Kein Krieg nirgends
Die Deutschen und der Terror

von Henryk M. Broder

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Berlin
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 12/2002

Der deutsche Soziologe Wolfgang Sofsky entwickelt in seiner neuen Aufsatzsammlung "Zeiten des Schreckens" dichte Analysen der scheußlichsten Phänomene menschlichen Soziallebens.


Der Titel täuscht. "Zeiten des Schreckens" ist keine Schnellreaktion auf den 11. September. Schon seit Jahren untersucht Wolfgang Sofsky gründlich und grundsätzlich Gewalt, ihre Erscheinungsformen und Bedeutungen. Seine Studie "Die Ordnung des Terrors: Das Konzentrationslager" setzte 1993 Maßstäbe für die Fachliteratur. Sofskys "dichte Beschreibungen" (im Sinn des Anthropologen Clifford Geertz) erfassten minutiös das Machtsystem Konzentrationslager und demonstrierten zugleich die Ausdrucksmacht des Mediums Sprache.

Seither schreibt Sofsky, ursprünglich Arbeits- und Organisationssoziologe, über Mord und Totschlag, Vernichtung und Verfolgung, Folter und Terror. "Zeiten des Schreckens" versammelt Veröffentlichungen der letzten Jahre neben neu geschriebenen Essays. Wieder ist es Sofskys Stil, der frappiert. Manche Artikel beginnen wie Reportagen mit einer Schilderung: eine Episode während eines Kriegs, eine Erinnerung, die Beschreibung eines Ortes oder Bildes. In knappen, präzisen Sätzen gewinnt der Autor Typisches, er definiert, erörtert, grenzt ab. Genau wird unterschieden: zwischen Kriegsterror und Verfolgungsterror, zwischen Formen des Kriegs, Arten von Konzentrationslagern.

Doch wozu wirklich diese Typologie der Unmenschlichkeiten, die Systematisierung von Scheußlichkeiten? Die Frage kommt beim Lesen schnell und unwillkürlich. Weiß man nicht schon alles? Eine Antwort hat Sofsky schon vor Jahren in seiner KZ-Studie gegeben: "Allzu geschwind wendet man sich der Frage zu, wie es denn möglich war, ohne zuvor auch nur den Versuch unternommen zu haben, im Einzelnen zu verstehen, was der Fall war." Entsprechend ist "Zeiten des Schreckens" eine unangenehme Lektüre: Dem Ausweichen setzt Sofsky Genauigkeit entgegen: dicht am Material, dicht aber auch am Sinn von Gewalt. Denn auf ihre kulturellen und gesellschaftlichen Bedeutungen zielt der Autor ab und damit auch auf das Erleben der Täter.

Nicht nur die Eindringlichkeit der Beschreibungen wirkt dabei beklemmend, sondern auch die Absage an gängige (Weg-)Erklärungen. Das evolutionäre Erbe – die Wolfsnatur "des" Menschen – reicht ebenso wenig zum Verständnis von Grausamkeit wie ein Modell rationalen Handelns: "Gewalt hält sich mitnichten an den Kalkül der Zweckmäßigkeit, sie ist keinesfalls auf ein Mittel für politische, ökonomische oder ideologische Ziele und Interessen zu reduzieren." Gewalt entspringt weder fanatischen Ideologien noch pathologischer Disposition aufgrund traumatischer Erfahrungen. Sie kann mit gegensätzlichen Haltungen, Stimmungen und Gefühlen verbunden sein.

Gewalt, so Sofsky, ist eben nicht sekundär sie ist ein Phänomen sui generis. Gewaltprozesse erzeugen selbst erst die Motive, die sie begleiten. Im ersten, einleitenden Abschnitt spürt Sofsky dem nach, was "jenseits der Grenze" geschieht, beim Ausüben von Gewalt: "Die Verwandlung betrifft die ganze Person, ihren Geist, ihren Leib. Ihr wirksamstes Hilfsmittel ist die Maske. Obwohl sie nur die Oberfläche des Körpers verdeckt, reicht ihre Macht bis in die Eingeweide. Die Maske ist das Medium der magischen Mutation."


