Eine Waise sozusagen
Roman

von Eleonora Lev

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Verlag: Berlin
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 12/1999

Alice im Greuelland

Drei bemerkenswerte Neuerscheinungen setzen sich mit dem untergehenden Ostjudentum respektive dem Leben der "zweiten Generation" auseinander.
Selten ist die Welt des Ostjudentums so in sich geschlossen und abgeschlossen von der übrigen präsentiert worden wie in "Josche Kalb", dem 1932 auf jiddisch und nun glücklicherweise auf deutsch neu erschienenen Roman von Israel Joshua Singer. Der ältere Bruder und Lehrmeister des Nobelpreisträgers Isaac Bashevis Singer emigrierte 1932 in die USA. Selbst aus einer chassidischen Rabbinerdynastie stammend, nimmt er in "Josche Kalb" auf wunderbare Weise Abschied von der bunten Welt des Ostjudentums, wenn man unter Abschiednehmen ein zugeneigtes Loslassen versteht. Singer breitet episch eine Welt aus, die von hochst irdischer Leidenschaft und mystischer Frommigkeit, ernsthaften Talmudstudien und aberwitzigem Aberglauben, Großzügigkeit und Neid, Verschwendung und Habgier, üppigen Festen und Askese, Freiheitsdrang und Fatalismus regiert wird; eine Welt, deren ungeheure Vielfalt und pralle Vitalität schließlich die mühsam aufrechterhaltenen orthodoxen Traditionen und Riten sprengen.
Die Fabel beruht auf einer wahren Begebenheit des 19. Jahrhunderts: Der noch sehr vitale, gut 60jährige galizische Wunderrabbi von Njeschawe, Melech, veranlaßt eilig seine 13jährige Tochter Serele zur Ehe mit dem 14jährigen Nachum, dem Sohn eines vornehmen russischen Rabbiners. Er selbst heiratet zum vierten Mal, wird aber schon in der Hochzeitsnacht von Malka, seiner 14jährigen Auserwählten, vollig respektlos mit seiner erbärmlichen Hinfälligkeit konfrontiert. Sie verführt schließlich mit allen Finessen ihren asketischen Schwiegersohn Nachum, der ihr und dem sie seit der ersten Begegnung verfallen war. Als Malka neun Monate später bei ihrer Niederkunft stirbt, verläßt der von Schuldgefühlen und Gesichten heimgesuchte Nachum den Hof des Rabbis. Bettelarm zieht er betend durch die Lande und erträgt schweigend jede Erniedrigung, weshalb er auch Josche (das) Kalb gerufen wird. Die wahre Holle auf Erden erlebt er, als ihn ein gerissener Synagogendiener, unterstützt vom aufgehetzten Mob, zur Ehe mit seiner schwachsinnigen Tochter zwingt. Noch in der Hochzeitsnacht verläßt er sie - mehr sei nicht verraten.
Die Aushohlung der orthodoxen Welt kommt plastisch zur Darstellung in satirisch überzeichneten Gerichtsverhandlungen, den drei aufwendig vorbereiteten und grandios mißlingenden Hochzeitsfeiern und vor allem im Wunderrabbi, der zwar hochst selten die heiligen Bücher studiert, aber mit seinen Ratschlägen gutes Geld zu machen weiß. Bei aller Schärfe der Kritik beherrscht Singer, wie Lion Feuchtwanger, die große Kunst, die unterschiedlichsten Empfindungen, Stimmungen, Perspektiven und Meinungen aufeinanderprallen zu lassen und mit verhaltener Ironie und Humor jedem Individuum in seinen Stärken und Schwächen gerecht zu werden. Drei bemerkenswerte Neuerscheinungen setzen sich mit dem untergehenden Ostjudentum respektive dem Leben der "zweiten Generation" auseinander.
So sehr Singers untrüglicher Blick fürs Menschliche und Allzumenschliche die Lektüre zu einem fesselnden Vergnügen werden läßt, so niederschmetternd ist Eleonora Levs Bericht von ihrer Reise in die vernichtete ostjüdische Welt. Nicht etwa, weil einen die 1950 in Stettin als Tochter einer russischen Jüdin und eines polnischen Juden geborene und 1957 nach Israel verpflanzte Autorin mit ihrem unverhohlenen Haß auf alles Deutsche und Deutschsprachige vor den Kopf stoßt. Sondern weil dieser Haß von einer unendlichen Verletztheit herrührt, die sie an den Volkermord bindet und die ihr beinahe jegliches Danach versagt. "Eine Weise sozusagen" ist ein ebenso personliches wie radikales Zeugnis der sogenannten "zweiten Generation".
