Cardanos Kosmos
Die Welten und Werke eines Renaissance-Astrologen

von Anthony Grafton

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Verlag: Berlin
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 12/1999

Verkannt und verbrannt

Die Erinnerung an Giordano Brunos Ende auf dem Scheiterhaufen am 17. Februar 1600 in Rom mag Galilei das Abschworen erleichtert haben. Zu Ikonen antiklerikaler und "fortschrittlicher" Bewegungen späterer Jahrhunderte sind sie beide geworden. Anders als Galilei war der Naturphilosoph Bruno aber kein karrierebewußter Hofling. Seine häretischen Thesen, vor allem die von der Unendlichkeit der Welt, brachten ihn früh in Konflikt mit der Lehrmeinung der Kirche und zwangen ihn zu einem unsteten Wanderleben beiderseits der Alpen.
In seiner Biografie "Giordano Bruno. Nachtfalter des Geistes" vergibt Anacleto Verrecchia aber kläglich die Chance, einen originellen Denker historisch zu verorten. Wo er versucht, beißenden Spott über kirchliche Würdenträger auszugießen, gelingt ihm nur billigste Polemik. Schlimmer noch: Auf keiner Seite verschont uns der Autor mit seinen immer gleichen moralischen Ein- und Ausfällen. Selbstgerecht, ein Mochtegern-Voltaire des 20. Jahrhunderts, in einem durchweg schlechten Sinne subjektiv, überhoht Verrecchia Bruno zum eingesperrten Genius, zum Sturmvogel, ja zum Orkan selbst. Der Schwarzweißmaler bemüht sich nicht einmal, die Zeit der Gegenreformation und ihre Umstände zu verstehen.
Natürlich war das 16. Jahrhundert gekennzeichnet von religioser Intoleranz, und für die Inquisition mag man wenig Sympathie empfinden. Aber der Historiker soll ja nicht rechtfertigen, sondern erklären. Und dazu gehorte ein Verweis auf das Aufkommen einer Mehrzahl christlicher Religionen, die zu einer extremen Verschärfung des eigenen dogmatischen Profils führte und damit auch zu einer sehr viel härteren Gangart gegenüber "Abweichlern". Statt dessen liest man bei Verrecchia: "Mit der Ermordung Brunos versuchte die Kirche die moderne Wissenschaft bei der Geburt zu ersticken: Das ist die Wahrheit." Amen. Ein ungleich hoheres Niveau erreicht Anthony Grafton mit "Cardanos Kosmos", einer eleganten Studie über den Renaissance-Astrologen Girolamo Cardano, der gleich Galilei sein Lebensende nach dem Willen der Inquisition unter Hausarrest verbrachte. Beim Griff nach den Sternen konnte man sich eben leicht die Finger verbrennen. Zuvor hat Cardano aber ein imposantes Werk von insgesamt 7000 Seiten verfaßt und versucht, unter Rückgriff auf die Antike, vor allem auf deren großten Sternengucker Ptolemäus, die Astrologie neu zu begründen und zu einer Wissenschaft zu erheben.
Das Bemühen um eine moglichst große und verläßliche astronomisch-astrologische Datensammlung, vor allem aber "die intensive Übung in der Kunst der Charakterbeurteilung" bei der Erstellung von Horoskopen und eine genau dokumentierte Introspektion - all dies macht Cardano für Grafton zu einem "modernen", weil empirisch ausgerichteten und methodisch arbeitenden Wissenschaftler. Freilich nur vergleichsweise, das heißt für seine eigene Zeit, wie Grafton richtig einschränkt.
Geradezu wegweisend wurden hingegen zwei scheinbar kleinere Errungenschaften Cardanos: Er hat als erster die Autoren gezählt, die ihn erwähnen (Zitationsindex), und das "copy & paste"-Verfahren entwickelt - eine frühe Form der Textverarbeitung mittels Messer und Kleber. Chapeau!

Oliver Hochadel in FALTER 12/1999 vom 26.03.1999 (S. 26)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Giordano Bruno (Anacleto Verrecchia)

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