Gewalt ist letztlich nur anthropologisch zu begründen – beim Ausloten dieser Dimension trifft Sofsky auf Canettis Erkenntnis, dass der Schrecken über den Tod die Befriedigung über das eigene Überleben einschließt. Die Euphorie des Tötens = Überlebens kann zwar zur destruktiven Kraft werden. Doch die Sehnsucht nach dem Überleben, nach (ewigem) Fortbestand ist zugleich Triebfeder für kulturelle Hervorbringungen wie Ideologie, Mythen, Institutionen – die Geschwister der Gewalt.

Die Sozialfiguren des Helden und des Märtyrers verkörpern es: Gewalt ist kein Betriebsunfall der Kultur, nicht ihre Negation, sondern eines ihrer konstitutiven Elemente. Die Grenzen der Grausamkeit sind jene der Vorstellungskraft: "Die Gewalt ergibt sich aus der spezifischen Menschlichkeit des Menschen", schreibt Sofsky. "Weil er immer schon außer sich ist, ist er zu jeder Grausamkeit in der Lage. Weil er nicht aus seiner Mitte heraus von Instinkten gelenkt wird , kann er sich schlimmer aufführen als jede Bestie. Der Preis der Freiheit ist das Leiden, das Böse."

Sofskys anthropologisch-philosophische Begründung von Gewalt ist natürlich angreifbar. Man mag auch fragen, wie die Unterschiede zwischen den Gewaltniveaus verschiedener Gesellschaften bzw. Personen zustande kommen und ob Sofsky sozialen, kulturellen und individuellen Umständen nicht doch eine zu geringe Rolle zubilligt. Sie gar so pauschal auszuschließen hätte er zur Rechtfertigung seiner Phänomenologie der Gewalt nicht nötig.Der Ansatz des 1923 geborenen Psychoanalytikers Arno Gruen ist dem von Wolfgang Sofsky genau entgegengesetzt. Ihren Ursprung haben Gewalt und gewalttätiger Extremismus für Gruen nicht in einer unveränderlichen Conditio humana, sondern in traumatischen Lebenserfahrungen und deren pathologischer (Nicht-)Verarbeitung. Das untermauert Gruen mit empirischer Evidenz, verbindet klassisch gewordene Studien wie Henry Dicks Befragung an deutschen Kriegsgefangenen 1950 mit Berichten von gewalttätigen rechtsradikalen Jugendlichen in Deutschland oder Umfragen über das Potenzial autoritärer Einstellungen in der Gesellschaft. Gruen beschreibt die psychischen Mechanismen, die Gewaltbereitschaft hervorbringen: die Umkehrung von Gefühlen, etwa das Selbstmitleid vieler Täter und ihr Gefühl, selbst verfolgt zu sein; ihre innere Leere und das Fehlen gefestigter Identität. Der "Kampf um die Demokratie" ist ein Kampf um ihre menschlichen Grundlagen – in den Worten des englischen Psychoanalytikers Donald Winnicott: Eine demokratische Gesellschaft braucht emotional reife Mitglieder, um zu funktionieren.Sorgen, nämlich um jene deutscher Intellektueller, manifest geworden in ihren Reaktionen auf die Anschläge vom 11. September: "Was in den Wochen danach in Deutschland gesagt und geschrieben wurde, verdient es, festgehalten zu werden als eine Art Krankengeschichte der unheilbar Gesunden. Es waren Passionsspiele der kommentierenden Klasse." Günter Grass und Martin Walser, Eugen Drewermann und Horst Eberhard Richter, Klaus Theweleit und Friedrich Schorlemmer, Antje Vollmer und Alice Schwarzer, Wolfgang Joop, Roger Willemsen und etlichen anderen – ihnen tut Broder das an, womit schon Karl Kraus gedroht hatte: "Mein Herr, wenn Sie nicht schweigen, werde ich Sie zitieren!" Was Broder in "Kein Krieg, nirgends" zusammenträgt, sind in der Tat Glanzlichter an Unwissenheit, Naivität, Absurdität – wenn etwa die damalige Berliner Kultursenatorin Hochhäuser als Symbole für Arroganz bezeichnete. Eine Realsatire mit ernsten Facetten: dass z.B. den Tätern (klammheimlich bis offen) mehr Sympathie entgegengebracht wird als den Opfern, diese dagegen verantwortlich gemacht werden. Schade nur, dass Broder nicht seinerseits auf unnötige gehässige Seitenhiebe verzichtet.

Johann Kneihs in FALTER 12/2002 vom 22.03.2002 (S. 23)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Zeiten des Schreckens (Wolfgang Sofsky)
Der Kampf um die Demokratie (Arno Gruen)

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