Mit poetischer Kraft verwebt Lev polnische Kindheitserinnerungen und schonungslose Reflexionen über ihr Leben in Israel mit den Stationen ihrer Reise durch das verarmte, sozialistisch regierte Polen von 1983, wo sie sensibel alle Zeichen des Antisemitismus registriert. Die ernüchternde Suche nach den Orten ihrer Kindheit und der zerstorten Welt ihrer Groß- und Urgroßeltern steht in spannungsreichem Kontrast zur erfüllten Sinnlichkeit ihrer polnischen Kindheit: der Ofen in der Küche, der Wohlklang des Jiddischen, die weiten kühlen Wälder mit den Blaubeeren, die Sehnsucht nach der nie gekannten Großmutter. Zur Einsicht, in der polnischen Sprache beheimatet zu sein, gesellt sich die plastische Erinnerung an ihren Kulturschock und die radikale Kritik an der Verdrängung der eigenen Wurzeln: Lev verfällt "mit der unmittelbaren Anpassungsfähigkeit von Kindern dem neuen Orangenland" und wird unter der herrschenden "Diktatur des Optimismus" zu einer "eingeschworenen Polenhasserin".
Doch die verdrängte Vergangenheit holt sie unerbittlich wieder ein: Fast süchtig nach dem Entsetzen, verschlingt Lev eine Holocaust-Dokumentation nach der anderen. Der emanzipierten, die Religion nicht praktizierenden Jüdin wird Auschwitz zur negativen "Religion": "Viele Menschen (darunter ich) ziehen aus dem Namen Auschwitz diesen Nutzen - als Schlüssel zur Wirklichkeit, als Drehpunkt, um den herum die Welt sich ordnet wie um den dunklen Schlund eines Strudels." Lev läßt diesen Strudel durch eine unerträgliche Aneinanderreihung zahlloser Greueltaten zur einzigen, alles verschlingenden Gegenwart werden - "Alice im Greuelland". Aus dem Schlund dieses Strudels, der jedes Danach vernichtet, kommt auch die erschütterndste Szene dieser ganzen Geschichte: Mit unbeirrbarer Entschlossenheit schleppt Lev ihre zitternde elfjährige Tochter durch Treblinka, Majdanek und Auschwitz, womit die Wiederholung und eine todlich traumatisierte "dritte Generation" wohl vorprogrammiert wäre. Drei bemerkenswerte Neuerscheinungen setzen sich mit dem untergehenden Ostjudentum respektive dem Leben der "zweiten Generation" auseinander.
Der 1949 in Ostberlin geborenen Barbara Honigmann war eine derartige Post-Shoah-Identität nur eine jugendliche Etappe auf ihrer Suche nach einem "Minimum an jüdischer Identität". Sie sucht nach einem Danach, das nicht vollends vom Volkermord überschattet und bestimmt ist. Ihr geht es um ein "Gespräch über Judentum jenseits eines immerwährenden Antisemitismus-Diskurses". An dieser Suche - und das heißt an dem begonnenen Gespräch - läßt sie uns mit ihrer Autobiografie "Damals, dann und danach" teilnehmen. Wieder schreibt sie in jenem unprätentiosen, unverwechselbaren Ton, den wir schon aus ihren Romanen kennen, dieser eigentümlichen Mischung aus Direktheit und Poesie, wobei die Poesie des Ausdrucks die Stoßkraft des Direkten nicht etwa abfedert, sondern sensibel leitet, damit sie beim Gegenüber Widerhall finde.
Um dieses Gespräch zu finden, braucht die Autorin Distanz. Barbara Honigmann emigrierte 1984 mit ihrer Familie nach Straßburg. Wie sie, die sich sowohl dem Judentum als auch der deutschen Sprache und Kultur zugehorig fühlt, ihr Leben in der neuen, fremden Heimat einrichtet, davon handelt ihr jüngstes Buch. Es umfaßt ihr Selbstporträt als Jüdin und ihr Selbstporträt als Mutter - als ihr erstes Kind kam, legte sie ihre Ambitionen als Malerin auf Eis -, dokumentiert, wie sie die Spuren ihrer schweigenden, enthusiastisch kommunistischen Eltern nach Wien und London verfolgt und sich schreibend von ihren assimilierten Groß- und den nach Emanzipation strebenden Urgroßeltern abgrenzt. "Damals, dann und danach" gibt einen lebendigen Eindruck von Honigmanns neuen sephardischen Freundinnen in Straßburg, die sich schon bei der Nennung von Wien und Berlin vor Ekel schütteln, und von ihrem "koscher light" praktizierten Judentum. Am Ende führt sie uns ungeschminkt einen Tag vor, an dem dieses zwischen den Welten, Kulturen und Zeiten zerrissene Leben sich zu einem einzigen befreit. Diese Autobiografie ist - auch das verrät sie in ihrem unnachahmlichen Ton - ein Freundschaftsangebot. Schlecht beraten, wer es ausschlägt.

Iris Buchheim in FALTER 12/1999 vom 26.03.1999 (S. 6)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Josche Kalb (Israel Joshua Singer)
Damals, dann und danach (Barbara Honigmann)

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