Am falschen Ort
zahlr. Abb.

von Edward W. Said

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Berlin
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 42/2000

Edward W.Said, der aus Kairo stammende Literaturwissenschaftler und Intellektuelle, hat eine Lebensgeschichte verfasst, die nicht frei von Peinlichkeiten ist.
"Edward, du hast dich selbst befleckt!" Mit diesen Worten stand Saids Vater eines Morgens im Kinderzimmer der Villa in Kairo und hielt strengen Blickes den Pyjama seines Sohnes hoch, auf dem sich paradoxerweise keine Flecken befanden. Edward hätte sich der Sünde der Masturbation schuldig gemacht, gerade weil er sich keinen - im christlichen Schuldverständnis der Familie erlaubten - fleckenproduzierenden Nachtträumen hingegeben hätte, was der kleine Edward abstreitet. 50 Jahre später nützt er nochmals die Chance zur Klarstellung des Sachverhalts: "Der Pyjama war sauber, weil ich keine sexuellen Träume gehabt habe." Saids Mutter, strenger und gleichzeitig liebender Pol in seinem Leben, blickte verbittert über die Schulter zum schamerfüllten schuldlos Schuldigen hernieder: eine Situation, die an Franz Kafkas Schuldparabeln erinnert.
Mit Kafka teilt Said nicht nur grenzenlose Schuldgefühle, sondern auch den Wunsch, sich aus einer tödlichen Krankheit heraus in den Imaginationsraum der Literatur zu schreiben. Er tut das mit seiner Autobiografie "Out of a Place", die ein Jahr nach der US-amerikanischen Ausgabe auf Deutsch erschienen ist. Der an der New Yorker Columbia University lehrende Literaturwissenschaftler, der mit seinen Hauptwerken "Orientalism" (1978) und "Culture and Imperialism" (1993, dt. 1994) weit über literarische Fachgrenzen hinaus bekannt wurde, weiß seit September 1991, dass er Leukämie hat. Er legt die Krankheit der Niederschrift seiner Autobiografie zugrunde. "Schreiben heißt von Wort zu Wort weitergehen, und eine Krankheit zu durchleben bedeutet, die winzigen Schritte zu durchlaufen, die einen Zustand von einem anderen trennen."
Der Leser sieht gleichsam die Lebenszeit des Autors ablaufen. In dieser bedrückenden Intimität mit seinen Lesern schildert Said seine Kindheit und Jugend in Kairo, Jerusalem, dem Libanon und später an Eliteschulen in den USA. Er nützt sie, um der Leserschaft eine Lebensbeichte anzuvertrauen, die frei von Todsünden, spektakulären Begegnungen, Einblicken in den Wissenschaftsbetrieb oder amüsanten Abenteuern ist.
Said verbrachte eine langweilige Kindheit in einer reichen Umgebung. Die historischen Ereignisse wie die Staatsgründung Israels, das Elend der palästinensischen Flüchtlinge in Ägypten und im Libanon oder die Machtübernahme von Oberst Nasser hat Said wie durch ein Milchglas hindurch mitbekommen, währenddessen er mit seiner mangelhaften Körperhaltung und Konflikten mit Lehrern beschäftigt war. Diese reichlich selbstmitleidige Intellektuellenbeichte trug Said, der als sprachmächtiger Vertreter der Interessen der Palästinenser in der Öffentlichkeit auftritt, denn auch reichlich hämische Kritiken - etwa in der New York Times Book Review - ein. Die Erniedrigungen, die er an der englischen Schule in Kairo erfährt, und die er als typisch "koloniale" bezeichnet, seien nicht größer und kleiner als jene, die jeder Zögling in einer britischen Privatschule erfahren hat.
Said stilisiert seine Gefühle von Nicht-Zugehörigkeit tatsächlich über Maß: Zwar passt er mit seinem US-amerikanischen Pass nicht in die ägyptische Umgebung. Erst dieser jedoch und das Vermögen seines Vaters ermöglichen ihm seine akademische Laufbahn in den USA. Und auch seine christliche Erziehung verhindert zwar eine Identifikation mit einer kollektiven arabischen Identität, verbindet ihn aber wiederum mit einem - weitaus normaleren - westlichen Werdegang. Die Höhepunkte seiner literarischen und musikalischen Sozialisation sind Furtwängler, Shakespeare und Mozart, und die intimen "Großereignisse" entsprechen jenen einer verklemmten Kindheit in den europäischen Fünfzigerjahren.
Saids Konfessionen reichen an die Meisterwerke unter den Intellektuellenbiografien des 20. Jahrhunderts nicht heran. Er experimentiert nicht wie Michel Serres, die ironischen Brechungen eines Robbes Grillet sind ihm fremd, er hat nicht so viel zu erzählen wie Althusser, gibt seiner Existenz keine Abgründe wie Camus, kurzum, seine Erinnerungen sind, literarisch gesehen, eher eine Blöße. Das Hervorstechende an diesem Buch erschließt sich aber vielleicht genau darüber. Said enttäuscht die Erwartungen seiner Leser, die in seiner Kindheit das Orientalische, im Orient das Kindliche und von Said den organischen palästinensischen Intellektuellen erwarten. So wie in der eingangs beschriebenen Kindheitsszene setzt er sich über weiten Strecken seines Buchs dem strengen Blick der Interpreten aus.
Said, der den Orient als westliche Imagination und als konstituierendes Außen für die Identität des Westens beschrieben hat, reproduziert dieses Muster - nicht indem er es zeigt, sondern indem er es als strukturelles Gegenüber seines Textes offen lässt. Vielleicht liegt darin das Dilemma des von ihm analysierten Anderen verborgen: Anders und damit schuldig zu sein, obwohl man weder "das eine" noch "das andere" getan hat. In diesem Sinne ist Said "schuldig", keine brillante palästinensische Autobiografie geschrieben zu haben. Sein Buch ist auch deshalb lesenwert, weil er sich - angesichts des radikal Anderen - dieser Erwartungshaltung entzogen hat.

Matthias Dusini in FALTER 42/2000 vom 20.10.2000 (S. 31)


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