Würdest du bitte endlich still sein, bitte

von Raymond Carver, Helmut Frielinghaus

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Berlin
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 13/2000

Raymond Carvers grandiose Kurzgeschichten von 1976 liegen erstmals vollständig übersetzt auf Deutsch vor.
Als Raymond Carver seinen ersten Band mit Short Stories veröffentlichte, war er immerhin schon 38 Jahre alt. In den zwölf Jahren, die ihm bis zu seinem frühen Tod noch verblieben, avancierte er, wie sein etwas jüngerer Kollege Richard Ford in den der deutschen Ausgabe vorangestellten Erinnerungen an "den guten Raymond" schreibt, zu "jedermanns Lieblingsschriftsteller" - ein Status, der durch den Erfolg von Robert Altmans auf Storys von Carver basierenden Film "Short Cuts" (1993) auch posthum noch einmal bestätigt wurde.
Carvers "Erzählungen", wie die Geschichten aus dem Band "Würdest du bitte endlich still sein, bitte" auf Deutsch nun mal heißen, vereinigen all jene Tugenden des modernen amerikanischen story telling, die zu Recht gepriesen werden und die ihrerseits nicht einfach vom Himmel gefallen sind, wurde doch gerade Carver immer wieder als der "amerikanische Tschechow" apostrophiert. Seine Storys sind berühmt für ihre Lakonie, ihren narrativen Reduktionismus, der zwar Geschwätzigkeit als Gegenstand der Darstellung durchaus zulässt - siehe den bekifften Smalltalk aus "Was ist in Alaska?" -, geschwätzige Kommentare des Erzählers aber ausschließt. Schnörkellos führt uns der Autor in Geschichten von Arbeitslosen, Pubertierenden, aneinander ermüdeten Ehepartnern, und wenn er seine Figuren und seine Leser wieder daraus entlässt, ist nichts beim Alten geblieben. Raymond Carver ist berühmt für seine ersten und seine letzten Sätze; und für das, was dazwischenliegt.
"Bill und Arlene Miller waren ein glückliches Paar." Mit einem simplen Satz erregt "Nachbarn" Interesse und Misstrauen. Raymond Carver ist freilich nicht Roald Dahl, seine Geschichten sind nicht auf eine überraschende Pointe hin erzählt, und noch im ersten Absatz erfahren wir, dass Bill und Arlene in ihrem Bekanntenkreis karriere- und lifestylemäßig offenbar das Schlusslicht bilden: "Es kam den Millers so vor, als ob die Stones ein erfüllteres und strahlenderes Leben hätten." Die Millers sind vom uramerikanischen Prinzip des konstanten Wettbewerbs infiziert - keeping up with the Stones. Immerhin dürfen sie für zehn Tage nach den Blumen, der Katze, dem Haus der Stones sehen. Und nutzen das weidlich aus. Bill bedient sich aus der Bar der Stones, liegt im Bett der Stones, trägt Kleider der Stones - und die von Jim und Harriet. Arlene findet beim Herumstöbern gar "Bilder", wie sie sagt.
Voyeurismus ist ein Leitmotiv, das in "Würdest du bitte endlich still sein, bitte" immer wieder auftaucht. Etwa wenn die Icherzählerin und ihr Gatte Vern einen Nachbarn dabei beobachten, wie dieser eine Frau beobachtet, die sich in seinem eigenen Schlafzimmer entkleidet ("Allein der Gedanke"), oder wenn sich ein Briefträger, sozusagen ein Voyeur von Berufs wegen, die Frage stellt, was mit den Marstons los ist; besonders nachdem sie weg ist und er hinter den Gardinen auf das Einlangen der Post wartet ("Was machen Sie in San Francisco?").
Was wir schon immer vermutet haben, Carvers Storys bestätigen es uns: Hinter geschlossenen Vorhängen, in Wohnungen, zu denen wir außerhalb der Literatur keinen Zugang haben, spielt sich Unerhörtes ab: so banal, seltsam, pervers und daneben wie nur irgendein ganz normales Leben. Da wartet ein zusehends betrunkener und morbide gestimmter Mann auf seine Frau, die gerade dabei ist a) das Auto zu verkaufen und b) ihn mit dem Käufer zu betrügen ("Was ist denn?"); da fällt "Die Frau des Studenten" nach einer durchwachten Nacht im Schlafzimmer auf die Knie, um Gott um Hilfe zu bitten; "Würdest du bitte endlich still sein, bitte?" sagt der Vater zweier kleiner Kinder zu seiner Frau, nachdem er ihr das detaillierte Geständnis eines Jahre zurückliegenden Ehebruchs abgepresst, sich danach tüchtig besoffen und im Bad eingesperrt hat.
Neben ihren unbestreitbaren literarischen Qualitäten ist es wohl auch der Respekt vor den durchschnittlich jämmerlichen Existenzen, für die wir die verstörend schönen Geschichten Raymond Carvers lieben. Und es sind die letzten Sätze, mit denen er seinen Figuren noch einmal eine Chance gibt, sie ins Offene entlässt: "Hamilton ließ die Tür offen, und dann besann er sich anders und lehnte sie an."

Klaus Nüchtern in FALTER 13/2000 vom 31.03.2000 (S. 65)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb