Märchen eines wahren Mordes

von Chloe Hooper, Barbara Schaden

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Berlin
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 12/2003

In ihrem Debüt, das Märchen und Mordstory souverän durcheinander schüttelt, zeichnet Chloe Hooper ein völlig unkitschiges Bild von Kindheit.

Kinder in der Kunst sind meist etwas peinlich. Besonders anstrengend ist es, wenn sich ihr Auftreten mit dem verbindet, was man als "Kindermund" kennt - jener vorhersehbaren Schlichtheit des Ausdrucks also, die von Patentanten in den Rang von Orakelsprüchen gehoben wird und quälende Fernsehformate wie "Dingsda" hervorgebracht hat. Als Künstler lässt man jedenfalls von kindlicher Weisheit aller Art tunlichst die Finger, außer man ist Kindertheaterregisseur oder hat nichts zu verlieren. So wie die junge australische Schriftstellerin Chloe Hooper. Sie illustriert ihren Debütroman nicht nur mit krakeligen Kinderzeichnungen und erzählt eine Rahmenhandlung aus der Sicht von Tieren - Hooper schreckt auch nicht vor seitenlangen Dialogen von und mit Volksschulkindern zurück. Aber das ist nicht der einzige Grund, warum "Märchen eines wahren Mordes" ein beachtliches Buch ist.

Im Mittelpunkt steht Kate, Volksschullehrerin in der ehemaligen australischen Sträflingskolonie Tasmanien. Sie hat mit dem Vater eines ihrer Schüler eine Affäre begonnen und wird nun zwischen der Lust am Verbotenen und der Paranoia der Ehebrecherin hin und her gerissen. Die Frau ihres Geliebten ist eine erfolgreiche Krimiautorin und hat auch sonst eine ziemlich gute Spürnase. Gerade hat sie einen Krimi über eine mit Mord und Selbstmord endende Dreiecksbeziehung veröffentlicht; ein wahrer Fall, wie es heißt, der aber dem, was Kate gerade erlebt, verblüffend ähnelt.

Souverän verwebt Chloe Hooper diese beiden Geschichten einer ménage à trois. Die eine, die wahre und blutige, spielt in der Spießigkeit gutbürgerlicher Reihenhaussiedlungen der Siebzigerjahre. Ein Tierarzt hatte ein Verhältnis mit seiner Sprechstundenhilfe, die eifersüchtige Ehefrau kam dahinter und tötete erst die Nebenbuhlerin, dann sich selbst. Das Verbrechen wurde jedoch nie restlos geklärt und beschäftigt nun die Protagonisten der anderen Dreiecksgeschichte: Da ist Kate, jung und verliebt genug, um sich von einem verheirateten Mann weismachen zu lassen, er würde sich ihretwegen scheiden lassen. Da ist der gut situierte Anwalt Thomas, der vor dem außerehelichen Geschlechtsverkehr seine Hose aufhängt und danach daheim anruft - ein Mann in mittleren Jahren, dem das Lügen schon so zur Gewohnheit geworden ist, dass er nicht mehr unterscheiden kann, ob er seine Familie oder sich selbst mehr betrügt. Und da ist schließlich die Ehefrau, eine schöne und selbstbewusste Dame, die sich der Geliebten als Freundin in der Hoffnung andient, damit die Kontrolle über das Geschehen zu behalten.

Kate und Thomas legen indes die Unverfrorenheit der heimlich Liebenden an den Tag, die wissen, dass sie längst durchschaut werden. Sie treffen einander in abgelegenen Hotels, wo man dem Paar schon an der Rezeption ansieht, dass es nicht über Nacht bleiben kann. Das alles ist wunderbar aufgeschrieben, getragen von der hämischen Selbstironie junger Frauen, die sich geschworen haben, nie mehr etwas mit älteren Männern anzufangen.

Das Beziehungsthema ist jedoch nur ein Strang des Romans, wobei "Strang" ein irreführendes Wort ist, denn "Märchen eines wahren Mordes" erinnert eher an eine Schneekugel: Affären, Morde, Fantasien, Milieuschilderungen, die Geschichte Tasmaniens - all das schüttelt Chloe Hooper mit der übermütigen Sicherheit eines Kindes durcheinander, das so sehr ins Spielen vertieft ist, dass es keinen Gedanken an die Umwelt verschwendet. Und entsprechend ist ihr Roman auch ein trotziges und egoistisches Manifest für das Kind im Menschen. Allerdings nicht für diese naive Kindlichkeit, wie sie von Patentanten und Kindertheaterregisseuren verklärt wird, wogegen sich Hooper vehement wehrt. Kindsein ist für Chloe Hooper vielmehr gleichbedeutend mit dem Bedürfnis, sich zu entziehen. Das hat im besten Fall etwas Geniales, meistens mündet es jedoch in einen Prozess der Selbstzerstörung. Die Kate, die sich am Anfang noch so anarchistisch über die Realität hinwegsetzt, weil sie sie nur als eine Fantasie von vielen betrachtet, steht am Ende auf einem "Selbstmörderklippen" genannten Felsen - bereit, den letzten Schritt ihrer Verweigerung zu gehen.

Kompromisslos ist Chloe Hooper auch beim Schreiben. So wie die Hauptfigur Kate die Wirklichkeit als eine Wahrheit von vielen begreift, so sieht die Autorin in der Form des Romans auch nur eine von unzähligen Ausdrucksmöglichkeiten. Stile und Genres wirbeln durcheinander, Märchen, Kriminalfall und postfeministische Statements wechseln einander ab, und irgendwann kann man nicht mehr unterscheiden, ob nun die Geliebte des Tierarztes ermordet wurde oder ob Kate selbst das Opfer ist. Wie ein Kind bastelt sich Hooper aus fantastischen und realen Versatzstücken ihre Welt zurecht und macht sich gleichzeitig auch über dieses Verfahren lustig, indem sie zwischen den Kapiteln alles noch einmal als blutrünstige Tiergeschichte aus der Sicht von Kitty Koala und Winston Wolf aufrollt.

Dass das nicht einmal dort peinlich wird, wo Kate mit ihren Schulkindern seitenlang über Themen wie "Wahrheit" oder "Träume" redet, liegt an Chloe Hoopers Humor. Mit einer Mischung aus Selbstbewusstsein und Selbstironie bewegt sie sich stilsicher durch die vielen Ebenen und Metaebenen des Romans. Dem Größenwahn, sich die Welt nach eigenen Maßstäben neu erschaffen zu können, ist dabei die Endlichkeit eines solchen Vorhabens eingeschrieben. Je idyllischer Kates Lehrerinnenalltag beschrieben wird, desto paranoider werden die Verbrechensfantasien. Hoopers Kindseinwollen hat nichts mit Lebensfreude zu tun, sondern ist eine Verneigung vor dem Tod.

Verena Mayer in FALTER 12/2003 vom 21.03.2003 (S. 6)


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