Als ich ein Hund war
Liebesgeschichten und weitere rätselhafte Vorfälle

von André Heller

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Berlin
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 12/2001

Andre Hellers Liebes- und sonstige Geschichten handeln von einem Ich, das Andre Heller zum Verwechseln ähnlich sieht.

So viele Wellen. Und vor meinen Füßen enden sie." Warum? Aus Ehrfurcht? Oder graust ihnen?

Ich lese Andre Hellers Kurzgeschichten in dem Band "Als ich ein Hund war"; mein Denken wird ganz Welle, und es endet vor diesen Texten. Ich kapituliere vor Sätzen wie: "Bei Schmerzen gehöre ich ganz dem Schmerz und bei der Liebe ganz der Liebe." Oder: "Die brillanten Draufgänger besitzen häufig die Möglichkeit, so etwas Ähnliches wie Dammbrüche zu veranstalten." Oder: "Ungezählte begehrenswerte Frauen leben ja im Grunde als betrübliche Verschwendung." Oder: "Euer Oben ist kraftlos und euer Unten ohne Geheimnis." Ich habe gleich in meinem Unten nachgeschaut und kann nur sagen: Es stimmt. Diesen massiven Herausforderungen des Tiefsinns zu genügen, ist schlicht unmöglich.

Andre ist verdammt gut drauf in der Philosophie, und man kann nur mit Bedauern feststellen, dass er ihr abhanden gekommen ist, denn er wäre ein Meister aller Klassen, Ontologe und Positivist in einem, Alchemist und Rationalist. "Der ganz normale physische Himmel war und ist auch der metaphysische", lässt er einen weisen alten Mann sagen.

"Ob Delphine überhaupt ein Heute denken?", fragt der Held sich einmal mit der Einfachheit eines griechischen Naturphilosophen, verlässt aber sofort die Theorie und erzählt uns Liebesgeschichten, deren Held ein Ich ist, das an einem Vaterkomplex leidet, das einmal Ministrant war, dessen Vater eine Zuckerlfabrik besaß; ein Ich, das nach einem Liebesabenteuer in einem Stundenhotel durchs nächtliche Wien streift und die Lipizzaner nach dem Brand der Hofburg über den Kohlmarkt rasen sieht, das einen schrecklichen Unfall überlebt, als sich das Auto in der Wüste überschlägt, weil ein schwangeres Kamel auf dem Wege lag, das auch einmal ein Hund war, ohne allerdings daraus nennenswerte Schlüsse zu ziehen; kurzum, dieses Ich erlebt das Wahrscheinlichste und Unwahrscheinlichste und lässt uns gnädig daran teilhaben. Es gibt Klimmzüge ins Surreale, und dann zeigt uns das Ich die lange Nase.

Auch wie das Ich es mit der Religion hatte, teilt es uns mit; es glaubte als Kind nicht an den "katholischen lieben Gott", sehr wohl aber an die "heilige Maria", wohl eine frühe erotische Schelmerei des Knaben, der es immer noch nicht lassen kann.

Es ist überhaupt ein tolles Ich, das immer wieder auch an Andre Heller erinnert; ein Ich, das ein guter Vater ist und ganz offiziell seinen Sohn liebt, das sich dauernd voller Selbstironie auf die Schulter klopft und im Bedarfsfalle auch melancholisch wird, ein weltverlorener decadent, gegen den ein Hofmannsthal'scher Erbe ein Springinkerl ist, ein Ich, das, um lang vergessener Völker Müdigkeiten nicht mit sich herumschleppen zu müssen, sie zu Papier und dann zum Verlag bringt, der das Ganze dann auf chlor- und säurefreiem Papier druckt, welches wunderbarer Weise auch diese Texte aushält.

Wenn da von Marokko oder Israel die Rede ist, meint man, einen Reiseprospekt, leider ohne Bilder, in Händen zu halten: außen tui, innen hui. Wenn es sich überhaupt lohnt, diese Texte zu lesen, so nur als Vergleichsobjekt: Man lese Reiseschilderungen von Ransmayr oder Bruce Chatwin und weiß sofort, dass es doch benennbare Qualitätsunterschiede in der Prosa gibt. Mit ernsthaften Kurzgeschichten haben diese harmlosen Bedeutsamkeiten und bedeutsamen Harmlosigkeiten nichts zu tun. In einem Satz: Heller enttäuscht auch mit diesen Bagatellen die in ihn gesetzten Erwartungen nicht.

Wendelin Schmidt-Dengler in FALTER 12/2001 vom 23.03.2001 (S. 18)


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