Das Leben, ein Film
Die Eroberung der Wirklichkeit durch das Entertainment

von Neal Gabler, Monika Schmalz

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Berlin
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 12/1999

Die Unterhaltungsrepublik

Neal Gabler belegt materialreich und unterhaltsam, wie die Vereinigten Staaten seit der Mitte des letzten Jahrhunderts in zunehmendem Maß dem Entertainment verfallen sind.
Dieser Text ist ein Geschenk. Eines, das - in seine Einzelteile zerlegt - als riesiger Zitatenschatz dienen konnte: etwa für Jay Leno, der für die Sammlung unsinniger Schlagzeilen - Bestandteil seiner "Tonight Show" auf NBC - z.B. den Satz "Es gab kaum einen besseren Karriereschachzug als Selbstmord" bekäme. Die Überschrift "Nur gemeine Leute mogen Charlie Chaplin und Mary Pickford, sagt Pfarrer" wiederum aus den Detroit News vom 13. April 1916 konnte sich Max Goldt für eine Titanic-Kolumne schnappen. So wäre also für eine ansehnliche Anzahl von Entertainern, Autoren und Kolumnisten über Jahre hinweg für wertvolle Inspirationsquellen gesorgt.
Die Behauptung, daß Neal Gabler zuwenig Gewicht auf die Recherche gelegt hätte, um "Das Leben, ein Film. Die Eroberung der Wirklichkeit durch das Entertainment" zusammenzustellen, wäre vermutlich klagbar. Der Erfolgsautor von film- und kulturhistorischen Büchern hat über drei Jahre lang Zeitungsarchive durchforstet und Grundlagenliteratur bearbeitet, die ihm die Entwicklung der USA als eine Nation im Unterhaltungsrausch - der oft zitierten "Republik des Entertainment" - erscheinen lassen.
Im ersten Drittel der großzügig gesetzten 300 Seiten gibt Gabler einen Abriß über die strikte Trennung des populären "Lowbrow"-Entertainment vom elitären "Highbrow"-Theater. Darin wird der Hang zur Unterhaltung zum einen biologisch begründet. Zum anderen versteht er sie als subversiven Akt, sich der sich autoritär gebärdenden Hochkultur zu widersetzen. Komprimiert wird dann die Entwicklung des US-amerikanischen Pressewesens ab den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts dargestellt: von den parteigebundenen Meinungsblättern über die nach der Wahl des Egalitaristen Andrew Jackson zum Präsidenten (1828) erstarkte Boulevardpresse, den Aufstieg von Pressebaronen wie Citizen Hearst und Joseph Pulitzer bis hin zum "emblematischen" Journalismus, der Bilder aus dem Kontext lost und selbstreferentiell einsetzt.
Einige Grundthesen der folgenden Kapitel sind schnell rekapituliert: Die USA sind seit der Mitte des letzten Jahrhunderts in zunehmendem Maß dem Entertainment verfallen. Dieser Zwang zur unterhaltenden Aufbereitung hat sich von den Medien auf nahezu jeden Lebensbereich ausgedehnt und prägt das moderne US-amerikanische Selbstverständnis; Politik und Kunstmarkt, Kirchen und Mode sind gleichermaßen erfaßt und konnen sich nicht entziehen, weil sonst die Abnehmer ausbleiben würden. Die Medienkonsumenten kupfern ihrerseits von Prominenten und (Film-)Stars ab, was das Zeug hält, und transformieren ihr echtes Leben in einen Lebensfilm (den "lifie"). Als filmische Bezugspunkte werden dafür von Gabler "The King of Comedy", "To Die for", "Wag the Dog" und "The Truman Show" genannt.
Die wiederkehrenden, zentralen Begrifflichkeiten zu Image, Prominenz, Ruhm, Pseudo-Ereignis etc., mit denen der Autor jongliert, stammen von Denkern wie Richard Schickel, Richard Sennett, Neil Postman, Daniel Boorstin oder Leo Braudy. Provokante eigene Ansätze bietet das Buch nicht, ebensowenig nennenswerte Analysen. Immerhin aber vergleicht der Autor die Auftritte von Papst Johannes Paul II. mit der Bühnenshow von James Brown, in der dieser Erschopfung bis zum Zusammenbruch mimte. Oder er sinniert über die Erlebnisparks des Modedesigners Ralph Lauren. Oder er ruft die "korperlosen" TV-Spots des Nixon-Wahlkampfs in Erinnerung, in denen der Kandidat zu Bildern der USA schwadronierte, ohne politische Positionen auch nur anzusprechen.
Trotz der unbestrittenen Meriten der breit angelegten Recherche und dem Gebrauchswert der Anmerkungen ist die Lust groß, den Autor zu tadeln: für unscharfe Argumentation, Dopplungen und Zirkelschlüsse ("Die wahre Hürde der Literatur (...) war jedoch schlicht und ergreifend das Wort"), außerdem für eine Neigung zum Plakativen und Eingängigen. Gabler hat offensichtlich nie aus den Augen gelassen, daß er ein potentielles Megapublikum hat, und das will, no na, unterhalten werden.
Das Buch kann so seine Entstehungsgeschichte weder verbergen noch ganz überwinden: Aus einem Essay für die Beilage der New York Times entwickelten sich lose Fortsetzungen für die Los Angeles Times - wohl mit ein Grund, warum sich die einzelnen Kapitel zu Prominenz, Shopping Malls, Politik etc. teils wie Variationen ein und desselben lesen, während die Akteure rasant wechseln.
Wer in psychologischer Fachliteratur ausschließlich die Fallgeschichten überfliegt, wird dem Buch einiges abgewinnen konnen. Sonst gilt: Mit zerstreutem Lesen, Blättern im Namensregister und einer kleinen Leseliste, aus der umfangreichen Bibliografie zusammengestellt, wird man der Kompilation am ehesten gerecht.

Yasmin Kiss in FALTER 12/1999 vom 26.03.1999 (S. 33)


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