Life Counts
Eine globale Bilanz des Lebens; zahlr. Abb.

von Michael Gleich, Dirk Maxeiner, Michael Miersch, Fabian Nicolay

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Berlin
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 12/2000

Artenschutz ist nicht mehr die Aufgabe eines moralisch argumentierenden Gutmenschentums, sondern er muss sich rechnen, sagen die Autoren von "Life Counts".
Die Ausrottung von Arten ist kein Phänomen des 20. Jahrhunderts - wohl aber das Engagement von Umweltschützern, ihm entgegenzusteuern. Hierzu bedienen sie sich einer langen Tradition des Sammelns von Daten über die Natur. "Zählen und Erforschen" heißt daher das erste und längste Kapitel von "Life Counts", das von der "Historia Naturalis" des Römers Plinius bis hin zur minutiösen Naturerforschung des Carl von Linne im 18. Jahrhundert reicht, auf den noch unsere heutige Klassifizierung der Lebewesen zurückgeht.
Beschrieben heißt aber noch lange nicht gezählt. Die bestandsmäßige Erfassung der Arten erfordert gefinkelte Methoden. Der Zoodirektor und Fernsehstar Bernhard Grzimek zum Beispiel erfand Ende der Fünfzigerjahre die noch heute praktizierte Zählung von Tierbeständen vom Flugzeug aus. Hoch- und Wahrscheinlichkeitsrechnung haben auch bei der Zählung der 3.172.864.740.000 Bienen auf Erden eine Rolle gespielt, ebenso bei der kürzlichen Verkündung des sechsmilliardsten Menschen. Mitunter sträubt sich aber die Natur gegen ihre Zahlenwerdung, nicht zuletzt deshalb, weil viele unserer Mitlebewesen wandern oder in den Baumkronen von Regenwäldern leben. Neben den 1,75 Millionen bekannten Arten gibt es nach groben "Vermutschätzungen" weitere zehn bis fünfzehn Millionen unbekannte. Das lässt die menschliche Spezies wieder etwas harmloser wirken - doch einige unserer Artgenossen schlafen nicht. So müssen sich Pharmafirmen neuerdings den Vorwurf der "Biopiraterie" gefallen lassen: Pausenlos werden Pflanzen und Tiere aus den Hot spots der Artenvielfalt - zumeist tropischen Entwicklungsländern - abgezogen und im Labor auf geldbringende Eigenschaften hin untersucht. Weniger eifrig sind viele Unternehmen allerdings, wenn es darum geht, die Ursprungsregionen "fair und gerecht an den Gewinnen zu beteiligen", wie es die 1993 in Kraft getretene UN-Konvention zur biologischen Vielfalt fordert. Der US-Senat zum Beispiel hat diese Richtlinien bis heute nicht ratifiziert.
Dass die Bedrohung der Artenvielfalt zum großen Teil durch Verteilungsprobleme entsteht, beschreiben die Autoren eindrücklich. Ihre Antwort auf den vielerorts gescheiterten "bewahrenden" Umweltschutz heißt "Sustainable Use" und soll "Nutzen und Schützen" vereinen. Eine wichtige Rolle dabei spielt die Privatisierung. Natürliche Ressourcen von staatlichem in kommunalen Besitz zu überführen würde etwa eine eigenverantwortliche Wildwirtschaft afrikanischer Dörfer ermöglichen. Ob sie die Tiere essen oder verkaufen wollen oder sich vom Öko-Tourismus mehr versprechen, können sie nun selbst entscheiden. In jedem Fall aber besteht nun ein lokales langfristiges Interesse am Erhalt der Bestände.
"Der Artenschutz muss konkret Kasse machen", predigen die Umweltökonomen weltweit. Die "Inwertsetzung der Natur" für den Artenschutz geschieht aber auch im Norden: US-Forscher schätzten den Wert der Bestäubungsarbeit von Honigbienen auf 6,7 Milliarden Dollar, was sich für die Verbraucher in niedrigeren Lebensmittelpreisen niederschlägt. Seither fühlt man sich stärker bemüßigt, über Gesundheit und Anzahl der ertragssteigernden Geschöpfe zu wachen.
Wer nach der Lektüre deprimiert darüber ist, dass selbst Umweltschutz heutzutage nur funktioniert, wenn er Geld bringt, der kann sich zumindest an den klugen Collagen aus Bildstatistiken, Textblöcken und den wissenschaftlichen Zeichnungen von Gunhild Eder erfreuen. So setzt der Band schon beim Schmökern eine solche Fülle von gut aufbereiteter Information frei, dass es ein Vergnügen ist. Und noch ein Kaufargument: Das vom Pharmariesen Aventis getragene Life-Counts- Projekt hat eine "Buy one, give one"-Aktion eingerichtet, nach der für jedes im Norden gekaufte Exemplar des Buches eines in einem Land mit hoher Biodiversität verteilt wird.

Tina Thiel in FALTER 12/2000 vom 24.03.2000 (S. 25)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb