Harmonia Cælestis

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Verlag: Berlin Verlag
Genre: Belletristik
Erscheinungsdatum: 03.09.2001

Rezension aus FALTER 29/2016

Der heitere Melancholiker

Der Ungar Péter Esterházy war einer der bedeutendsten Vertreter der literarischen Postmoderne

Er entstammte einem alten ungarischen Adelsgeschlecht, das in Gestalt eines Barockschlosses (sowie einer Crèmetorte) auch hierzulande seine Spuren hinterlassen hat. Sein Großvater war noch Großgrundbesitzer und für kurze Zeit sogar ungarischer Ministerpräsident. 1948 wurden die Esterházys enteignet und in ein abgelegenes Dorf deportiert. Hier verbrachte der 1950 geborene Péter Esterházy seine ersten Lebensjahre, erst 1957 durfte die Familie zurück nach Budapest.
Der Niedergang des Geschlechts begann bereits mit der Revolution 1919. „Eure Exzellenz, ich würde es so sagen, bitte schön, die Kommunisten sind hier“, formuliert es der Diener in Esterházys über 900 Seiten starkem Familienroman „Harmonia Caelestis“ (2000; dt. 2001), einem seiner Hauptwerke. Just als er die Arbeit an dem Buch abgeschlossen hatte, erfuhr der Autor, dass sein Vater von den Kommunisten nicht nur unterdrückt worden war, sondern ihnen jahrelang als Spion gedient hatte. Er verfasste umgehend die zwischen Wut und Scham pendelnde Nachschrift „Verbesserte Ausgabe“ (2002; dt. 2003).

Im Gegensatz zu anderen adeligen Familien blieben die Esterházys in Ungarn. „Harmonia Caelestis“ schildert, wie sie auf den Verlust an Reichtum und Einfluss reagierten – mit einer Mischung aus Weltfremdheit, Arroganz und Humor. Dem Autor selbst, dem als Erbe allein die Familiengeschichte blieb, war eine heitere Melancholie zu eigen. In anekdotenhaften Splittern geht sein Buch zurück bis ins 17. Jahrhundert, „Nummerierte Sätze aus dem Leben der Familie Esterházy“ ist der erste große Teil der Chronik überschrieben. Die wechselnden Hauptfiguren werden vom Erzähler allesamt „mein Vater“ genannt, mal tritt dieser als Heerführer in Erscheinung, dann als Revolutionär, dann wieder als Koch.
Péter Esterházy, ein Mann von enzyklopädischem Wissen, liebte das Erzählen und verstand sich auf schwelgerische Schilderungen. Aber der studierte Mathematiker, der in den 1970ern einige Jahre in der EDV arbeitete, glaubte nicht daran, dass sich die Welt noch durch einfaches Erzählen abbilden ließe, und weigerte sich standhaft, sich möglichst verständlich und kurz auszudrücken, wie es heute im Literaturbetrieb wieder Usus ist.
In seinen Werken gibt es keine Chronologie und auch keine klar nachvollziehbare Handlung. Sie widersetzen sich konventionellen Ordnungssystemen, im Grunde kreisen seine Bücher um sich selbst, ohne Anfang und Ende. Esterházy war ein Meister darin, Ansätze von Geschichten gleich wieder zu unterbrechen, mittels Selbstreflexionen oder literaturtheoretischer Exkurse. Damit gehörte er zur literarischen Postmoderne, die Literatur – sowohl das Schreiben als auch das Lesen – als ein Spiel der Verweise und Zitate versteht.

Als besonders kunstvolles Beispiel dafür steht ein weiteres Hauptwerk, seine „Einführung in die schöne Literatur“ (1986; dt. 2006). Die textliche und visuelle Collage von monumentalem Ausmaß, eine Art Hypertext, gilt als Wendepunkt in der ungarischen Literatur, denn sie knüpfte da an, wo die Diktatur die Entwicklung der literarischen Moderne gestoppt hatte. In „Ein Produktionsroman (Zwei Produktionsromane)“ (1979; dt. 2010) wiederum persiflierte Esterházy virtuos die Literatur des sozialistischen Realismus mit ihrer Fixierung auf die Arbeitswelt.
Er fand in seiner Heimat durchaus auch Vorbilder. Mit dem Roman „Esti“ (2010; dt. 2013) erwies er seinem Landsmann Dezsö Kosztolányi (1885–1936) die Reverenz, dessen Romanfigur Kornél Esti als erster moderner Held der ungarischen Literatur gilt. Esti war aber auch der Spitzname, den Péter Esterházy von seinen Studienkollegen verpasst bekam. In seinem Roman behauptete er: „Kornél Esti – c’est moi.“ Und strich munter durch die Welt, Epochen, Stilebenen sowie die Plots anderer Romane.
Bei allem Hang zur Intertextualität und zur kunstvollen Anspielung unterschied sich seine Prosa entscheidend von jener anderer postmoderner Autoren, die ähnliche Literaturvorstellungen in eher akademische Prosa zwängten: Esterházy war auch ein erstklassiger Unterhalter. Man folgt seinem Schreiben gern in schwindelerregende Höhen und nimmt in Kauf, manchmal nur die Hälfte von dem mitzubekommen, was in einem Satz steckt. Seinen Texten kann mit detektivischem Spürsinn begegnet werden oder man lässt sich von der Fülle an Ideen und Bildern einfach mitreißen. So oder so macht es einen Riesenspaß, sich bei Esterházy über Niveau zu amüsieren.
Zuletzt hatte Esterházy wieder mit den Verhältnissen in Ungarn zu kämpfen. Ende 2012 kürzte das staatliche Radio einen Beitrag von ihm um genau einen Satz. In dem hatte er den Hörern geraten, noch schnell das Nationaltheater zu besuchen, bevor ein Orbán-loyaler Regisseur Intendant wird. Vergangene Woche verstarb Peter Esterházy mit 66 Jahren in Budapest. Im Mai erschien in Ungarn das „Bauchspeicheldrüsentagebuch“, in dem er über seine Erkrankung schrieb.

