Mann und Frau

von Zeruya Shalev, Mirjam Pressler

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Berlin
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 12/2001

Zeruya Shalev hat einen großartigen Roman über das abgedroschenste Thema der Welt geschrieben.

Archaischer, lapidarer oder, wenn man will, banaler könnte der Titel eines Romans kaum sein: "Mann und Frau", das ist kein wirklich neues Thema, auch nicht für Zeruya Shalev, deren erster auf deutsch erschienener Roman "Liebesleben" davon erzählte, wie eine sexuelle Verwirrung das Leben einer Frau aus den Angeln hebt. Auch in ihrem neuen Buch geht es um die Geschichte einer Ehe, und auch hier findet Shalev für die ewig gleichen zwischenmenschlichen Verwicklungen eine elegante Lösung. Wohlgemerkt, in ästhetischer, nicht in faktischer Hinsicht. Denn die Probleme im Roman werden nicht gelöst, sie werden zwar aufgeschnürt, entwickelt; aber dann verwirrt, verknäuelt sich alles von neuem, weil irgendwer (die Erzählerin?) am falschen Faden gezogen hat.

Der Roman beginnt dort, wo das Leben als Mann und Frau gleichsam seine natürliche Grundlage hat: im Bett. Aber es findet kein biblischer Erkenntnisakt statt, es herrscht morgendlicher Grant. Von Anfang an ist nichts, wie es sein soll, obwohl zunächst alles zu sein scheint wie immer: Udi, der Mann, ist am Vorabend von einer Tour aus der Wüste heimgekehrt und hat keine besondere Lust, sich Frau und Tochter zu widmen. Mitten in die gereizte Konversation platzt das Unerhörte: Er kann seine Beine nicht mehr bewegen. Na'ama, die Icherzählerin, vermeint den Moment zu erkennen, "wo das Leben in zwei Teile bricht", und empfindet zugleich eine verbotene Freude, weil endlich etwas passiert. Im Spital können die Ärzte nichts finden und vermuten eine psychische Ursache der Lähmung.

Die beiden flüchten nach Hause und finden nach einer trügerischen Besserung zu einer letzten, magischen Liebesnacht zusammen: "In einem Moment ist er unter mir, im nächsten über mir, ein hungriger Junge, der sich über seine Lieblingssüßigkeit hermacht, ich drehe mich in glücklicher Schwäche, in dieser Nacht verstehe ich alles (...), dass es unmöglich ist, zu wählen, und daher auch unmöglich, sich zu befreien, das ist es, was uns verbindet und uns zu Mann und Frau macht." Aber schon am nächsten Morgen meldet sich die Krankheit nachdrücklich zurück, und die Krise nimmt ihren Lauf.

Aus ihrem geräumigen Erzählrucksack kramt Zeruya Shalev nach und nach die Vorgeschichten und die Schuldzuschreibungen dieser Beziehung, die ein gebieterisches Versprechen war und zugleich ein Gefängnis, denn die beiden kennen sich seit ihrer Schulzeit. Stück für Stück verbucht der Roman die Einzahlungen in die "wechselseitige Lebensverbitterungsanstalt", wie die Ehe bei Nestroy heißt. Na'ama hat sich jahrelang nicht entschließen können, ihren Mann zu verlassen, der seine Liebe zur Waffe machte, ihr vorwarf, sich als Sozialarbeiterin an schwangere Mädchen zu verschwenden, und seinerseits als Reiseleiter immer wieder vor der Familie floh. Nun haben ihm seine Beine, sein Kapital, den Dienst aufgekündigt und ihn gezwungen, sich zu Hause zu stellen. Im zehnten der zwanzig Kapitel beginnt die folgenreiche "Heilung" mit dem Auftritt der Inderin Sohara, die den völlig Zerrütteten die Krankheit als Chance predigt - und der Erzählerin Gelassenheit.

Das klingt verdächtig: Sich selbst verleugnende Frau findet zu sich und zu östlicher Lebensweisheit. Aber Zeruya Shalev hat kein Handbuch der Eheberatung geschrieben, sondern einen atemberaubend komplexen Roman. Kaum glaubt man, etwas begriffen zu haben, der endgültigen Erklärung nahe zu sein, schlägt die Erzählerin einen Haken, konfrontiert ihre Innensicht mit den Stimmen von außen und beleuchtet die Lage von einem ganz anderen Standpunkt aus ebenso plausibel: "Das Verständnis ist wie ein Eichhörnchen, da huscht es auf einen zu, und schon ist es verschwunden."

Shalev lässt Stimmungen aus dem Nichts aufblühen und wild wuchern, sie erlaubt dem Erzähl-Ich abwegige, mitunter komische Fantasien, sie schwelgt in einer betörenden Sinnlichkeit, bei der es stets um das Geheimnis der Empfindung geht und nicht um die Rekonstruktion der Leibesübung. Kurzum: Die Autorin glaubt an die Wahrheit des Moments, nicht mehr und nicht weniger, und deshalb erzählt sie die ganze Geschichte auch im Präsens. Shalev kultiviert den ellenlangen Satz, doch ohne jede Verschachtelung, sie fädelt in ihm das Durcheinander der Existenz auf, Gedanken und Assoziationen, Dialoge, aufregende, bizarre Bilder, die anderswo irritieren würden ("er bestieg mich wie einen Pflaumenbaum"), alles geht auf in einem mahlenden, schmerzlichen, schönen Blues.

Weil Zeruya Shalev aufs Ganze geht, schreckt sie auch nicht vor Feierlichkeit zurück, vor biblischem Pathos, offenbart sich doch das Alte Testament als Subtext zu diesem Psychogramm. Ein Wort aus dem "Buch der Könige" ist es, das Udi in der Wüste einfällt: "Du sollst kein Brot essen und kein Wasser trinken und nicht den Weg zurückgehen, den du gekommen bist." Am Ende weiß Na'ama mehr über ihr Leben als am Anfang, zum Beispiel: "Es gibt nichts Schwereres als einen leeren Sack." Und sie weiß etwas, was nur gute Schriftsteller wissen: "Die abgedroschensten Dinge sind im Allgemeinen auch die logischsten." Aber ist damit etwas gewonnen? Für den Leser, nicht weniger als für die Leserin, sehr viel. Um das Abgedroschene zu sagen: Dieses Buch ist schlicht ergreifend und buchstäblich erschütternd. Es kann Ihr Gleichgewicht gefährden.

Daniela Strigl in FALTER 12/2001 vom 23.03.2001 (S. 12)


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