Die geheimen Aufzeichnungen Marinas

von Sabine Scholl

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Berlin
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 42/2000

Sabine Scholl hat einen postkolonialen Science-Fiction-Roman geschrieben, in dem die Latinos die Bevölkerungsmehrheit Amerikas stellen und die Männer ziemlich alt aussehen.
Am 31.1.1827 prägt Goethe in einem Gespräch mit seinem treuen Eckermann den Begriff Weltliteratur: "Nationalliteratur will jetzt nicht viel besagen, die Epoche der Weltliteratur ist an der Zeit, und jeder muss jetzt dazu wirken, diese Epoche zu beschleunigen." Die Neugeburt der - deutschen - Literatur aus einem universalen Geist könne nur gelingen, wenn "die Nationen die Verhältnisse aller gegen alle kennen lernen".
Der Weg von Weimar nach Chicago bzw. zu Sabine Scholl ist weit. Er führt von einem aufklärerisch humanistischen Literaturverständnis zur literarischen Bewältigung eines globalen Kriegs der Kulturen. Er führt vom Weimarer Dichterfürsten Goethe, der am Beginn nicht nur der industriellen Revolution, sondern auch einer Revolution der Kommunikationsmittel stand, zur polyglotten Schriftstellerin Sabine Scholl, deren literarischer Ort das Internet ist. Sabine Scholl schreibt Weltliteratur in einem neuen Sinn, der mit Goethes positivem Begriff einer Völkerverständigungsliteratur zi tun hat, zugleich aber auch meilenweit davon entfernt ist.
"Die geheimen Aufzeichnungen Marinas" haben nicht weniger zum Gegenstand als eine kommende neue Weltordnung, in der sich das Selbstverständnis von Nationalstaaten mit einer festgefügten kulturellen Identität und mit festgefügten rassischen und sozialen Identitäten aufgrund der Migrationsströme radikal wandeln wird. Denn der Zeitpunkt ist absehbar, und das ist eine der Grundannahmen dieses Buches, da etwa in den Großstädten Amerikas die Zahl der Spanisch sprechenden Bevölkerung diejenige der englischsprachigen übertroffen haben wird. In der Romanfiktion hat dies einen weitreichenden symbolischen Akt zur Folge:
"Wie in anderen großen Städten auch, war die weiße Macht nun gebrochen. Die Behörden mussten reagieren und riefen die Änderung des Stadtnamens aus. Um auf die Zukunft, das Morgen, die Hoffnung hinzuweisen, setzten sie Manana statt Ago."
"Chikmanana" heißt die Stadt nun etwas holprig. Sabine Scholl hat so etwas wie einen postkolonialen Science-Fiction-Roman geschrieben, der zwischen heute und irgendwann nach 2020 spielt und sich in seine auf die Vergangenheit bezogenen Personen zur gewaltsamen Eroberung und Ausbeutung Südamerikas hin öffnet: Ein Erzählstrang des Buches ist die Geschichte von Hernan Cortes, des spanischen Konquistadoren, der im 16. Jahrhundert das Aztekenreich zerstörte und unterwarf; ein anderer hat die Zerstörung des Regenwaldes und den Kampf dagegen als Hintergrund (Sting wird zu "Strong", "Global 2000" mutiert zu "Globo 2002"). Und noch ein Moment kommt bei Scholl hinzu: die Entstehung unseres Bildes vom Fremden, wie es die Abenteurer und Ethnologen in der ersten Jahrhunderthälfte entwarfen, als die ersten ethnologischen Filme entstanden und sich die Völkerkundemuseen der so genannten zivilisierten Welt mit Beutestücken aus den Kolonialgebieten füllten.
Der soziale Wandel ist auch eine Herausforderung für die christliche Religion. Und das ist die zweite Grundannahme des Buches: Will sie den Kampf um die spirituelle Vorherrschaft - und damit ihre Macht - nicht verlieren, dann muss die weiße Religion farbig werden, dann müssen die Ikonen der Missionen und Kirchen die Aura der Dritten Welt ausstrahlen, dann muss deren Magie sich transformieren in eine neue Spiritualität.