Sebastian Fasthuber in FALTER 29/2016 vom 22.07.2016 (S. 29)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Esti (Péter Esterházy, Heike Flemming)
Meine Gespenster (Mihály Vajda, Peter Engelmann, Péter Esterházy, Heike Flemming)
Einführung in die schöne Literatur
Ein Produktionsroman (Zwei Produktionsromane) (Péter Esterházy, Terézia Mora)
Harmonia Cælestis (Péter Esterházy, Terézia Mora)

Rezension aus FALTER 41/2001

Péter Esterházy rekonstruiert in seinem gigantischen Werk "Harmonia Caelestis" seine Familie. Ob er sich dabei an die historischen Fakten hält, ist nicht von Belang.

Man muss sie einfach mögen, die Esterházys: Altadel mit tragischer Verfallsgeschichte, ehedem größte Grundbesitzer, mit Joseph Haydn in freundlichem Mäzenatentum verbandelt, bei den Untertanen (und zwar nicht nur im Burgenland) beliebt, auf der ganzen Welt als kunstsinnig und human geschätzt. Des realpolitischen Einflusses nach dem Ersten Weltkrieg beraubt, vom Kádár-Regime gedemütigt. Eine Familie, der dennoch die Selbstironie und der milde Spott (etwa auf andere europäische Adelshäuser, insbesondere die Habsburger) geblieben ist. So jedenfalls stellt uns der literarische Spross Péter seine Familie in dem gigantischen Opus "Harmonia Caelestis" vor: "schweres Gemorsch, Materie der Immaterialität". Nicht das "Ende eines Familienromans" (wie beim Kollegen Péter Nadas) wird hier dargetan; stattdessen sammelt Péter Esterházy mit großer Umsicht und voller Liebe zum Detail die weit verstreuten Bruchstücke einer Saga ein, angesichts der die Buddenbrooks als bürgerliche Schnösel dastehen.
"Harmonia Caelestis" hat sich in Ungarn seit seinem Erscheinen vor weniger als zwei Jahren 100.000-mal verkauft, war also ein einmaliger literarischer Bestseller. Die deutsche Übersetzung hat die Bachmannpreisträgerin Terézia Mora besorgt. Ein Glücksgriff, durch den das Buch und mit ihr die Familie Esterházy wahrscheinlich noch viel nachhaltiger in der Gegenwart gelandet ist. Ein jugendlich-rotziger Tonfall durchzieht die deutsche Übersetzung, in der unter anderem davon die Rede ist, dass ein Esterházy mit Haflingern "dealte"; dass in den Fünfzigerjahren der halbe Gothaer Almanach als "Neger" im Büro für Übersetzungen und Übersetzungsbeglaubigungen gearbeitet hat oder dass die Mutter zu einem gewissen Zeitpunkt (und unter übrigens genau beschriebenen Rahmenbedingungen) keinen "Bock" mehr auf das Geschlechtsteil des Vaters hatte. Péter Esterházy hat sein Buch in zwei Teile gegliedert. Die ersten 450 Seiten sind als "Nummerierte Sätze aus dem Leben der Familie Esterházy" betitelt. Hier listet der Autor quer durch die Jahrhunderte und unter Subsumierung aller männlichen Vorfahren unter "mein Vater" die skurrilsten, liebenswürdigsten, entlegensten, pointiertesten und für das Selbstverständnis der Familie wichtigsten Anekdoten und Geschichten auf. Es scheint dieser wild durch die Zeiten springende Teil, der sich mitunter historisch überhaupt nicht einordnen lässt, nur auf den ersten Blick fragmentiert und bruchstückhaft. In Wahrheit findet sich hier der Kitt, der die Familie zusammenhält; das Gewäsch, das bis heute wieder und wieder erzählt wird, von "Braunschweiger Sonnenuntergängen" und zahllosen "Techtelmechteln", aber auch von den vielfältigen Arten, in denen stets aufs Neue ein "Vater" und eine "Mutter" zusammenfinden.
Die Familie, die Péter Esterházy solcherart aus Jahrhunderten der Familiengeschichte zusammensetzt, ist für ödipale Konflikte denkbar ungeeignet. Der Vater ist kein Feindbild, über das der Sohn hinauswachsen muss, er ist ein Konstrukt, in das dieser erst einmal hineinzufinden hat; ein Gedankenexperiment wie Schrödingers Katze, die Péter Esterházy einmal tatsächlich mit dem eigenen Vater vergleicht: Erst der Augenblick, in dem man den Deckel zu jenem Gefäß öffnet, in dem sich der Vater befindet, definiert, ob dieser nun tot ist oder lebt. Wahrscheinlich ist die ganze "Harmonia Caelestis" eher physikalisch als psychologisch zu verstehen: "Zur großen Betrübnis meiner Mutter, aber was kann man machen, hat mein Vater eine doppelte Natur, mal benimmt er sich als Teilchen, mal als Welle."

