Dämmerung
Erzählungen

von James Salter

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Berlin
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 13/1999

Stunde der Melancholie

Trennung und Scheidung sind schmerzhaft, als literarischer Stoff also bestens geeignet. Richard Bausch und James Salter haben sich dieses Themas auf sehr unterschiedliche Weise bedient.

Geht man davon aus, daß die serielle Monogamie in unserer Gesellschaft das hegemoniale Beziehungsmuster darstellt, dann entspricht die gesamtgesellschaftliche Anzahl der Trennungen in etwa derjenigen der Liebschaften. Die Realitätshaltigkeit von Literatur einmal vorausgesetzt, ist Trennung also ein überaus lohnendes literarisches Thema, und "Die natürlichen Auswirkungen einer Scheidung" ein prima Titel für einen Band von Short stories. Der amerikanische Schriftsteller Richard Bausch (Jahrgang 1945) beschreibt darin in der Titelgeschichte, wie der Vater eines siebenjährigen Sohnes zurechtkommt, nachdem er von seiner Frau verlassen worden ist, die mit ihrem Liebhaber in 3000 Kilometer Entfernung ein neues Leben beginnt.

Aber nicht nur der postehelichen Existenz spüren die insgesamt acht Kurzgeschichten nach, sondern auch jener "Schlechtwetterperiode", die Ehepaare halt so durchmachen ("Wetter"), oder jener rasch sich wieder verflüchtigenden Erleichterung des Mannes über das (un)gewollte Geständnis: Sein Angebot, "darüber" zu reden, wird auf tragikomische Weise mißverstanden. Wo er den Seitensprung meint, versteht sie den banalen Umstand, daß eben ein paar Gläser zu Bruch gegangen sind ("Stöckelschuh"). Dialogstark und unangestrengt gelingt es Bausch, in exemplarischen Situationen ganze Lebensgeschichten aufblitzten zu lassen und auch noch auf eine Pointe hin zu fokussieren.

Von Scheidung handelt auch James Salters Roman "Lichtjahre" (1975), durch dessen Übersetzung (1998) dem heute 74jährigen eine späte Entdeckung im deutschen Sprachraum beschieden war. Nach "Ein Spiel und ein Zeitvertreib" (1967/1998) hat der Berlin Verlag nun auch auftragsgemäß (siehe Falter 98/47) dessen Buch "Dämmerung" herausgebracht.

Auffällig viele der elf in dem 1975 im Original erschienenen Band ("Dusk and Other Stories") versammelten Erzählungen eröffnen zumindest schlaglichtartig Einblicke in zerbrochene Ehen, Affären und Beziehungen. Dem Thema und Titel entsprechend liegt ein schwermütiges Licht über dem ganzen Buch. "Dämmerung", das ist die "todähnliche Stunde" ("Via Negativa"), "die Stunde der Melancholie" (Am Strande von Tanga"), "jene sterbende Stunde, die den Tag beschließt" ("Die Zerstörung des Goetheaneums"); das Zwielicht, das einen Lebensabend einleuchtet, der viel zu früh kommt. "Das Leben, das er hätte führen können, tauchte fast greifbar vor ihm auf", heißt es von Reemtsma, der in der ebenso kurzen wie grandiosen Geschichte "Verlorene Söhne" zugleich im Mittelpunkt und im Abseits steht: Absolvent der Militärakademie von West Point, gehört er zu jenen, die bei Jahrgangstreffen allenfalls als Objekt kränkender Scherze die Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Gewiß könnten einige von Salters Erzählungen auch gut und gerne als klassische Short stories durchgehen, insgesamt unterscheiden sie sich von Bauschs Kurzprosa aber doch sehr deutlich: Nur in wenigen Fällen konzentrieren sie sich auf ein konzis definierbares Ereignis, fast nie laufen sie auf eine Pointe zu. Die Konstellationen zwischen zwei Frauen und einem Mann, zwei Männern und einer Frau sind alles andere als klassische Dreiecksverhältnisse und werden in jener "kalkulierten Schwebe" gehalten, in der - wie die Zeit zu Recht anmerkte - Salters Kunst besteht.

Salters Geschichten beschreiben eine Bewegung, die sich den Figuren gleichsam tangential nähert, deren Lebensweg in einem Punkt berührt und wieder von ihm fortführt. Besonders eindringlich belegen das die Anfangs- und Schluß"einstellungen" der Erzählung "Am Strande von Tanger": "Barcelona im Morgengrauen. Die Hotels sind dunkel. Alle großen Alleen weisen aufs Meer", heißt es, bevor sich die Erzählung Malcolm, Nico und Inge zuwendet, um diese am Ende wieder mit rasend anwachsender Distanz zu verlassen - vom Hintern nach Hamburg in zwei Sätzen: "Sie hat kleine Brüste und große Brustwarzen. Außerdem, wie sie selber sagt, einen ziemlich dicken Hintern. Ihr Vater hat drei Sekretärinnen. Hamburg liegt nah am Meer."

Klaus Nüchtern in FALTER 13/1999 vom 02.04.1999 (S. 67)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Die natürlichen Auswirkungen einer Scheidung (Richard Bausch, Monika Doser)

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