Auf der Suche nach einem verlöschenden Stern

von Gustaf Sobin, Peter Knecht

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Verlag: Berlin
Erscheinungsdatum: 01.01.2003


Rezension aus FALTER 12/2003

Ein Biograf ist immer auch Detektiv in fremden Leben. Natürlich ist die Versuchung groß, sich auf bisher wohl gehütete Geheimnisse zu stürzen. Von ihnen erhofft sich der Porträtierende womöglich einen Schlüssel zur gesamten Person: Wer das Verborgene kennt, versteht auch das Sichtbare. So neugierig alle von uns auf ein Bild hinter dem Bild, auf Tratsch und Klatsch sind, so sehr schreckt man davor auch wieder zurück: Ist nicht gerade der Mythos, die unentwirrbare Mischung aus Authentischem und Artifiziellem, das, was das Faszinosum ausmacht? Wer will schon wissen, wie Stars privat sind - wahrscheinlich eh so banal wie man selbst. "Ich gehe nicht aus dem Haus, bevor ich nicht aussehe wie Joan Crawford, der Filmstar. Wenn Sie das Mädchen von nebenan sehen wollen, gehen sie nach nebenan", hat schon Joan Crawford spitz angemerkt.

Der amerikanische, in der Provence lebende Lyriker und Romancier Gustaf Sobin schickt in seinem recht kompakten Roman "Auf der Suche nach einem verlöschenden Stern" einen sterbenskranken kalifornischen Drehbuchautor (Diagnose: Krebs, die Ärzte geben ihm noch drei Monate) auf die Suche nach einem ungeklärten Kapitel im Leben der schwedischen Filmdiva Greta Garbo. Was für Marlene Dietrich Josef von Sternheim war, soll für die Garbo ein gewisser Mauritz Stiller gewesen sein: ihr Entdecker und zugleich der perfektionsbesessene Erschaffer der Kunstfigur Greta Garbo. Im Winter 1924 reist sie mit ihm nach Konstantinopel, um dort einen Film zu drehen, der nie fertig wird, weil die Filmfirma Bankrott geht. Sämtliches Filmmaterial ist verschwunden. Der Drehbuchautor aber hat ein fixe Idee: In jenen Tagen hat die entscheidende Episode im Leben der Garbo stattgefunden, die "Geburt eines Stars". Darum soll es in seinem Film gehen: wie aus dem scheuen Wesen, das stets bemüht war, sein Privatleben zu schützen, eine durch und durch öffentliche Person wird.

Mit Morphium voll gepumpt bereist der Protagonist Originalschauplätze, sucht Augenzeugen von damals und reflektiert über das Phänomen des Idealbildes, nicht ohne an seine gescheiterte Ehe erinnert zu werden und daran, wie sehr das Bild seiner Jugendliebe (seine Halbschwester!) alle anderen Beziehungen überschattet hat. Auf der Suche nach dem "magischen Moment" der Garbo wird immer deutlicher, dass sein eigenes Leben nicht besonders "real" ist: "Es ist wahr: wenn ich ein eigenes Leben gehabt hätte, dann stünde ich wohl nicht hier. Dann hätte ich vielleicht Trost bei den Lebenden gefunden. Letztlich in mir selbst."