Teil zwei des Buches, weitere 500 Seiten stark und – recht hintergründig – "Bekenntnisse einer Familie Esterházy" betitelt, erzählt in eher chronologisch gehaltener Ordnung die Familiengeschichte vor allem im 20. Jahrhundert. Beginnend mit dem Großvater, der 1917 für wenige Monate ungarischer Ministerpräsident war, über den Vater, der 1919 während der ungarischen Räterepublik unter Bela Kun geboren wurde, bis hin zur "Aussiedlung" der Familie im Jahre 1951, also der Verbannung der Esterházys in ein entlegenes ungarisches Dorf, in dem die Familie unter demütigenden Umständen zu leben hatte; Péter war zu diesem Zeitpunkt gerade ein Jahr alt. "Harmonia Caelestis" schildert das tägliche Leben der Fürstlichen; den Respekt, den die einfachen Leute nach wie vor empfinden, ebenso wie die offene Aggressivität mancher kommunistischer Parteigänger: Die Esterházys mussten sich bei der Ausgabe des rationierten Brotes ganz hinten anstellen und Nachkommende stets vorlassen und gingen oft leer aus. Unter solchen Bedingungen erscheint auch der Vater als ein anderer: "Für 50 Fillèr aß mein Vater die Fliege, für einen Forint durfte man den Kadaver auf seiner Zunge fotografieren, für fünf Forint und einen Apfel (Starking) biss er eine Maus in zwei Teile. Er arbeitete nie mit mitgebrachten Mäusen, er fing sie selber."
Ob die wunderbaren Mäuse, die uns Péter Esterházy in seinem Buch eine nach der anderen serviert, ohne dass uns je langweilig würde, immer echt sind, darf bezweifelt werden. Auch, was die Authentizität seiner Aufzeichnungen betrifft, erweist sich der Autor als Nachfahre des Fürsten Paul Esterházy (1635-1713), dessen gleichnamige Liedersammlung "Harmonia Caelestis" (1711) 55 Gesänge enthält, in denen nicht nur eigene, sondern auch sehr viele fremde Melodien verarbeitet wurden. Auch in Péter Esterházys Opus magnum wurden neben vielen originalen Dokumenten und Quellen (Inventare und Urkunden, aber auch ein sogenanntes "Babytagebuch" von 1950) – zum Teil wortwörtlich – Texte anderer Autoren aufgenommen, deren Spektrum von Endre Ady über Danilo Kis und Johannes Urzidil bis Hans Wollschläger reicht.
Das postmoderne Textarrangement, das man schon aus früheren Büchern des Autors kennt (darunter "Kleine ungarische Pornographie" und "Die Hilfsverben des Herzens"), wird hier zur Perfektion getrieben und gewinnt eine Überzeugungskraft, die die Frage, ob es denn tatsächlich so oder auch nur so ähnlich gewesen sei, bedeutungslos macht. "Harmonia Caelestis" quillt über vor historischen Wahrheiten, es kommt aber auf solche Wahrheiten bezeichnenderweise nicht an, weil es nicht so sehr um die Erinnerung und Rekonstruktion von Vergangenheit, sondern darum geht, was sich mit einer solchen Familie und einer solchen Vergangenheit heute gewin-nen lässt. Zum Beispiel Péter Esterházys bestes Buch: eine Literatur des legitimen Erben, der man sich ebensowenig entziehen kann wie dem Charme der hinreißend-liebenswürdigen Familie Esterházy.

Klaus Kastberger in FALTER 41/2001 vom 12.10.2001 (S. 13)


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