Die zweite Aufklärung

von Neil Postman

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Berlin
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 41/1999

Der US-amerikanische Soziologe Neil Postman agitiert in seinem neuen Buch gegen Derrida & Co. und plädiert für eine neue Aufklärung. Geschrieben hat es der Technikskeptiker mit der Füllfeder.

Neil Postman genießt nicht gerade den glänzendsten Ruf in der Szene: Man schmäht den Professor aus New York gern als medientheoretische Trantüte, als eine Art Horst Eberhard Richter der US-amerikanischen Soziologie. Natürlich, die Unerbittlichkeit, mit der Postman das Diktat der nordamerikanischen Vergnügungsindustrie geißelt, und die Humorlosigkeit seiner medienkritischen Analysen haben etwas Fundamentalistisches und zutiefst Larmoyantes. Aber zugleich – wer will es bestreiten – spricht er in seinen Büchern Probleme an, die nicht nur engagierten Vikaren und grünalternativen Kindergärtnerinnen Kopfweh bereiten, sondern auch unaufgeregteren Beobachtern der Zeitläufte.
Das jüngste Buch des Neil Postman beginnt mit einer unanfechtbaren Diagnose: Nach dem Tod Gottes und dem Hinscheiden der großen Geschichtsutopien leidet die westliche Zivilisation an einer Sinnkrise. Esoteriker und UFO-Forscher, Verschwörungstheoretiker und Teufelsmystiker stoßen in das Vakuum vor. Auf karikaturhafte Weise spiegelt die Hausse obskurantistischer Ideologien das Bedürfnis der Massen nach Sinnstiftung und stichhaltigen Welterklärungsmodellen wider. Wer sich mit Nostradamus und Erich von Däniken nicht zufrieden gibt, wird sich also andernorts nach Orientierungspunkten umsehen müssen. "Es lässt sich nicht verkennen", erklärt Postman, "dass wir eine Geschichte brauchen, die uns erklärt, weshalb wir hier sind und was unsere Zukunft sein wird."
Auf der Suche nach solchen historischen Brücken stößt Postman in die Tiefen der Vergangenheit vor. Fündig wird er bei den Aufklärern. Das 18. Jahrhundert, so der Professor aus New York, biete einen unerschöpflichen Fundus an faszinierenden Ideen, die auch für das 21. Jahrhundert Strahlkraft entwickeln könnten. Denker wie Kant und Voltaire, Locke und Newton haben die Grundlagen unserer modernen, nachchristlichen Zivilisation gelegt: Induktive Wissenschaft und Nationalstaat, Freihandel und Gewaltenteilung, politische und religiöse Liberalität wurden damals entwickelt. "Lasst uns die Grundsätze des 18. Jahrhunderts übernehmen", empfiehlt Postman und setzt sogleich an, die wichtigsten Begriffe der Jahrtausendwende auf ihre inhaltlichen Wechselbeziehungen zum Zeitlalter der Aufklärung zu überprüfen: "Technologie" und "Demokratie", "Information" und "Sprache".
Stilistisch bewegt sich der Medientheoretiker dabei in bester anglo-amerikanischer Tradition: Er bedient sich einer klaren, nüchternen Prosa, die keine sprachlichen Nebel wirft, sondern klar und präzise auf den Punkt bringt, worum es ihr geht. In dieser Hinsicht unterscheidet sich Postman wohltuend von den zentralen Objekten seiner Polemik: den poststrukturalistischen Philosophen aus Paris – Baudrillard, Lyotard und Derrida –, deren Glanz zwar im Verblassen begriffen ist, aber schwarz gekleidete Philosophiestudenten in New York, Berlin, Tokio und anderswo immer noch blendet.
In der Nachfolge seines New Yorker Physiker-Kollegen Alan Sokal polemisiert Postman gegen das postmoderne Paradigma, dass "Sprache nicht das Vermögen habe, die Realität zu erfassen". Das träfe zwar auf grundlegende metaphysische Fragen zu, räumt Postman ein, so etwas wie stichhaltige Wahrheiten seien dort nicht zu haben. Aber auf anderem Terrain seien bestimmte Aussagen doch wahrer als andere: So könne man einen medizinischen oder kosmologischen Text bis in die feinsten Verästelungen hinein dekonstruieren – es bleibe dabei, dass Aids eine gefährliche Krankheit sei und der Mond nicht aus grünem Käse bestehe. "Die aufklärerische Sicht der Sprache ist der postmodernen entschieden vorzuziehen", schreibt Postman. Wie Diderot und Voltaire glaubt auch der Guru der zeitgenössischen Medienkritik, "dass es möglich ist, zu sagen, was man meint, zu meinen, was man sagt, und zu schweigen, wenn man nichts zu sagen hat."

An Letzteres hätte sich Postman beim Kapitel "Technologie" selbst halten sollen. Seine Ausführungen zu diesem Thema sind weltfremd und blauäugig, um es vorsichtig auszudrücken. Der 68-Jährige weist zwar den Vorwurf, ein Technikfeind zu sein, zurück: "Ich halte Technikfeindlichkeit für eine Dummheit", erklärt er, "es wäre so, als hätte man etwas gegen das Essen." Aber diese Feststellung bleibt rein rhetorisch: Wenige Zeilen später zieht Postman gegen die milliardenteure Computerisierung US-amerikanischer Schulen vom Leder. Der 68-Jährige verblüfft auch mit dem Geständnis, dass er seine Bücher künftig genauso mit der Füllfeder schreiben werde wie bisher und sich weder mit der Bedienungsanleitung eines Anrufbeantworters noch mit dem Internet jemals auseinander zu setzen gedenke. Als zeitgemäße Aussagen über den Zustand unseres Planeten mag man solches schwerlich gelten lassen.
Trotzdem: Über weite Strecken hat Neil Postman ein anregendes, auch ein sympathisches Buch geschrieben. Er plädiert für die maßvolle Rationalität eines Hume oder Diderot und empfiehlt den heiteren Pragmatismus der alten Aufklärer zur Nachahmung. Und wer möchte ihm da ernstlich widersprechen?

Günter Kaindlstorfer in FALTER 41/1999 vom 15.10.1999 (S. 33)


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