Dafür, dass das Buch im Countdown gegen den Krebs geschrieben wird und von einer Obsession zu erzählen versucht, liest es sich erstaunlich vernünftig - sieht man von einigen stilistischen Ausrutschern ab ("Nur diese in der materiellen Welt längst untergegangenen Gestalten, die tief im Mutterboden der Herzen wurzeln, bleiben immer erhalten und bewahren in sich alles das, was wir uns einst mit so brennendem Verlangen gewünscht hatten"). Obwohl es nicht einmal 150 Seiten umfasst, wiederholen sich einige Gedanken, und jene Szenen, in denen der Film konzipiert wird, lesen sich so kitschig, dass man das fertige Produkt auf keinen Fall auf der Leinwand sehen möchte. Der detektivische Aspekt - also die Suche nach dem Moment, in dem ein Star beschließt, ein Star zu werden - ist nicht unspannend, und die bizarre Beziehung zwischen Stiller und seinem Star hat in ihrer schwülstigen und künstlichen Atmosphäre etwas von der Qualität eines Films, den Josef von Sternheim gedreht haben könnte. Sobins Theorie darüber, wie aus Greta Garbo die "Göttliche" wurde, soll natürlich nicht verraten werden - obwohl sie letztendlich wenig überrascht.Wer hätte das gedacht, dass aus dem schmächtigen Schulkameraden aus Stuttgart, den damals jeder nur "Blechle" nannte, ein Topfilmproduzent in Rom werden würde? Zwei Bekannte aus der Schulzeit - Freunde hatte Blechle keine - treffen sich zufällig im nächtlichen Rom. Wenig später wird Blechle, der mit richtigem Namen Montgomery Cassini-Stahl heißt, tot aufgefunden. Mitten am Tag, in einer Touristentraube, ist er zusammengebrochen. Und sein Bekannter wird zum Chronisten, der nicht ungern in das Leben des Verstorbenen eintaucht. Er hat zwar eine These - als Junge soll Monty seinen Bruder getötet haben -, aber im Folgenden verschwindet der Erzähler als Person ganz, und vor dem Leser erstehen die letzten Tage Montys, der gerade an einem Herzensprojekt arbeitet - dem Remake des von den Nazis zur üblen antisemitischen Propaganda umgedeuteten Romans "Jud Süß", den Lion Feuchtwanger 1916/17 zunächst als Schauspiel entworfen hatte.

Monty möchte die historische Figur des Josef Süß Oppenheimer, eines Finanzmannes des 18. Jahrhunderts, mit einem großen Film ehren. Leider ist sein Leben gerade ziemlich außer Kontrolle, nicht nur durch eine neue Liebe, sondern auch, weil ihn der "Trübsinn seiner Jugend" erneut überkommt.

Nach ihrem Erstling "Pong", für den sie 1998 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet wurde, und dem Kinderbuch "Der höfliche Harald" ist "Montgomery" das dritte Buch der in Berlin lebenden Sibylle Lewitscharoff. "Pong" war die Geschichte einer Kunstfigur, die in ihrer ziemlich neurotisch geordneten Welt die runde Mitte bildete. Außenweltkontakte wurden tunlichst vermieden (besonders zu Frauen!).

Die Figur des Montgomery steht erfolgreich mitten im Leben und ist realitätsnäher als der verrückte Pong, obwohl sie diesem im Grunde genommen nicht unähnlich ist. Der an Schlafmangel und Magenbeschwerden leidende Monty führt ein extrem geregeltes und von Ordnungszwängen durchstrukturiertes Leben - nicht zuletzt, um unangenehmen Jugenderinnerungen aus dem Weg zu gehen, denn die zu Hause eingenommenen Mahlzeiten waren der reine Horror. Der Roman beschreibt gekonnt die recht unterhaltsamen Alltagsabläufe verschiedenster Personen - bis hin zu demjenigen der Haushälterin, die in Monty verliebt und ihm treu ergeben ist, aber trotzdem hin und wieder Geld klaut.

Als sich Monty in eine jüngere Frau verliebt, gerät er in eine Ekstase, die auch sprachlich alle Fesseln sprengt, Monty aber letztendlich in den tödlichen Infarkt treibt. Ein bisschen ist Monty wie Thomas Manns disziplinierter Thomas Buddenbrook, der nach einem literarischen Erweckungserlebnis sein enges Korsett sprengt, bald aber schon einen ziemlich banalen Tod stirbt (Folge einer Zahnbehandlung).

Ein wenig blass bleiben hingegen der Filmstoff und Montys Begeisterung für diesen (er hatte den Roman in seiner Jugend verschlungen). Auch die Erinnerungen an die Großeltern und Eltern - die Stahls waren klassische Wirtschaftsmitläufer des Nationalsozialismus gewesen, die mit Kugellagern Geld gemacht hatten - sind nicht immer überzeugend integriert. Es scheint, als wäre Lewitscharoff ein Fehler unterlaufen, an dem auch viele Drehbücher leiden: Anstatt sich auf einen Film zu konzentrieren, werden mindestens vier angedacht.

Karin Cerny in FALTER 12/2003 vom 21.03.2003 (S. 19)


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