Der Coup der Berdache
Roman

von Michael Roes

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Berlin
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 6/1999

Geschlecht und Indianer

Michael Roes hat einen politisch korrekten Thriller geschrieben, der Geschlechteridentität und ethnische Gegensätze verhandelt.

Mit seinem 800-Seiten-Wälzer "Rub'al-Khali, Leeres Viertel" schaffte es Michael Roes auf Platz 1 der SWF-Bestenliste, heimste den Bremer Literaturpreis ein und führte auch die Charts der meistbesprochenen Bücher des Jahres 1996 an. Nun hat Roes (Jahrgang 1960) mit "Der Coup der Berdache" einen gerade mal 492 Seiten schlanken Thriller geschrieben, um auf dessen Folie sein ethnologisches Wissen an den Leser zu bringen - diesmal allerdings nicht über den arabischen Raum, sondern über die Indianer im allgemeinen, die Sequoyahs im speziellen. Alles, was Sie immer schon übers Skalpieren wissen wollten, aber nie zu fragen wagten.

Skalpiert wird zunächst einmal der FBI-Mann Van Couvering, und zwar im "heißesten Club der Stadt", der sich bezeichnenderweise "The Meat" nennt und in dem sich die A-Schicht von New Leyden das begehrte Maß an Schmerz und Erniedrigung zufügen läßt. Mit den Ermittlungen betraut ist zunächst Captain Thor Voelcker, ein schwarzer Cop und Dozent für Forensische Psychologie, der unter der Tarnidentität eines Aufdeckungsjournalisten zwei externe Kräfte in die Untersuchung einbindet: Joan Bayou, eine Sequoyah und Ethnologin männlichen Geschlechts (morphologisch), sowie Elbert Late, verheiratet, Vater, Altphilologin und als Drag Queen unter dem Namen Elektra bekannt. Aus der Perspektive dieser drei Personen setzt sich der Roman zusammen, dem die Gewalttat an Van Couvering gerade einmal Anlaß bietet, der Brüchigkeit und Fragwürdigkeit von Identitäten nachzugehen - seien diese ethnisch oder geschlechtlich definiert.

Was schon in der Figurenkonstellation angelegt ist, wird bei Roes auch noch breit verhandelt und didaktisch aufbereitet. "Und Sie meinen, in Wahrheit gebe es gar keine menschliche Natur, alles sei nur ein soziales Konstrukt?" fragt ein Polizeischüler. "Ja, das meine ich", antwortet ihm Dozent Voelckers, der später wegen eines mutmaßlichen Drogenvergehens suspendiert wird, eine Akte stiehlt und untertaucht, gar ermordet wurde ...?

Wo sich Thomas Meinecke mit seinem oft als Satire mißverstandenen Roman "Tomboy" (1998) ganz auf den Diskurs und die Lebenswelt der gender studies freaks und Judith-Butler-Fans einläßt, versucht Roes, sein theoretisches Interesse mit einem multiperspektivischen Thriller zu fusionieren, und scheitert an der eigenen Ambitioniertheit. Schon möglich, daß der hybride und ausgerechnet in den Dialogpassagen mitunter recht manierierte Stil mit den geklitterten Identitäten der Protagonisten korrespondiert, zur Lesbarkeit trägt er nicht gerade bei. Der Lektüre noch viel stärker abträglich ist freilich der Umstand, daß der Thriller-Plot gegenüber dem Konzeptroman das Nachsehen hat: Unter einem Wust an Exkursen, Nebenhandlungen und Bildungsballast geht er verschütt, vom Autor im Stich gelassen, vom Leser längst aufgegeben.

Klaus Nüchtern in FALTER 6/1999 vom 12.02.1999 (S. 65)


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