Unser Holocaust

von Amir Gutfreund, Markus Lembke

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Berlin
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 41/2003

Amir Gutfreunds großer Roman über KZ-Überlebende in Israel ordnet die Paradigmen der Holocaustliteratur neu und erklärt, dass man das Unfassliche durchaus verstehen kann.

Der Titel ist provokant und programmatisch: "Unser Holocaust" nennt der 1963 geborene israelische Autor Amir Gutfreund einen Roman, in dem er mit großer erzählerischer Verve beschreibt, was er als Heranwachsender über den Holocaust erfahren hat und vor allem: wie er zu diesem Wissen kam. Der Holocaust, den Gutfreund meint, ist nicht der Holocaust der Geschichtsbücher und der Dokumente, und er ist damit auch nicht jener Holocaust, von dem man hierzulande zwar gerne behauptet, ihn in seiner Gesamtheit niemals verstehen zu können, über den man aber mittlerweile doch irgendwie alles zu wissen glaubt.
Gerade in der literarischen Auseinandersetzung mit dem Thema tun sich Abgründe auf. Über die formale Angemessenheit von Holocaustbüchern denkt heute kaum mehr jemand nach. Um so erstaunlicher ist dieser reflektorische Stillstand, als sich gerade in jüngster Zeit literarische Klischees eingeschliffen haben, die nicht nur weit hinter das zurückfallen, was die erste Generation von Schriftstellern und Schriftstellerinnen auf diesem Gebiet geleistet hat, sondern die ihrer naiven Herangehensweise schlichtweg peinlich sind. Auch die Kritik scheint dafür ausgesprochen anfällig: Bereitwillig wird der größte Kitsch hingenommen, sofern es nur um das vermeintlich richtige, nämlich eben dieses Thema geht.
Bei Gutfreund werden jetzt die Paradigmen ausgetauscht. "Unser Holocaust" macht unmissverständlich klar, dass der Holocaust zu verstehen ist, weil die Menschen zu verstehen sind, die ihn noch immer mit sich tragen. Und natürlich ist der Holocaust auch unter den Menschen teilbar, allein schon deshalb, weil ein jeder, der ihn überlebt hat, seinen eigenen Holocaust hat.
An den Figuren, die Gutfreund mit großer Eindringlichkeit beschreibt und die er entwickelt, ohne dass er dazu auf abgegriffene Schablonen zurückgreift, wird dies unmittelbar sichtbar. Es handelt sich um Juden, die den Konzentrationslagern der Nazis entkommen sind und in Israel einer Lebensform anhängen, die vom vergangenen Schrecken grundiert wird. Es ist der Holocaust, der die Leute zusammenhält. Die Verwandtschaftsgrade, mit denen sie ihre Verhältnisse nach außen hin definieren, stimmen nicht mit den genealogischen Fakten überein. Großvater Lolek beispielsweise ist nicht der wirkliche Großvater des Buben, aus dessen Perspektive heraus Gutfreund erzählt. Ebenso verhält es sich mit Großvater Cheinek und all den Onkeln und Tanten, die ihn umgeben und in deren Gesellschaft er aufwächst.
Die vorgeblich engen familiären Beziehungen sind ein Resultat dessen, was Gutfreund das "Verdichtungsgesetz" nennt. Nachdem kaum eine Familie unversehrt und von manch einer Familie nur ein einziger der Tötungsmaschinerie entronnen und in Israel angekommen ist, ergab sich für die vielen Isolierten die Notwendigkeit, sich ihre Verwandtschaft aus dem Umfeld von Überlebenden neu zusammenzustellen. Tanten und Onkeln wurden aus Leuten gemacht, die einfach nur das passende Alter hatten, aus Großonkeln wurden Großväter. Manch ein "Enkel", und so eben auch der Erzähler in Gutfreunds Buch, hatten gleich drei Stück davon: Neben Lolek und Cheinek kommt in "Unser Holocaust" als dritter Großvater ein gewisser Josef zu stehen.
Gutfreund erzählt das Leben dieser drei Männer. Nicht ohne Spott berichtet er vom gigantischen Geiz des einen, vom anderen erfahren wir, dass er in der Freiwilligenarmee des polnischen Generals Anders gedient hat. Vor allem aber beschreibt der Roman, wie die zusammengewürfelte Familie in ihrem Viertel lebt – in einem Teil der Stadt, der fast ausschließlich von Holocaustüberlebenden bevölkert wird.
Die Erfahrungen, die sie in den Konzentrationslagern oder im Ghetto gemacht haben, geben die Alten nur zögerlich an die Jungen weiter. Der Erzähler, der in den entscheidenden Passagen des Buches zwischen 12 und 13 Jahre alt ist, und seine Freundin und Spielkameradin Effi kaufen den Leuten ihre Geschichten manchmal dem Wortsinn nach ab. Sie wollen alles über den Holocaust wissen und tauschen – je nach dem, welches Mittel im Einzelfall besser anschlägt – kleine Geschenke, Gefälligkeiten oder auch pure Schmeicheleien gegen Erzählungen ein. Jede Gelegenheit wird genutzt, um die "verschlossenen Muschelschalen" zu knacken, die nach außen hin ihr gewöhnliches Leben führen.
Der Holocaust sitzt tief im Inneren der Überlebenden und macht sich erst bei den Kindern und Enkelkindern so richtig Luft. Um zu verstehen, wie es gewesen ist, und weil ihnen jemand gesagt hat, dass das Leben im Konzentrationslager vor allem Hunger bedeutete, beschließen sie eines Tages, erst gar nichts und, nachdem sie dann wirklich der leere Magen quält, fortan nur noch faule Apfelgehäuse und Bananenschalen zu essen. Effi wird es bald zu viel, und sie erklärt das Spiel "Buchenwald" kurzerhand für beendet: "Weißt du, ich habe ein bisschen die Nase voll vom Holocaust."

Am Ende seines Buches packt Gutfreund dann doch die harten Geschichten aus. Behutsam hat er sich in seinem mehr als 600-seitigen Text der Psyche der Überlebenden und damit dem Kern der Sache genähert. Knapp bevor die Leute sterben, lässt er sie von ihren Traumata erzählen. Von ungeheuren Gräueltaten, unglaublichen Qualen und unfassbar grausamen Nazischergen ist die Rede. Im Gegensatz zu missglückten Holocaustbüchern, die vermeinen, ihre eigene Glaubwürdigkeit direkt aus fremden Opferberichten ableiten zu können, ist das entscheidende Finale bei Gutfreund auch ästhetisch aus sich selbst heraus legimitiert. Der Bogen, den der Autor mit der Suche eines Kindes nach der Wahrheit des ihn umgebenden Holocaust beginnen lässt, setzt sich konsequenterweise bis hinein in den erwachsenen Schluss fort. Am Ende wird klar, dass mit den beiden Erscheinungsformen der Massenvernichtung, die "Unser Holocaust" rhetorisch so weit auseinander hält, gar nicht anders verfahren werden kann, als es eben in diesem Buch der Fall ist: Der Holocaust der sechs Millionen ist nur zu verstehen, weil er in den Überlebenden stets auch ein privater Holocaust geblieben ist.
Mit einer wirklichen Überraschung wartet Gutfreund im Epilog seines Buches auf. Die Lebensgeschichten der drei Großväter, die man ohne weiteres für authentisch gehalten hätte, sind über weite Strecken fingiert. Alle drei wurden von den Nazis ermordet, Gutfreund hat ihr Lebensgeschichten in überzeugender Weise fortgeschrieben.

Klaus Kastberger in FALTER 41/2003 vom 10.10.2003 (S. 22)


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