt zu ermorden, tot ist dieser aber erst, als er Motorrad fahrend vom mittlerweile zur Emigration gezwungenen Ryslav angefahren wird, der mit seinem Wagen wie ein Verrückter eine Bergstraße hinabbraust. Dieser Unfall bleibt nur angedeutet und soll wohl eine Art ausgleichende Gerechtigkeit andeuten. Oskar denkt: "Es ist gut, dass er tot ist, alles Mögliche hätte passieren können." Der resignative Schluss: Oskar und Else sitzen auf einem Bergkamm und trinken, voller Ungewissheit auf die Zukunft. "Sie wussten, dass der Krieg näher kam, aber es war ihnen gleichgültig."

Vieles an John Wrays Kitschorgie ist unerträglich, lassen muss man ihm trotzdem, dass er das Genre perfekt beherrscht und dass er auch bessere Dialoge schreibt als die meisten zeitgenössischen Österreicher, die dasselbe Thema bearbeitet haben. Vor allem erlaubt ihm aber seine Romankonstruktion aus dem Geist von "Sound of Music", einen weiteren ideologischen Horizont aufzuspannen. Wo sich der mainstreamige Diskurs des journalistischen Antifaschismus nur noch in der Wiederholung längst bekannter Tatsachen ergeht und die Zeitgeschichtler sich in nobles Schweigen hüllen, findet John Wray mit der Gegenüberstellung des Nazis mit dem Kommunisten ein offenes österreichisches Territorium: Joe Berger bezeichnete Österreich einmal als Brathuhn, das auf der Achse Berlin-Rom braun gebraten wurde. Wray hat diesem Spieß eine Windung nach links verliehen – ohne den Austrofaschismus zu legitimieren. Das ist nicht unoriginell. Wenn Literatur derartiges leistet, ist das schon viel. Zu befürchten ist allerdings, dass sich der ORF die Rechte sichert und ein Fernsehspiel für den nächsten Staatsfeiertag daraus macht. Wer sich tatsächlich für Literatur über diese Zeit interessiert, ist ohnehin mit Hermann Broch, Georg Saiko, Hans Lebert oder Marianne Fritz besser bedient. Im Vergleich dazu ist John Wrays "Rechte Hand des Schlafes" nicht mehr als die Linke von Robert Schneider. Wer heute so schreibt, muss verschlafen haben. Erfolg scheint gerade deshalb garantiert.

Erich Klein in FALTER 12/2002 vom 22.03.2002 (S. 19)


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