Marina, die man weniger als Titel- oder Hauptfigur bezeichnen muss denn als Spielfigur der Autorin, wird im Auftrag einer in Chicago ansässigen Mission in die Indianergebiete Südamerikas geschickt, von wo sie berichten soll, wo sie Fotos und Filme anfertigt über die Ausbeutung des Regenwaldes, über Lebensformen in den Slums, über Rituale und Kulte. Marina verschwindet für 25 Jahre und wird von der Mission während ihrer Abwesenheit zu einer Heiligen stilisiert, zu einer Art Jungfrau Maria der Tropen. Als sie zurückkehrt, wird ihr Bild verehrt wie das einer Göttin. Der Roman ist auch ein Buch über die Unterdrückung und die Stärke der Frauen. Die Männer altern schnell, sind unsicher, wie Angehörige einer aussterbenden Rasse erscheinen sie nochmals im Augenblick ihres Verschwindens.
Sabine Scholl ist studierte Germanistin und eine gelehrte Autorin. Ihre Welt ist der vernetzte Schreibtisch, ihre Arbeit die einer Navigatorin durchs Internet, einer Kompilatorin und Monteurin von Geschichten und Dokumenten. Die Erzählerin, so will es die Romankonstruktion, findet die Geschichte Marinas in Fragmenten im Internet und macht daraus ein Buch. Und sie legt ihre Absichten offen: Marina ist eine "Person zwischen Sprachen und Kulturen. Ich kann mich darin sehen. Marina verstehen, hieße so auch dahinter zu kommen, wie es um mein Schreiben steht. Was ich damit will." In einem Literaturverzeichnis am Ende listet die Autorin ihre Quellen auf: Es ist eine offene Poetik, die sich vom Material und vom Archiv herschreibt, die Literatur als Konstrukt versteht und Begriffe wie Geschichte, Topographie, Identität als durchlässig. Formal bedeutet dies einen ständigen Wechsel verschiedener Perspektiven, die als Tagebuch, Reisejournal, Tonbandtranskription und als Reflexion des eigenen Verfahrens im Text montiert werden.
Eine der Stimmen im Roman gehört Eugenio, auch er ein Konstrukt: Maler und Tänzer, zwischen den Galerien der ersten und den Slums der Dritten Welt, aus der er stammt, hin und her pendelnd, im Drogenrausch delirierend. Seine Aufzeichnungen sind das poetische Manifest des Romans, sie gehören zu den stärksten Passagen:
"Wir haben dieses verfluchte Erbe, wir haben Durchfall von Amerika, wir essen das alte Europa auf (...) Wir wollen eine Republik von Papageien, Sambaschulen, Antihelden. Wir wollen Mischlinge sein (...) Wir wollen tropikal total sein, ohne Schranken."
Im ersten Reflex ist man geneigt zu meinen, das alles wäre die spekulative Mischung modischer Themen: Internet, Feminismus, Postkolonialismus, Ethnologie und Medien. Der Roman hat Schwächen, die in stilistischen Unzulänglichkeiten liegen, die man andererseits aber wieder auf das Konto der verschiedenen Sprecher buchen könnte; auch leidet der Rhythmus vor allem gegen Ende unter dem Ausufern der Sprechflächen. Und manchmal gerät die Konstruktion eine Spur zu plump, etwa, wenn ein alter Liebhaber Marinas namens Rafa eine geradezu idealtypische Multikulti-Mischung aus griechischen, portugiesisch-jüdischen, französischen, afrikanischen und indianischen Elementen verkörpert.
Bei genauer Lektüre jedoch entpuppt sich dieser Roman tatsächlich als eine der interessantesten Neuerscheinungen dieses Herbstes: als Weltliteratur, vielleicht doch wieder auch im Sinne des weitsichtigen Geheimrats Goethe. Denn Sabine Scholl hat zwar einen so genannten postmodernen Roman geschrieben, um die condition postmoderne zugleich aber auch zu kritisieren. Ihr Text ist zwar ein Spiel und das Material bloß der Rohstoff dieses Spiels, aber das Spiel ist auch blutiger Ernst. Überdeutlich wird, was gegenseitiges Verstehen der Kulturen unter den Bedingungen eines herrschenden Kriegszustandes bedeutet. "Die geheimen Aufzeichnungen Marinas" zwingen ihren Lesern ein Nachdenken über die Zukunft des Schreibens und die Identität von Staaten und Individuen geradezu auf.

Bernhard Fetz in FALTER 42/2000 vom 20.10.2000 (S. 15)


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